Vorfrühling

Traktorengeheul
unter dem Meer aus Schwalben.
Fahrzeug um Fahrzeug.

*

Sorgsam durchpflügen
sie den Vorfrühlingsmorgen,
sein endloses Licht.

*

Wandervögel ziehn
mit der Sonne im Rücken,
jenseits der Musik.

*

Die Stadt liegt einsam
im leuchtenden Nebelkleid,
Blüte ohne Leib.

kindheit

nachmittagssonne

über dem alten garten

wie in den stein geritzt schimmert das licht

zwischen brüchigen fugen

in den schatten des apfelbaums

malen beflissene kinderhände ihren traum vom erwachsensein
unter ihren füßen

die immergleiche erde
mit ihrem
 duft aus kirschkernmehl oder sonnenmais

und wäscheleinenfrisch
die gereinigte luft
im atem dieses sommers
(doch niemand tritt hervor)

blumen

in Erinnerung an R.M. Rilke

du schreibst mir von blumen
die den geschmack
von nachtluft tragen
wenn deine stimme sie kost

du nähst einen geduldigen saum
zwischen den klang und
sein erlöschen

als schwiegest du
zwischen
meinem herzwort
und seinem beständigen dunkelsein

meerenge

ich wusste nicht einmal
ob ich dich erkennen würde
zwischen den ungleichungen

des meeres
und der vergleichslosen liebe

schmal war dein haar
ein wasserweißer schaum auf
den gewölbten klippen meiner augen

aber all das ist nicht die liebe
und nicht die see

inzwischen ist dein herz eine versförmige
meerenge

man kann darin nicht segeln

die fingerspitze des abends

Anlässlich des 5. Jahrestages der »Lebensmelodie«

mit einem mal
zogst du eine handvoll gegenwart
hervor
und streutest verwildertes laub
oder
den parfümierten schwall an blondem haar
der über deine stirn strömte
in mein gesicht

vielleicht war es nur die fingerspitze
des abends
die in ihre innerlichkeit einkehrte
und zu singen begann

du aber warst stumm
ich fühlte nur deinen mund
der sich langsam unter küssen auftat
und wieder schloss

dein mund war ein ungeschickter
rhythmus
der nichts von seiner poesie wusste

und ich band an deinen mund
die wenigen worte die mir blieben
als wären sie der zunder
des erinnerns

Reflexionen: Körper und Visualität

Was wir zurzeit in den Medien und in der Populärkultur erleben, ist die totalitäre Herrschaft des Körpers. Es geht jedoch nicht um einen lebendigen, berührbaren, fragilen Körper, ein Konglomerat von Empfindungen, Zuständen und ambivalenten Erlebnissen, sondern um eine darstellungsversessene Imagination, um ein verlogenes Abbild – eine vielleicht im tiefsten Erdreich der platonischen Höhle anzusiedelnde Karikatur. Unsere Körper sind uns wegen ihrer medialen Ominpräsenz und ihrem Übermaß an Verbildlichung fremd geworden, und wir erkennen sie nicht mehr als das uns Zugehörige, als das Essenzielle an. Sie sind zu ästhetizistischen, artifiziellen Zeichenarrangements verkommen, die auf nichts verweisen als sich selbst.

nocturne 21/9

Für M.

ich sagte
bleib für immer

und mischte
einen dunklen kolibri
in deinen schlaf

meine blicke waren
aufgefüllt
mit deinen blicken

zwischen deine gewissenhaften lippen
sandte ich
die sehnsucht
meiner unbedachten lippen

ich sagte
bleib für immer

und harrte aus
in der stille
hinter der dein körper lag

wie ein erster sonnenstrahl
am morgen