Lyrik-Anthologie ›Herzweise‹

Liebe Leserinnen und Leser,

ich freue mich sehr, euch darüber informieren zu dürfen, dass im Herbst dieses Jahres eine Anthologie im Münchner Verlag in der Lindenstraße erscheinen wird, welche ich gemeinsam mit den aufgeführten und von mir außerordentlich geschätzten Autorinnen initiiert habe. 100 Gedichte der Gegenwart sollen darin versammelt werden und die Vielstimmigkeit moderner Lyrik beredt vor Augen führen.
Gern möchte ich dazu ermutigen, die Seiten der beteiligten Autorinnen zu besuchen, denn dort finden sich wahrlich allerhand ansprechende, von Passion und Ratio gleichermaßen fundierte Verse.

Weitere Informationen werden in Bälde folgen.

Herzliche Grüße
Euer Ángel

Blatt_Herzweise.jpg

Vorfrühling

Traktorengeheul
unter dem Meer aus Schwalben.
Fahrzeug um Fahrzeug.

*

Sorgsam durchpflügen
sie den Vorfrühlingsmorgen,
sein endloses Licht.

*

Wandervögel ziehn
mit der Sonne im Rücken,
jenseits der Musik.

*

Die Stadt liegt einsam
im leuchtenden Nebelkleid,
Blüte ohne Leib.

kindheit

nachmittagssonne

über dem alten garten

wie in den stein geritzt schimmert das licht

zwischen brüchigen fugen

in den schatten des apfelbaums

malen beflissene kinderhände ihren traum vom erwachsensein
unter ihren füßen

die immergleiche erde
mit ihrem
 duft aus kirschkernmehl oder sonnenmais

und wäscheleinenfrisch
die gereinigte luft
im atem dieses sommers
(doch niemand tritt hervor)

blumen

in Erinnerung an R.M. Rilke

du schreibst mir von blumen
die den geschmack
von nachtluft tragen
wenn deine stimme sie kost

du nähst einen geduldigen saum
zwischen den klang und
sein erlöschen

als schwiegest du
zwischen
meinem herzwort
und seinem beständigen dunkelsein

meerenge

ich wusste nicht einmal
ob ich dich erkennen würde
zwischen den ungleichungen

des meeres
und der vergleichslosen liebe

schmal war dein haar
ein wasserweißer schaum auf
den gewölbten klippen meiner augen

aber all das ist nicht die liebe
und nicht die see

inzwischen ist dein herz eine versförmige
meerenge

man kann darin nicht segeln

die fingerspitze des abends

Anlässlich des 5. Jahrestages der »Lebensmelodie«

mit einem mal
zogst du eine handvoll gegenwart
hervor
und streutest verwildertes laub
oder
den parfümierten schwall an blondem haar
der über deine stirn strömte
in mein gesicht

vielleicht war es nur die fingerspitze
des abends
die in ihre innerlichkeit einkehrte
und zu singen begann

du aber warst stumm
ich fühlte nur deinen mund
der sich langsam unter küssen auftat
und wieder schloss

dein mund war ein ungeschickter
rhythmus
der nichts von seiner poesie wusste

und ich band an deinen mund
die wenigen worte die mir blieben
als wären sie der zunder
des erinnerns