Was es ist

Die Intensität von
Farben, die nicht flüstern,
oder das ausgewaschene
Gold eines Sonnenuntergangs.
Ich weiß nicht, was es ist,
aber ich sehe es auf deinen
glücklichen Wangen, erkenne
es im zärtlich herausgekerbten
Strom deines Lachens, das
über die flüchtige Kontur
des Lichtes hinwegreicht.
Vielleicht macht es gleich viel,
ob du lachst oder schweigst,
dich leuchtend in dir selbst
verlierst oder meine Lippen suchst:
Niemals werde ich dich ansehen
und verstehen, was es ist.

Ein zentrales poetisches Anliegen

Gute Gedichte unternehmen zumeist den Versuch, aktiv zu differenzieren – und dies ungeachtet ihrer formalen Strukturiertheit. Dies ist für das Ziel der Dichtung – die Schöpfung individueller Ausdrucksformen und Werte – unerlässlich, wie mir scheint. Immer wieder gilt es zu differenzieren, nach Klarheit und Präzision zu streben, um nicht im Allerlei generischer Begriffe zu verweilen.

Anrufung des Herbstes

In den granatroten Gärten
fällt die Sonne.

Ich wende mich ab von
den Früchten, in denen die
Lichtstrahlen miteinander singen.

Denn taub vor Erde sind die Hände.
Zwischen Stern und Akazie
suchten sie das Vaterland.

Die Augen kennen nichts als Schönheit,
und doch leiden sie. Immerzu brennt
in ihnen das Leid einer Stunde,
die sie nicht meint.

Im Zenit des Verdrusses
mögen Hände und Augen
                         doch vergehen!
wird sich die Wunde des Sommers
schließen.

Die enormen Gärten
– granatrot und still –
werden leuchten vor Einsamkeit.

Es werden die Tage des Herbstes sein.

Einer Freundin zugedacht (II)

Gerade im Gedicht ist es uns vergönnt, an einer Liebe zu bauen, deren Fundamente unumstößlich sind. Keine Banalität vermag an ihrem Antlitz zu kratzen, keine Verstimmung lehrt sie zweifeln. Sie ist wahrlich in Stein gemeißelt, eine ewige Skulptur des Geistes, gewappnet gegen die Bürden der Zeit. In jeder ihrer Gebärden liegt die Gewissheit: Sie überdauert. –

Orpheus

Vom Sonnenlicht umwoben
schienen endlos dir die Tage;
Stunden, blütenblass, verflogen,
drangen weit und ohne Klage
in das stumme Weltental.

Rosen trugen deiner Lieder Pein;
gestaltlos, wie ein fremder Wille,
warst du auserkor’n für neues Sein,
darin sich fügten Leid und Stille
in verwandelnd leisem Klang.

Stundenbuch-Projekt #4

Jeden Tag denke ich an die bedeutungslose Stimme meiner Seele. Ich höre mich ihren Namen rufen, während das Nachmittagsdunkel sich zitternd über die Fläche meines Bürozimmers ergießt. Ich sehe, wie die letzten Lichtschleier vom Handgelenk des Lebens brechen. Karg tönen die Minuten auf dem Manuskriptstapel, wenngleich die Uhren seit dem Beginn meiner Existenz schweigen.

Bedeutungsloses Bürozimmer, das mir als Tempel dient! Immerzu trinke ich aus den Kelchen des Verdrusses. Schriften, Gesichter, Fragmente – verwahrt zwischen den krankheitsflimmernden Schaumkronen der Langeweile. – Wie zeitig mich ein vorbeiziehender Vogelschwarm aus dem Kokon des Traumes reißt!Mich, hier!, sitzend am bedeutungslosen Konvolut des Lebens.

In der Dämmerung meines Schreibens überlebe ich mich. Ich, hier!, im zeichenlosen Verwaltungsapparat einer Stadt. Im Erdgeschoss eines abschiedsversunkenen Daseins. Lebendig. Blickend auf die unerhörten Massen, mich spiegelnd im Fensterglas schimmernder Augen. – Doch kein Blick fällt auf mich zurück. Die Gesichter entließen mich aus ihrer Erinnerung.

Stundenbuch-Projekt #3

Denn so ist unser Leben: Wir verwalten den eigenen Verlust, als sei er uns das Wertvollste. Wir dokumentieren und führen Buch. Immer wieder dokumentieren wir den Verlust. Wir sind besessen von der Vorstellung, eines Tages in die schwarzen Zahlen zu kommen, sodass wir beinahe vergessen zu leben. Immerzu erleiden wir Verluste, vergessen das Hinzugewonnene, leben in den Akten der Vergänglichkeit.
Wir fristen eine doppelte Qual, derer wir uns zeitlebens kaum bewusst werden. Nicht einzig foltert uns der Verlust aller Dinge. Es steht hinter jedem Verlust auch eine Geschichte des Dokumentierens und des Aufzeichnens. Wir werden zu jeder Zeit mit der verzweifelten Arbeit unserer Aufzeichnungen konfrontiert. Wir verlieren uns selbst an die Schriften und Photographien, an die leeren, entsättigten Bürozimmer und Studierstuben. Wir haben am Ende unserer Tage nichts als Verlust zu verzeichnen. Und selbst diesen nimmt man uns unversehens aus den gealterten Händen. Aller Besitz, der uns formte, war nichts als Betrug. Nichts als ein kurzes Aufblitzen des Geistes über seinem Grab aus Verlust.

Zur Musikalität der Farben

Die Lyrik bestimmt sich als eine Kunst, in welcher Inhalt und Form in eine fruchtbare Wechselbeziehung eintreten. Die Verse leben demgemäß nicht einzig von ihrem expliziten Sinngehalt, sondern gleichermaßen von ihrer inneren Klangfarbe und Musikalität. Blau, Grün, Orange – dies sind mehr als nur visuelle Qualitäten. Jede dieser Farben verfügt über eine lautlich-materielle Ebene, also über einen spezifischen Klang, über eine einzigartige Musik, die sich von konventionellen optischen Assoziationen abgrenzt. – Im Gedicht sind die Farben zugleich Bilder und Klänge. In ihnen zeichnet sich damit ein genuin synästhetisches Gestaltungsprinzip ab.

Programmatisches III

Was bedeutet es, eine schlichte, doch zugleich kultivierte Poesie zu entwerfen? Eine Poesie, die sich nicht indifferent gegenüber den Sehnsüchten der Menschen nach Schönem zeigt?
Ich vertrete die Ansicht, dass die Poesie – vor allem in Zeiten, in denen es keine »Metaerzählungen« mehr gibt – eine ganz basale Aufgabe zu erfüllen hat. Sie muss einen ästhetischen Gegenpol zu den leblosen Mechanismen der Alltagswelt bilden und den Menschen zurückführen in eine emphatische Vorstellung des Mensch-Seins. In ihrem bescheidenen Dienst für die Menschheit liegt die Berechtigung der Poesie. – Als schlicht erweist sie sich aufgrund ihrer Forderung nach Einfachheit, Klarheit und Verständigung. Kultiviert erscheint sie im Hinblick auf den zu schaffenden Mehrwert für eine spezifische Gemeinschaft, worin gleichsam ihre identitätsstiftende Funktion begründet liegt. – In der Poesie steht demnach immer das Höchste auf dem Spiel: die causa finalis des menschlichen Lebens.

hinter der stunde

mein leib entwächst
dem garten
deiner schlafenden augen

er kennt diesen
frühling nicht, liebes,

er weiß nicht von dir
oder dem klang der lippen
wenn sie den morgen berühren

mein leib, kehre
zurück in dein sinnlich-sein!
gib der stille
ihre lebendige musik!

mein leib!
wilde rose der einsamkeit
– blatt um blatt
                  himmel –.

Stillleben des Schriftraums #7

Die Häuser und Meere stehen still in ihren beschleunigten Bewegungen.
Klirrend geht ein Vogel über die elektrischen Bahnen. Beinahe funkelnd sein
Torso. Ich bemerke die Inschrift seines Lebens: Die Stunden. Die Stunden.
Ich bemerke die silbernen Flügel. Schriften des Wartens und der Wiederkehr.
In dieser Stadt weiß ich die Namen von fernen Gezeiten. Über Staubsilhouetten
legt mein Blick ihre Klaviatur. Himmel und Wasser brauchen mich, brauchen
den Leib des gereinigten Lichts. Doch ich habe die Zeit, den Vogel des Innern, verloren.