kindheit

nachmittagssonne

über dem alten garten

wie in den stein geritzt schimmert das licht

zwischen brüchigen fugen

in den schatten des apfelbaums

malen beflissene kinderhände ihren traum vom erwachsensein
unter ihren füßen

die immergleiche erde
mit ihrem
 duft aus kirschkernmehl oder sonnenmais

und wäscheleinenfrisch
die gereinigte luft
im atem dieses sommers
(doch niemand tritt hervor)

blumen

in Erinnerung an R.M. Rilke

du schreibst mir von blumen
die den geschmack
von nachtluft tragen
wenn deine stimme sie kost

du nähst einen geduldigen saum
zwischen den klang und
sein erlöschen

als schwiegest du
zwischen
meinem herzwort
und seinem beständigen dunkelsein

meerenge

ich wusste nicht einmal
ob ich dich erkennen würde
zwischen den ungleichungen

des meeres
und der vergleichslosen liebe

schmal war dein haar
ein wasserweißer schaum auf
den gewölbten klippen meiner augen

aber all das ist nicht die liebe
und nicht die see

inzwischen ist dein herz eine versförmige
meerenge

man kann darin nicht segeln

die fingerspitze des abends

Anlässlich des 5. Jahrestages der »Lebensmelodie«

mit einem mal
zogst du eine handvoll gegenwart
hervor
und streutest verwildertes laub
oder
den parfümierten schwall an blondem haar
der über deine stirn strömte
in mein gesicht

vielleicht war es nur die fingerspitze
des abends
die in ihre innerlichkeit einkehrte
und zu singen begann

du aber warst stumm
ich fühlte nur deinen mund
der sich langsam unter küssen auftat
und wieder schloss

dein mund war ein ungeschickter
rhythmus
der nichts von seiner poesie wusste

und ich band an deinen mund
die wenigen worte die mir blieben
als wären sie der zunder
des erinnerns

Reflexionen: Körper und Visualität

Was wir zurzeit in den Medien und in der Populärkultur erleben, ist die totalitäre Herrschaft des Körpers. Es geht jedoch nicht um einen lebendigen, berührbaren, fragilen Körper, ein Konglomerat von Empfindungen, Zuständen und ambivalenten Erlebnissen, sondern um eine darstellungsversessene Imagination, um ein verlogenes Abbild – eine vielleicht im tiefsten Erdreich der platonischen Höhle anzusiedelnde Karikatur. Unsere Körper sind uns wegen ihrer medialen Ominpräsenz und ihrem Übermaß an Verbildlichung fremd geworden, und wir erkennen sie nicht mehr als das uns Zugehörige, als das Essenzielle an. Sie sind zu ästhetizistischen, artifiziellen Zeichenarrangements verkommen, die auf nichts verweisen als sich selbst.

nocturne 21/9

Für M.

ich sagte
bleib für immer

und mischte
einen dunklen kolibri
in deinen schlaf

meine blicke waren
aufgefüllt
mit deinen blicken

zwischen deine gewissenhaften lippen
sandte ich
die sehnsucht
meiner unbedachten lippen

ich sagte
bleib für immer

und harrte aus
in der stille
hinter der dein körper lag

wie ein erster sonnenstrahl
am morgen

Stundenbuch #7

Irgendein unverwandtes Knistern weckt die Sehnsucht nach Einsamkeit in mir. Einsam sein mit mir selbst, wie in den Tagen der Jugend, die aus sonnenübersäten Anflügen von Heiterkeit und Besinnung sich speisten. Flüsternd mit den Dingen umgehen, als ginge man durch sie hindurch in ein innigeres Ichsein.
Herbsttage wie diese, gelebt mit einem heimlichen Herz aus Unbekümmertheit, gelebt mit hungrigen Augen, in denen das gebrochene Licht der Pinienhaine strahlte. Tage, die meine Existenz mit behutsamer Sicherheit nährten.

Das Glück war keine Illusion.

Das Glück hatte seine Realität, es war bei mir gewesen, mir zugewandt, die rühmliche Erfindung der Verständigkeit.
Zwischen Skepsis und Zuversicht säte es eine vage, anhaltende Empfindung: Es hatte die Liebe gegeben, das gemeinsame Lachen, die Freundschaft und die Vollkommenheit. Die verschwenderische Hingabe meiner Gefühle war keine Naivität, sondern der Beginn allen Seins, das ich mir selbst zugestand.

In einer Erinnerung, die kein Tagebuch je verzeichnete, sind all diese Momente lebendig, aus denen mein Menschsein entstand. Ich sehe die Silhouetten vertrauter Menschen wie zahme Schatten vorüberziehen. In ihren Gesichtern, die mich gütig betrachten, dämmert mir die Stille allen Glücks entgegen.
Es zeigt uns an jedem Tag die vage Empfindung unserer selbst.

Über das ‚vage Empfinden‘

Gedanken zum Stundenbuch

Generell ist es so, dass die Stundenbuch-Reflexionen wohl immerzu in einem ‚vagen Empfinden‘ verharren; sie loten das (noch) Sprech- und Sagbare aus, indem sie die Fragilität des Verhältnisses von Welt und Sprache als einen Problemfall ausstellen. Was zurückbleibt, ist eine Ahnung, nicht mehr als eine Spur des Wirklichen, um die das poetische Sprechen kreist.

Man könnte zugleich die Hypothese aufstellen, dass die poetische Literatur mit ihrem subjektiven Sprechen immerzu mit Ahnungen operiert und diese für das Zustandekommen einer ‚vagen Empfindung‘ basal sind. Zumindest der poetische Prozess scheint mir essenziell auf das Unvorhersehbare, das als Behauptung sich
gebärdende Ungewisse gestützt zu sein. So wird der Nährboden für einen Effekt bereitet, den wir als einen Einsichtsmoment charakterisieren können: Aus der Ahnung entwickelt sich eine Gewissheit oder ihre Negation. Das Subjekt wird mit sich selbst konfrontiert, es durchlebt den Akt der (Selbst-)Erkenntnis. Dieser Prozess, im Rahmen dessen das Subjekt seine Stellung zu sich selbst und der Welt realisiert, mag als ein Prozess der ‚Überwältigung‘ bezeichnet werden.

Aber wird das Subjekt nicht zu allererst durch sein eigenes Sprechen überwältigt – jenseits jedweden Realitätsbezuges? Ist es nicht die magische Erkenntnis der spezifischen Eigenheit des Subjekts, die im poetischen Text geleistet wird?

Ich möchte hierbei die Annahme aufwerfen, wonach das Subjekt in der Art Literatur, die wir betreiben, primär von der Einsicht in die eigene Identität (respektive deren Gebrochenheit oder Unvollkommenheit) ‚überwältigt‘ wird.
Erst aus diesem Prozess der (positiven oder negativen) Einsicht entsteht die poetische Dramatik, die sich oftmals in eine Dialektik des Seins kanalisiert.
Ist demnach die ‚Überwältigung‘ des Subjekts nicht als Grundlage des poetischen Sprechens zu betrachten?