Reflexionen: Körper und Visualität

Was wir zurzeit in den Medien und in der Populärkultur erleben, ist die totalitäre Herrschaft des Körpers. Es geht jedoch nicht um einen lebendigen, berührbaren, fragilen Körper, ein Konglomerat von Empfindungen, Zuständen und ambivalenten Erlebnissen, sondern um eine darstellungsversessene Imagination, um ein verlogenes Abbild – eine vielleicht im tiefsten Erdreich der platonischen Höhle anzusiedelnde Karikatur. Unsere Körper sind uns wegen ihrer medialen Ominpräsenz und ihrem Übermaß an Verbildlichung fremd geworden, und wir erkennen sie nicht mehr als das uns Zugehörige, als das Essenzielle an. Sie sind zu ästhetizistischen, artifiziellen Zeichenarrangements verkommen, die auf nichts verweisen als sich selbst.

nocturne 21/9

Für M.

ich sagte
bleib für immer

und mischte
einen dunklen kolibri
in deinen schlaf

meine blicke waren
aufgefüllt
mit deinen blicken

zwischen deine gewissenhaften lippen
sandte ich
die sehnsucht
meiner unbedachten lippen

ich sagte
bleib für immer

und harrte aus
in der stille
hinter der dein körper lag

wie ein erster sonnenstrahl
am morgen

Stundenbuch #7

Irgendein unverwandtes Knistern weckt die Sehnsucht nach Einsamkeit in mir. Einsam sein mit mir selbst, wie in den Tagen der Jugend, die aus sonnenübersäten Anflügen von Heiterkeit und Besinnung sich speisten. Flüsternd mit den Dingen umgehen, als ginge man durch sie hindurch in ein innigeres Ichsein.
Herbsttage wie diese, gelebt mit einem heimlichen Herz aus Unbekümmertheit, gelebt mit hungrigen Augen, in denen das gebrochene Licht der Pinienhaine strahlte. Tage, die meine Existenz mit behutsamer Sicherheit nährten.

Das Glück war keine Illusion.

Das Glück hatte seine Realität, es war bei mir gewesen, mir zugewandt, die rühmliche Erfindung der Verständigkeit.
Zwischen Skepsis und Zuversicht säte es eine vage, anhaltende Empfindung: Es hatte die Liebe gegeben, das gemeinsame Lachen, die Freundschaft und die Vollkommenheit. Die verschwenderische Hingabe meiner Gefühle war keine Naivität, sondern der Beginn allen Seins, das ich mir selbst zugestand.

In einer Erinnerung, die kein Tagebuch je verzeichnete, sind all diese Momente lebendig, aus denen mein Menschsein entstand. Ich sehe die Silhouetten vertrauter Menschen wie zahme Schatten vorüberziehen. In ihren Gesichtern, die mich gütig betrachten, dämmert mir die Stille allen Glücks entgegen.
Es zeigt uns an jedem Tag die vage Empfindung unserer selbst.

Über das ‚vage Empfinden‘

Gedanken zum Stundenbuch

Generell ist es so, dass die Stundenbuch-Reflexionen wohl immerzu in einem ‚vagen Empfinden‘ verharren; sie loten das (noch) Sprech- und Sagbare aus, indem sie die Fragilität des Verhältnisses von Welt und Sprache als einen Problemfall ausstellen. Was zurückbleibt, ist eine Ahnung, nicht mehr als eine Spur des Wirklichen, um die das poetische Sprechen kreist.

Man könnte zugleich die Hypothese aufstellen, dass die poetische Literatur mit ihrem subjektiven Sprechen immerzu mit Ahnungen operiert und diese für das Zustandekommen einer ‚vagen Empfindung‘ basal sind. Zumindest der poetische Prozess scheint mir essenziell auf das Unvorhersehbare, das als Behauptung sich
gebärdende Ungewisse gestützt zu sein. So wird der Nährboden für einen Effekt bereitet, den wir als einen Einsichtsmoment charakterisieren können: Aus der Ahnung entwickelt sich eine Gewissheit oder ihre Negation. Das Subjekt wird mit sich selbst konfrontiert, es durchlebt den Akt der (Selbst-)Erkenntnis. Dieser Prozess, im Rahmen dessen das Subjekt seine Stellung zu sich selbst und der Welt realisiert, mag als ein Prozess der ‚Überwältigung‘ bezeichnet werden.

Aber wird das Subjekt nicht zu allererst durch sein eigenes Sprechen überwältigt – jenseits jedweden Realitätsbezuges? Ist es nicht die magische Erkenntnis der spezifischen Eigenheit des Subjekts, die im poetischen Text geleistet wird?

Ich möchte hierbei die Annahme aufwerfen, wonach das Subjekt in der Art Literatur, die wir betreiben, primär von der Einsicht in die eigene Identität (respektive deren Gebrochenheit oder Unvollkommenheit) ‚überwältigt‘ wird.
Erst aus diesem Prozess der (positiven oder negativen) Einsicht entsteht die poetische Dramatik, die sich oftmals in eine Dialektik des Seins kanalisiert.
Ist demnach die ‚Überwältigung‘ des Subjekts nicht als Grundlage des poetischen Sprechens zu betrachten?

Stundenbuch #6

Manchmal ist dort ein dumpfer Goldglanz in den Cumuluswolken, die über die fahlen, verschmutzten Dächer der Vorstadt ziehen, während ich hier in meinem nichtssagenden Bürozimmer sitze und Buch führe. Ich denke dann an Menschen mit vielsilbigen Gesichtern, Menschen aus vergangener Zeit, deren Haut noch immer den Geruch hunderthäuptiger Jacarandabäume trägt.
Ich verliere mich in den sinnreichen Aufzeichnungen, die ich nie angefertigt habe. Ich begreife, dass mein Leben nichts als der Versuch ist, ein Leben zu entwerfen. Und plötzlich dürstet es mich nach dem Vergessen. Ich will das Bürozimmer im zweiten Stock einer menschenleeren Straße, dessen Wände keinen Horizont zu zeigen scheinen, verlassen.

Ich erhebe mich von meinem hölzernen Stuhl und fixiere mit beiden Augen langsam das dunkelblaue, mit Schatten angereicherte Nachmittagslicht, das durch die schmalen Fensterscheiben bricht. Die Zeit des Verdrusses schreitet mit ungeheuren Schritten auf mich zu.

Ich sehe davon ab, die Unabänderlichkeit meiner fremdverschuldeten Existenz auf die Probe zu stellen. Inmitten der Schweigsamkeit begebe ich mich zurück an den Tisch und schlage das Postbuch auf, das keine Adressierungen an meine Person verzeichnet.
Die immergleiche Monotonie des Seins wird unterbrochen von einem letzten Blick in Richtung der Vorstadt. Die Dächer tragen ihren fahlen, schmutzigen Ton, die Wolken verweigern ihren dumpfen Goldglanz. Im Nachbarhaus blickt ein Mädchen in ihren Spiegel. Die Existenz flieht uns in hundert Dingen…

Im späten August

für T.

Wahrscheinlich hast du mich dieses eine Mal erkannt. Denn du hattest plötzlich ein unaufgeregtes Lächeln in deinem sonnensatten Gesicht, als du dort liefst, an mir vorüberliefst, gezeichnet von Lebensglück.

Ich sah dein Gesicht nicht oft. Doch ich erkannte es wieder. Dein Gesicht war geformt aus den Tonscherben der Gegenwart, innig verwachsen mit dem Wunsch, eins mit sich selbst zu sein.

Dein Gesicht war ohne Vergangenheit. Ich weiß deshalb nicht, warum ich es erkannte. Vielleicht war es die verdichtete Gewissheit deiner Präsenz, die mich meiner Melancholie entriss. Das unhintergehbare Flüstern der Gedanken im späten August, mit denen man umherirrt in einem fragilen Vakuum aus Einsamkeit.

Stundenbuch #5

Die Verluste, die wir erleiden, spiegeln uns mehr als die strahlenden Augen eines vertrauten Menschen. Denn wir sind nichts anderes als der Verlust. Wir vermeiden seinen genauen Namen, und doch schweigen wir ihn mit jeder Silbe, die durch unsere Gedanken rinnt.
Wir leben unsere Existenz schweigend dahin. Die Worte dringen nicht vor bis zu den Worten. Das Uneigentliche der Wahrheit treibt einen unabschließbaren Keil in unser vages Empfinden. Nichts als Verlust ist in der Welt, die wir täglich erblicken. Und mit jedem Tag nähren wir unser eigenes Verschwinden, aus dem die Wahrheit erwächst.

Wieder-Holen/Erinnern/Vergessen

Möglicherweise haben unsere Bemühungen, das Vergangene ins Gedicht zu holen, primär das Ziel, etwas zu verschleiern und in die Unklarheit, ja in eine fruchtbare Ambivalenz zu führen.

Denn oftmals scheint sich das Gedicht an das Vergessen zu erinnern, das es benennt, also zugleich an die unausgesprochene Schwierigkeit einer zeitlichen Kontinuität, die als Hypothese der Dialektik von Erinnern und Vergessen fungieren muss.

Oder aber das Gedicht macht uns vergessen, dass es selbst aus Erinnerungen besteht, eine übersteigerte, fiktionale Wieder-Holung des de facto Unwiederholbaren ist, also aus einer neubeschworenen Gegenwart zu uns spricht, die ihre Anbindung an die Vergangenheit durch die erdrückende Präsenz der Schrift verschleiert.

Was aber kann das Gedicht wieder(-)holen als seine eigene, immergleiche Gegenwart, die auf nichts anderes als sich selbst verweist?

Einer Freundin zugedacht (IV)

Ich möchte deinen Satz „Kunst kann immer nur im Jetzt ansetzen“ herausgreifen, um ihm einige Überlegungen beizustellen, von denen ich mir selbst mehr Klarheit im Bezug auf das Schreiben verspreche.

In den letzten Monaten war die Arbeit am sogenannten „Jetzt“ gewiss die kräftezehrendste und schmerzlichste Aufgabe für mich, führte sie doch zielsicher in die Aporie. Wir meinen häufig, das Jetzt sei das einzig Greifbare, Vorhandene, Reale, doch gleichzeitig sehen wir, dass es keine Möglichkeit gibt, diesem Zeit-Punkt unmittelbar habhaft zu werden, weder durch die Kunst noch durch die Wissenschaft.

Und noch während wir im vermeintlichen Jetzt schreiben, verflüssigt sich dieser hypothetische Ausgangspunkt, den wir quasi schreibend – von einer Spur ausgehend – konstituieren. Das Jetzt ist gewissermaßen der elastische, halbtransparente Rahmen, welchen wir unserer Arbeit an der Zeit aufzwängen.

Vielleicht ist also das Jetzt lediglich die notwendige (lindernde) Fiktion, um überhaupt irgendetwas beginnen zu können, – die notwendige Voraussetzung einer eigentlich nicht vorauszusetzenden Gegenwart?

Einer Freundin zugedacht (III)

Sehr oft habe ich im Rahmen meiner poetischen Arbeit darüber reflektiert, wie das Vergangene, das Unwiederbringliche zu handhaben sei. Immer stieß ich dabei auf die Kunst, auf nichts als die Kunst.
Wenn wir vom Unwiederbringlichen sprechen, gibt es sicherlich graduelle Abstufungen, die in ihrer jeweiligen Ausformung ganz unterschiedliche Anforderungen an uns stellen.
Der Tod ist freilich nicht mit dem Abbruch einer zwischenmenschlichen Beziehung oder dem Ende einer Liebe zu vergleichen. Dennoch scheinen mir die Gedankengänge und Zweifel, die Agonien und Schmerzen in eine ähnliche Richtung zu weisen.
Es ist eine Richtung, die uns mit der erdrückenden Frage konfrontiert, wer wir sind. Und vielleicht ist dies erst der Moment, in welchem die Kunst ihre Geburtsstunde erlebt.

Du brachst die Vokale entzwei

deine anwesenheit
war die gerinnung
eines schattenwurzelnden traums
als wir uns liebten
hinter dem
bittermond

schwertlilien
riefen mit
rottweileraugen
bissfester stimme
nach mir

so zu sprechen
in einer kalknachtstille
unterhalb der leibesgrenze

– du brachst die vokale entzwei –

war wie zu schweigen
mit petrarkismen
und
apostrophen