Stundenbuch #6

Manchmal ist dort ein dumpfer Goldglanz in den Cumuluswolken, die über die fahlen, verschmutzten Dächer der Vorstadt ziehen, während ich hier in meinem nichtssagenden Bürozimmer sitze und Buch führe. Ich denke dann an Menschen mit vielsilbigen Gesichtern, Menschen aus vergangener Zeit, deren Haut noch immer den Geruch hunderthäuptiger Jacarandabäume trägt.
Ich verliere mich in den sinnreichen Aufzeichnungen, die ich nie angefertigt habe. Ich begreife, dass mein Leben nichts als der Versuch ist, ein Leben zu entwerfen. Und plötzlich dürstet es mich nach dem Vergessen. Ich will das Bürozimmer im zweiten Stock einer menschenleeren Straße, dessen Wände keinen Horizont zu zeigen scheinen, verlassen.

Ich erhebe mich von meinem hölzernen Stuhl und fixiere mit beiden Augen langsam das dunkelblaue, mit Schatten angereicherte Nachmittagslicht, das durch die schmalen Fensterscheiben bricht. Die Zeit des Verdrusses schreitet mit ungeheuren Schritten auf mich zu.

Ich sehe davon ab, die Unabänderlichkeit meiner fremdverschuldeten Existenz auf die Probe zu stellen. Inmitten der Schweigsamkeit begebe ich mich zurück an den Tisch und schlage das Postbuch auf, das keine Adressierungen an meine Person verzeichnet.
Die immergleiche Monotonie des Seins wird unterbrochen von einem letzten Blick in Richtung der Vorstadt. Die Dächer tragen ihren fahlen, schmutzigen Ton, die Wolken verweigern ihren dumpfen Goldglanz. Im Nachbarhaus blickt ein Mädchen in ihren Spiegel. Die Existenz flieht uns in hundert Dingen…

Im späten August

für T.

Wahrscheinlich hast du mich dieses eine Mal erkannt. Denn du hattest plötzlich ein unaufgeregtes Lächeln in deinem sonnensatten Gesicht, als du dort liefst, an mir vorüberliefst, gezeichnet von Lebensglück.

Ich sah dein Gesicht nicht oft. Doch ich erkannte es wieder. Dein Gesicht war geformt aus den Tonscherben der Gegenwart, innig verwachsen mit dem Wunsch, eins mit sich selbst zu sein.

Dein Gesicht war ohne Vergangenheit. Ich weiß deshalb nicht, warum ich es erkannte. Vielleicht war es die verdichtete Gewissheit deiner Präsenz, die mich meiner Melancholie entriss. Das unhintergehbare Flüstern der Gedanken im späten August, mit denen man umherirrt in einem fragilen Vakuum aus Einsamkeit.

Stundenbuch #5

Die Verluste, die wir erleiden, spiegeln uns mehr als die strahlenden Augen eines vertrauten Menschen. Denn wir sind nichts anderes als der Verlust. Wir vermeiden seinen genauen Namen, und doch schweigen wir ihn mit jeder Silbe, die durch unsere Gedanken rinnt.
Wir leben unsere Existenz schweigend dahin. Die Worte dringen nicht vor bis zu den Worten. Das Uneigentliche der Wahrheit treibt einen unabschließbaren Keil in unser vages Empfinden. Nichts als Verlust ist in der Welt, die wir täglich erblicken. Und mit jedem Tag nähren wir unser eigenes Verschwinden, aus dem die Wahrheit erwächst.

Wieder-Holen/Erinnern/Vergessen

Möglicherweise haben unsere Bemühungen, das Vergangene ins Gedicht zu holen, primär das Ziel, etwas zu verschleiern und in die Unklarheit, ja in eine fruchtbare Ambivalenz zu führen.

Denn oftmals scheint sich das Gedicht an das Vergessen zu erinnern, das es benennt, also zugleich an die unausgesprochene Schwierigkeit einer zeitlichen Kontinuität, die als Hypothese der Dialektik von Erinnern und Vergessen fungieren muss.

Oder aber das Gedicht macht uns vergessen, dass es selbst aus Erinnerungen besteht, eine übersteigerte, fiktionale Wieder-Holung des de facto Unwiederholbaren ist, also aus einer neubeschworenen Gegenwart zu uns spricht, die ihre Anbindung an die Vergangenheit durch die erdrückende Präsenz der Schrift verschleiert.

Was aber kann das Gedicht wieder(-)holen als seine eigene, immergleiche Gegenwart, die auf nichts anderes als sich selbst verweist?

Einer Freundin zugedacht (IV)

Ich möchte deinen Satz „Kunst kann immer nur im Jetzt ansetzen“ herausgreifen, um ihm einige Überlegungen beizustellen, von denen ich mir selbst mehr Klarheit im Bezug auf das Schreiben verspreche.

In den letzten Monaten war die Arbeit am sogenannten „Jetzt“ gewiss die kräftezehrendste und schmerzlichste Aufgabe für mich, führte sie doch zielsicher in die Aporie. Wir meinen häufig, das Jetzt sei das einzig Greifbare, Vorhandene, Reale, doch gleichzeitig sehen wir, dass es keine Möglichkeit gibt, diesem Zeit-Punkt unmittelbar habhaft zu werden, weder durch die Kunst noch durch die Wissenschaft.

Und noch während wir im vermeintlichen Jetzt schreiben, verflüssigt sich dieser hypothetische Ausgangspunkt, den wir quasi schreibend – von einer Spur ausgehend – konstituieren. Das Jetzt ist gewissermaßen der elastische, halbtransparente Rahmen, welchen wir unserer Arbeit an der Zeit aufzwängen.

Vielleicht ist also das Jetzt lediglich die notwendige (lindernde) Fiktion, um überhaupt irgendetwas beginnen zu können, – die notwendige Voraussetzung einer eigentlich nicht vorauszusetzenden Gegenwart?

Einer Freundin zugedacht (III)

Sehr oft habe ich im Rahmen meiner poetischen Arbeit darüber reflektiert, wie das Vergangene, das Unwiederbringliche zu handhaben sei. Immer stieß ich dabei auf die Kunst, auf nichts als die Kunst.
Wenn wir vom Unwiederbringlichen sprechen, gibt es sicherlich graduelle Abstufungen, die in ihrer jeweiligen Ausformung ganz unterschiedliche Anforderungen an uns stellen.
Der Tod ist freilich nicht mit dem Abbruch einer zwischenmenschlichen Beziehung oder dem Ende einer Liebe zu vergleichen. Dennoch scheinen mir die Gedankengänge und Zweifel, die Agonien und Schmerzen in eine ähnliche Richtung zu weisen.
Es ist eine Richtung, die uns mit der erdrückenden Frage konfrontiert, wer wir sind. Und vielleicht ist dies erst der Moment, in welchem die Kunst ihre Geburtsstunde erlebt.

Du brachst die Vokale entzwei

deine anwesenheit
war die gerinnung
eines schattenwurzelnden traums
als wir uns liebten
hinter dem
bittermond

schwertlilien
riefen mit
rottweileraugen
bissfester stimme
nach mir

so zu sprechen
in einer kalknachtstille
unterhalb der leibesgrenze

– du brachst die vokale entzwei –

war wie zu schweigen
mit petrarkismen
und
apostrophen

Vertreibung

Ich lebe
wo die Erde beginnt Salz zu sein
hinter dem ausgestreckten Flüstern der Toten
wo der Mund dürstet an offener Quelle
und sich sättigt mit trockenen Worten
aus Granit und Porphyr
wo die Liebe nicht mehr ist als ein Zucken
der Sonne auf knallrotem Pflasterstein
wo das brüchige Fensterglas einen opaken Schleier
aus Trauer trägt
und man die Mädchen fortjagt
mit ihren stolzen Tüchern aus Gebeinen und Tränen.

Neuer Gedichtband: Ein halbes Lichtjahr

Meine geschätzte Dichterfreundin Hannah Buchholz legt mit ihrem neuen Gedichtband ›Ein halbes Lichtjahr‹ eine poetische Annäherung an die zentralen Schwerpunkte und Problemfelder des Lebens vor. Lyrisch verdichtet und gleichermaßen beredt erkundet Hannah Buchholz die komplexen Strukturen und Implikationen der Liebe, der Sehnsucht, des Verlustes und der Melancholie. Ihr Fokus liegt primär auf dem Versuch, das menschliche Sein und Empfinden in seiner Wechselwirkung mit Zeit, Raum, Sprache und Natur offenzulegen. Das ›halbe Lichtjahr‹ wird dabei als Chiffre für die Unmöglichkeit gesetzt, gefühltes Verlangen mit erlebter Wirklichkeit übereinzubringen – eine Unmöglichkeit, die im Gedicht neu verhandelt und schließlich transzendiert werden soll.

Der Gedichtband ist u.a. über Amazon zu erwerben.

LYRIK-BLOG HANNAH BUCHHOLZ


ISBN-9783944716107(1)



Liebe LeserInnen,

heute erscheint mein neuer Gedichtband „Ein halbes Lichtjahr“,
illustriert mit wunderbaren Bildern der Künstlerin Greta Rief.

Greta Rief hat die Illustrationen eigens für diesen Gedichtband angefertigt.

An dieser Stelle nochmal meinen allerherzlichsten Dank, liebe Greta!

Dieser Gedichtband kann ab sofort bei mir oder in jeder Buchhandlung bestellt werden.

Herzliche und sonnige Grüße,

Hannah

Ursprünglichen Post anzeigen

Die Aufgabe der Poesie. Eine Kritik

Zuweilen ist es notwendig, sich der tatsächlichen Aufgabe der Poesie rückzuversichern; dies geschieht im öffentlichen Diskurs, der immer stärker auf die Leserperspektive zugeschnitten ist, leider viel zu selten. Obendrein scheinen sich die Parameter für die Beurteilung dieser so wichtigen Sprachkunst in den letzten Jahrzehnten verschoben zu haben. Diese Verschiebung hat zu einem Prozess der Entsubjektivierung in der Poesie geführt, einer Übergewichtung der Technik zu Lasten des Spektrums persönlicher Empfindungswelten.
Wenn wir jedoch die Frage aufwerfen, was es mit dem Wesen des Poetischen auf sich hat, gelangen wir zu einer konträren Erkenntnis: Die Poesie ist keine belanglose Spielerei mit Worten und kein reines Erkenntnisinstrument; die Poesie ist das ganze Leben! Sie ist eine Gesamtheit von Ausdrücken, Äußerungen, Gedanken und Wahrheiten.

Die Poesie setzt ihrem Wesen nach beim Individuum an, das immer eine Geschichte und eine Stimme besitzt. Ohne diese Stufe der persönlichen Rückbindung greift das Gedicht, greift das lyrische Werk zu kurz.
Das Subjekt aus der Poesie herauszubrechen bedeutet, ihren zentralen Ausgangspunkt zu unterminieren. Die vollständige Marginalisierung des Subjektes, die seit Jahrzehnten auf Kosten der tatsächlichen Kunst betrieben wird, mag dabei ein Resultat postmodernen Denkens sein. Ein Denken, das nach und nach alles ausgemerzt hat, was an Persönlichem in der Kunst vorhanden war.

Und doch wissen wir, dass Worte, die wir aus uns herausstellen und in eine lyrische Form überführen, immer etwas Bedeutendes zu sagen und aufzuzeigen haben. Es handelt sich um mehr als nur eine politische Bemerkung oder eine Kritik an der Gesellschaft, die den Koventionen des Zeitgeistes entspricht; es geht um nicht weniger als das Leben, um einen emphatischen Begriff des Er-lebens. Wenn wir aufrichtige Poesie schaffen, werfen wir mit unseren Versen Schlaglichter auf die Wirklichkeit und versuchen sie dadurch transparent zu machen. In jeder Silbe liegt der Wunsch, die Verfasstheit unseres Lebens mit Vernunft, Emotion und Instinkt zu durchleuchten. All dies ist mehr als sprachliches Handwerk; es ist die authentische Äußerung eines Individuums über sich selbst, die durch nichts zu ersetzen ist. Es ist das Porträt eines Menschen, der sich im Spiegel seiner Worte erkennt.