Vertreibung

Ich lebe
wo die Erde beginnt Salz zu sein
hinter dem ausgestreckten Flüstern der Toten
wo der Mund dürstet an offener Quelle
und sich sättigt mit trockenen Worten
aus Granit und Porphyr
wo die Liebe nicht mehr ist als ein Zucken
der Sonne auf knallrotem Pflasterstein
wo das brüchige Fensterglas einen opaken Schleier
aus Trauer trägt
und man die Mädchen fortjagt
mit ihren stolzen Tüchern aus Gebeinen und Tränen.

Neuer Gedichtband: Ein halbes Lichtjahr

Meine geschätzte Dichterfreundin Hannah Buchholz legt mit ihrem neuen Gedichtband ›Ein halbes Lichtjahr‹ eine poetische Annäherung an die zentralen Schwerpunkte und Problemfelder des Lebens vor. Lyrisch verdichtet und gleichermaßen beredt erkundet Hannah Buchholz die komplexen Strukturen und Implikationen der Liebe, der Sehnsucht, des Verlustes und der Melancholie. Ihr Fokus liegt primär auf dem Versuch, das menschliche Sein und Empfinden in seiner Wechselwirkung mit Zeit, Raum, Sprache und Natur offenzulegen. Das ›halbe Lichtjahr‹ wird dabei als Chiffre für die Unmöglichkeit gesetzt, gefühltes Verlangen mit erlebter Wirklichkeit übereinzubringen – eine Unmöglichkeit, die im Gedicht neu verhandelt und schließlich transzendiert werden soll.

Der Gedichtband ist u.a. über Amazon zu erwerben.

LYRIK-BLOG HANNAH BUCHHOLZ


ISBN-9783944716107(1)



Liebe LeserInnen,

heute erscheint mein neuer Gedichtband „Ein halbes Lichtjahr“,
illustriert mit wunderbaren Bildern der Künstlerin Greta Rief.

Greta Rief hat die Illustrationen eigens für diesen Gedichtband angefertigt.

An dieser Stelle nochmal meinen allerherzlichsten Dank, liebe Greta!

Dieser Gedichtband kann ab sofort bei mir oder in jeder Buchhandlung bestellt werden.

Herzliche und sonnige Grüße,

Hannah

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Die Aufgabe der Poesie. Eine Kritik

Zuweilen ist es notwendig, sich der tatsächlichen Aufgabe der Poesie rückzuversichern; dies geschieht im öffentlichen Diskurs, der immer stärker auf die Leserperspektive zugeschnitten ist, leider viel zu selten. Obendrein scheinen sich die Parameter für die Beurteilung dieser so wichtigen Sprachkunst in den letzten Jahrzehnten verschoben zu haben. Diese Verschiebung hat zu einem Prozess der Entsubjektivierung in der Poesie geführt, einer Übergewichtung der Technik zu Lasten des Spektrums persönlicher Empfindungswelten.
Wenn wir jedoch die Frage aufwerfen, was es mit dem Wesen des Poetischen auf sich hat, gelangen wir zu einer konträren Erkenntnis: Die Poesie ist keine belanglose Spielerei mit Worten und kein reines Erkenntnisinstrument; die Poesie ist das ganze Leben! Sie ist eine Gesamtheit von Ausdrücken, Äußerungen, Gedanken und Wahrheiten.

Die Poesie setzt ihrem Wesen nach beim Individuum an, das immer eine Geschichte und eine Stimme besitzt. Ohne diese Stufe der persönlichen Rückbindung greift das Gedicht, greift das lyrische Werk zu kurz.
Das Subjekt aus der Poesie herauszubrechen bedeutet, ihren zentralen Ausgangspunkt zu unterminieren. Die vollständige Marginalisierung des Subjektes, die seit Jahrzehnten auf Kosten der tatsächlichen Kunst betrieben wird, mag dabei ein Resultat postmodernen Denkens sein. Ein Denken, das nach und nach alles ausgemerzt hat, was an Persönlichem in der Kunst vorhanden war.

Und doch wissen wir, dass Worte, die wir aus uns herausstellen und in eine lyrische Form überführen, immer etwas Bedeutendes zu sagen und aufzuzeigen haben. Es handelt sich um mehr als nur eine politische Bemerkung oder eine Kritik an der Gesellschaft, die den Koventionen des Zeitgeistes entspricht; es geht um nicht weniger als das Leben, um einen emphatischen Begriff des Er-lebens. Wenn wir aufrichtige Poesie schaffen, werfen wir mit unseren Versen Schlaglichter auf die Wirklichkeit und versuchen sie dadurch transparent zu machen. In jeder Silbe liegt der Wunsch, die Verfasstheit unseres Lebens mit Vernunft, Emotion und Instinkt zu durchleuchten. All dies ist mehr als sprachliches Handwerk; es ist die authentische Äußerung eines Individuums über sich selbst, die durch nichts zu ersetzen ist. Es ist das Porträt eines Menschen, der sich im Spiegel seiner Worte erkennt.

Was es ist

Die Intensität von
Farben, die nicht flüstern,
oder das ausgewaschene
Gold eines Sonnenuntergangs.
Ich weiß nicht, was es ist,
aber ich sehe es auf deinen
glücklichen Wangen, erkenne
es im zärtlich herausgekerbten
Strom deines Lachens, das
über die flüchtige Kontur
des Lichtes hinwegreicht.
Vielleicht macht es gleich viel,
ob du lachst oder schweigst,
dich leuchtend in dir selbst
verlierst oder meine Lippen suchst:
Niemals werde ich dich ansehen
und verstehen, was es ist.

Ein zentrales poetisches Anliegen

Gute Gedichte unternehmen zumeist den Versuch, aktiv zu differenzieren – und dies ungeachtet ihrer formalen Strukturiertheit. Dies ist für das Ziel der Dichtung – die Schöpfung individueller Ausdrucksformen und Werte – unerlässlich, wie mir scheint. Immer wieder gilt es zu differenzieren, nach Klarheit und Präzision zu streben, um nicht im Allerlei generischer Begriffe zu verweilen.

Anrufung des Herbstes

In den granatroten Gärten
fällt die Sonne.

Ich wende mich ab von
den Früchten, in denen die
Lichtstrahlen miteinander singen.

Denn taub vor Erde sind die Hände.
Zwischen Stern und Akazie
suchten sie das Vaterland.

Die Augen kennen nichts als Schönheit,
und doch leiden sie. Immerzu brennt
in ihnen das Leid einer Stunde,
die sie nicht meint.

Im Zenit des Verdrusses
mögen Hände und Augen
                         doch vergehen!
wird sich die Wunde des Sommers
schließen.

Die enormen Gärten
– granatrot und still –
werden leuchten vor Einsamkeit.

Es werden die Tage des Herbstes sein.

Einer Freundin zugedacht (II)

Gerade im Gedicht ist es uns vergönnt, an einer Liebe zu bauen, deren Fundamente unumstößlich sind. Keine Banalität vermag an ihrem Antlitz zu kratzen, keine Verstimmung lehrt sie zweifeln. Sie ist wahrlich in Stein gemeißelt, eine ewige Skulptur des Geistes, gewappnet gegen die Bürden der Zeit. In jeder ihrer Gebärden liegt die Gewissheit: Sie überdauert. –

Orpheus

Vom Sonnenlicht umwoben
schienen endlos dir die Tage;
Stunden, blütenblass, verflogen,
drangen weit und ohne Klage
in das stumme Weltental.

Rosen trugen deiner Lieder Pein;
gestaltlos, wie ein fremder Wille,
warst du auserkor’n für neues Sein,
darin sich fügten Leid und Stille
in verwandelnd leisem Klang.

Stundenbuch-Projekt #4

Jeden Tag denke ich an die bedeutungslose Stimme meiner Seele. Ich höre mich ihren Namen rufen, während das Nachmittagsdunkel sich zitternd über die Fläche meines Bürozimmers ergießt. Ich sehe, wie die letzten Lichtschleier vom Handgelenk des Lebens brechen. Karg tönen die Minuten auf dem Manuskriptstapel, wenngleich die Uhren seit dem Beginn meiner Existenz schweigen.

Bedeutungsloses Bürozimmer, das mir als Tempel dient! Immerzu trinke ich aus den Kelchen des Verdrusses. Schriften, Gesichter, Fragmente – verwahrt zwischen den krankheitsflimmernden Schaumkronen der Langeweile. – Wie zeitig mich ein vorbeiziehender Vogelschwarm aus dem Kokon des Traumes reißt!Mich, hier!, sitzend am bedeutungslosen Konvolut des Lebens.

In der Dämmerung meines Schreibens überlebe ich mich. Ich, hier!, im zeichenlosen Verwaltungsapparat einer Stadt. Im Erdgeschoss eines abschiedsversunkenen Daseins. Lebendig. Blickend auf die unerhörten Massen, mich spiegelnd im Fensterglas schimmernder Augen. – Doch kein Blick fällt auf mich zurück. Die Gesichter entließen mich aus ihrer Erinnerung.