NachtReflexionen

Warum hängen wir so an den Dingen? Warum sind wir so eitel mit allem, was vergänglich ist? Warum dieses Festhalten? Diese Gesten, die uns über alle Maße erhöhen, diese reine Überhebung. Wir gehen doch ohne alles. Am Ende bleibt nichts haften von dem Besitz, um den sich all unsere Sorgen drehen.

Dieses Leben ist eine Laufbahn, auf der wir jeden Punkt nur einmal erleben. Wie töricht, jedes Mal zu stoppen um die Momente aus dem Nebel der Zeit zu klauben mit unsicherer Hand. Zu glauben, sie verstauen zu können in unseren Beuteln aus Stoff, in unseren Kommoden und Schränken. Wir wissen doch, dass wir auf nichts bauen können, als die Veränderung selbst. Auf die todsichere Gewissheit, dass alles zerfließt und sich wandelt. Dass alles, was wir so sorgsam horten, uns schließlich verlässt.

Frühsommernacht

Wieder klaubst du sorgsam
die blonden Strähnen
des Nachmittags aus dem Haar
der Mandelbäume.
Die Küste brummt menschenleer
mit ihren geschliffenen Wellen.
Der Horizont sinkt über dem Meer
in das Gezänk der Schwalben,
bis nichts mehr bleibt als die Silhouette
seines obskuren Gesangs,
dort, ganz dicht an der Herzkammer
dieser Frühsommernacht.

Sommer

Gib den Orangen

die valencianische Sonne, 

reif und immerklar.

Leg deine warme Hand

über den Schatten der Brunnen.

Die Sommer vergehen

im dunklen Lavendellicht.

Am Abend ziehen die Wolken

mit ihren Bäuchen aus Karmesin übers Land.

Es leuchten die Gestirne,

Silbe um Silbe,

über der Einsamkeit des Seins.

Rauschen

Alles will ich rauschen hören.
Gefilde und Licht,
Stille und Sprache.
Den Blaumeisenflug unter dem
Schatten des Kirschbaums.
Mit allen Sinnen will ich
an die Wurzel der Frühlingsluft vordringen.
Ich will dem lauten Ruf der Amsel
ein Bett in meiner Sehnsucht aufschlagen,
ehe der Nachmittag dunkelt.
Bis die Märzenbecher an
hundert Stellen musizieren, harre ich aus.
Alles, alles will ich rauschen hören.

Über Melancholie

Die Melancholie ist ein zweischneidiges Schwert. Sie zieht großes Leid nach sich, wenn man sie gewähren lässt. Sie öffnet alte Wunden, wirft uns zurück auf Verfehlungen der Vergangenheit, wenn wir nicht lernen, sie richtig zu kanalisieren. Die Melancholie ist aber zugleich unentbehrlich. Sie ist das einzige Werkzeug, das uns konstant an unser früheres Ich zurückbindet und eine Schneise in das Kontinuum der Zeit schlägt. Ohne ein melancholisches Empfinden gibt es womöglich kein produktives emotionales Wachstum. Denn jeder Moment der Zerrissenheit stellt eine innere Zäsur dar, die zur Bewältigung drängt. In diesem Sinne speist sich auch die Poesie aus einer latenten Melancholie. Einer Unvereinbarkeit von Vergangenheit und Gegenwart, die durch die Kraft der Worte, unter höchster emotionaler Anspannung, befriedet werden soll.

Lyrischer Dezember #31

Silvesternacht

Die längste Nacht des Jahres,
flüsterst du, inmitten dieser
Vorfrühlingswärme.
Ich streife durch dein Haar
und hinterlasse ein
sich langsam öffnendes
Blütenblatt.
Feuerblitze brennen
unterm schwarzblauen Himmel.
Auch das Herz zündet
die Gestirne an.
Jedem einzelnen gibst du
deinen Namen.

***

Allen Leserinnen und Lesern sei hiermit ein erfolgreiches, gesundes Jahr 2018 gewünscht. Ganz herzlich danke ich für das rege Interesse und die positive Resonanz. Möge der Jahresausklang ausgelassen und friedlich sein.

Euer Ángel

Lyrischer Dezember #30

Rauhnacht

Eine Spur reinen Frosts
hinterlassen
in dieser
sternklaren Nacht,
den Geruch deiner
Haut festhalten,
der soeben
das Herz anzündet.
Noch einmal den Anblick
deines Körpers
vorm eisbehagelten Fenster
in den Bernstein
des Erinnerns schließen.
Die Rauhnacht zwischen
deinen Lippen
besänftigen
mit dem Hunger der Sehnsucht.

Lyrischer Dezember #26

Schatten deiner Stimme

Diese weißen Spuren
unterm verlassenen Firmament
führen zu dir.
Mit jedem Vogellaut
wächst deine Nähe.
Bald ist die Sehnsucht
nicht mehr
als diese schmale Hand,
die mich festhält.
Bald ist unser Leben
nicht mehr
als dieses Wort,
das du nicht aussprichst.
Du verdankst deinen Namen
einer Melodie,
auch wenn du nicht singst.
Einstimmen will ich in dein Schweigen,
dich lieben bis unter den Schatten
deiner Stimme.

Lyrischer Dezember #25

Weihnachtstage

Allerorten funkelt
das Licht hinter verschneiten Fenstern.
Kerzendüfte schleichen durch
behaglich warme Stuben.
Strahlend flüstern, voller Heimlichkeit,
die Augen, Münder lachen
voller Zuversicht.
Niemand mehr, der einsam ist
in weihnachtlichem Rund.
Alles rückt zusammen,
zelebriert Dezembers letzte Stund‘.
Das alte Jahr geht aus in Stille,
als ginge es nach Haus‘.

Lyrischer Dezember #24

Dein Gesicht

In diesem Winter
von Rosen schreiben,
auf dieser langen Straße
unter dem Himmel stehend.
Erinnerst du dich?
Unter den windigen Sternen
ein Herz aussäen,
das den Dezember übersteht.
Nur diesen einen Wunsch
daran binden,
der langsam aufsteigt,
bis man ihn vergisst.
Es zählt gleich viel:
Wunsch und Vergessen.
Im Zentrum der Nacht leuchtet
noch immer dein Gesicht,
es wird meine Erinnerung
an mich selbst sein.

***

Allen Leserinnen und Lesern sei an dieser Stelle ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest gewünscht! Taucht ein in die Stille dieser harmonischen, intensiven Zeit. Und habt meinen herzlichen Dank für die gute Resonanz während dieses so lyrikreichen Dezembers!

Lyrischer Dezember #23

Alte Birke unterm Nachthimmel

Was du lehrst,
ist nicht die Liebe
oder das Verlangen,
sondern die Einfachheit.
Die ungetrübte Klarheit
aller Dinge,
ihr Gewesen-Sein,
das so würdevoll ist,
dass man sie sich behält.
Ihr Aufleuchten
inmitten der Schlaflosigkeit,
selbst nach Jahren,
auch wenn wir meinen,
sie zu vergessen.

Lyrischer Dezember #22

Namen, den niemand ruft

Mit dir schritt ich
durch die Stille,
mein Freund,
schritt durch Innigkeit,
Tiefe.
Wir verließen diese
Stille irgendwann
und verließen sie doch nicht.
Die Straßen verlaufen
noch immer durch
die Einsamkeit,
wenn sie zur Sonne fließen.
Noch immer kennt
die Freundschaft nur
diesen Namen,
den niemand ruft.

Lyrischer Dezember #21

Zwischen Sonne und Stein

Ich lasse dich frei,
Herz,
hörst du?

Ich setze dich aus
zwischen Sonne
und Stein,

lasse das Wasser
deinen Namen
reinwaschen –
Herz,
hörst du?

Fließ zurück,
Herz,
fließ nur zurück
in dein Einsamsein.

Siedle
im Schatten
des Kolibri,
steig auf
im Gesang der Amsel.

Wenn zwischen Sonne
und Stein
der Sommer wächst,

bist
du selbst
der Gesang,

singe nur fort,
Herz,

ich höre dich.

Lyrischer Dezember #20

Hinter den Sonnenblumen

Der Tag schließt seine gefiederten Augen.
Schwer wie Mühlsteine
mahlen die Abschiedsstunden.
Im Gezweig fließt ihre
honiggelbe Musik,
streckt die geduldigen Hände aus
(du ergreifst sie mit meiner Hand).
Gemeinsam schleichen wir
um die mondhellen Akkorde.
Werd nur nicht still,
sondern sprich mir deinen Vers
ins Haar
dicht hinter den Sonnenblumen.

Lyrischer Dezember #19

Herbstmeer

Tagein, tagaus das Meer
mit seinen hungrigen Schiffen,
beladen mit Horizont.
An den Felsen leuchtet
dem Heimkehrer die Flut.
Gerade kehrte man noch das Laub
von den Fluren.
Südwestwinde färbten die
salzige Haut.
Nun regnet das Jahr seine
Seele aus, schleicht
noch einmal um das Herz der See.
Tief im Geknister der Brandung
wohnt die Sehnsucht.
Tagein, tagaus das stillgelegte
Herbstmeer,
seine ungezähmte Ferne: dieser letzte
Leuchtturm im Nebel.

Lyrischer Dezember #18

Zwischen der Herzhaut

Deine ausgestreckten Hände,
die mir Träume ausbreiten
in Sommermondnächten.
Unter dem Mund das karge Restlicht,
wundersam, verwinkelt.
Beladen mit Erde und Frucht
(sodass du kaum sprichst).
Dein Schwalbenkörper
ist wie der Gesang der Zikaden
inmitten des Orangenhains.
Lass deine Liebe herabregnen,
schlag deine Musik auf
wie das mondgebrannte Fenster.
In deinen Händen lande ich an
mit meinen Lippen,
bevölkere deinen Schlaf.
Noch einmal den Himmel auskämmen
mit deiner klaren Musik,
und zwischen der Herzhaut
einen lebendigen Stern pflanzen.

Lyrischer Dezember #17

Dämmerungsanbruch

Vor meinen Augen
bist du mit deiner
berührbaren Ruhe,
die an meinen Schultern brandet.
Ein letztes Leuchten:
wenn deine Hand mein Gesicht hält
(es fällt dir fast zu);
wenn du das Licht ausbürstet aus
dem Wintertag.
Geh nur, sage ich,
und du bleibst,
eine Woche, vielleicht,
einen Monat. Du weißt es nicht.
Vor meinen Augen
bist du,
in deinem Rücken das Licht,
das sich kräuselt.
Noch hast du nicht gesprochen.
Deine Lippen sind unsicher,
das vergeht, sagst du.
Und ich sehe noch,
wie die Worte ihr Schweigen verschlingen.