Zur Musikalität der Farben

Die Lyrik bestimmt sich als eine Kunst, in welcher Inhalt und Form in eine fruchtbare Wechselbeziehung eintreten. Die Verse leben demgemäß nicht einzig von ihrem expliziten Sinngehalt, sondern gleichermaßen von ihrer inneren Klangfarbe und Musikalität. Blau, Grün, Orange – dies sind mehr als nur visuelle Qualitäten. Jede dieser Farben verfügt über eine lautlich-materielle Ebene, also über einen spezifischen Klang, über eine einzigartige Musik, die sich von konventionellen optischen Assoziationen abgrenzt. – Im Gedicht sind die Farben zugleich Bilder und Klänge. In ihnen zeichnet sich damit ein genuin synästhetisches Gestaltungsprinzip ab.

Regelmäßige Gedichtbesprechungen? – Bitte um Resonanz

Liebe Leserinnen und Leser,

jüngst ergab sich mir der Gedanke, im Rahmen dieses Blogs ein regelmäßiges Format einzuführen, um damit gleichsam mehr Struktur und Vielfalt zu gewinnen.

Mir schwebte hierbei vor, einmal im Monat eine ausführliche Gedichtbesprechung durchzuführen, die sich vornehmlich mit den Texten bekannter AutorInnen befasst. Dadurch wäre es möglich, ein breites Publikum für verschiedene Methoden und Ansätze der Gedichtrezeption zu sensibilisieren.

Da ich dieses Vorhaben jedoch nicht ›auf gut Glück‹ realisieren möchte, sondern ein gewisses Interesse als Grundbedingung erachte, würde ich gern Ihre/Eure Meinung erfahren. In diesem Sinne wäre ich über eine ehrliche (positive sowie negative) Resonanz in der Kommentarsektion erfreut.

Mit besten Grüßen,
A.M. Perezáno

 

Programmatisches III

Was bedeutet es, eine schlichte, doch zugleich kultivierte Poesie zu entwerfen? Eine Poesie, die sich nicht indifferent gegenüber den Sehnsüchten der Menschen nach Schönem zeigt?
Ich vertrete die Ansicht, dass die Poesie – vor allem in Zeiten, in denen es keine »Metaerzählungen« mehr gibt – eine ganz basale Aufgabe zu erfüllen hat. Sie muss einen ästhetischen Gegenpol zu den leblosen Mechanismen der Alltagswelt bilden und den Menschen zurückführen in eine emphatische Vorstellung des Mensch-Seins. In ihrem bescheidenen Dienst für die Menschheit liegt die Berechtigung der Poesie. – Als schlicht erweist sie sich aufgrund ihrer Forderung nach Einfachheit, Klarheit und Verständigung. Kultiviert erscheint sie im Hinblick auf den zu schaffenden Mehrwert für eine spezifische Gemeinschaft, worin gleichsam ihre identitätsstiftende Funktion begründet liegt. – In der Poesie steht demnach immer das Höchste auf dem Spiel: die causa finalis des menschlichen Lebens.

hinter der stunde

mein leib entwächst
dem garten
deiner schlafenden augen

er kennt diesen
frühling nicht, liebes,

er weiß nicht von dir
oder dem klang der lippen
wenn sie den morgen berühren

mein leib, kehre
zurück in dein sinnlich-sein!
gib der stille
ihre lebendige musik!

mein leib!
wilde rose der einsamkeit
– blatt um blatt
                  himmel –.

Stillleben des Schriftraums #7

Die Häuser und Meere stehen still in ihren beschleunigten Bewegungen.
Klirrend geht ein Vogel über die elektrischen Bahnen. Beinahe funkelnd sein
Torso. Ich bemerke die Inschrift seines Lebens: Die Stunden. Die Stunden.
Ich bemerke die silbernen Flügel. Schriften des Wartens und der Wiederkehr.
In dieser Stadt weiß ich die Namen von fernen Gezeiten. Über Staubsilhouetten
legt mein Blick ihre Klaviatur. Himmel und Wasser brauchen mich, brauchen
den Leib des gereinigten Lichts. Doch ich habe die Zeit, den Vogel des Innern, verloren.

Stillleben des Schriftraums #6

Wie soll man diesen Sommer überstehen? Diesen großen, unwandelbaren Sommer einer Stadt, die man nicht kennt? Wie soll man die Zeichen sich legen, dass sie nicht umgehend zerbrechen?
Ich habe die Tage des Übergangs in der Einsamkeit verbracht. Ich habe geschwiegen unter den Sprechenden, leblos zusammengekauert in das Fragment meiner Sprache.
Ich habe die Dämmerung im Herzen der Vögel durchlitten, bis sich der Sand über mein silbernes Haar legte. Ich erinnerte mich der Vorsilben meines Daseins und stellte sie zusammen wie ein Gedicht. Ich wartete vergebens auf das gestaltlose Flimmern der Zikaden und auf die unsterbliche Sehnsucht des Mondes nach Finsternis. Für einen bedeutungslosen Moment war ich die ausgedehnte Melancholie des differenzlosen Universums. Ich, hier, ich-selbst-seiend…

Aristoteles – Widerlegung der platonischen Ideenlehre

»Weiter dürfte es unmöglich erscheinen, dass das Wesen gesondert von dem existiert, wovon es Wesen ist. Wie können demnach die Ideen, die ja die Wesen der Dinge darstellen, gesondert von ihnen existieren? […] Und wenn es auch Formen geben sollte, so entstünden trotzdem keine Dinge, die an ihnen Anteil hätten [methexis], wenn es nicht etwas gäbe, das bewegt

Aristoteles – Metaphysik, Buch I

(zitiert nach der Übersetzung von Franz F. Schwarz, Reclam, 2000, S.46)

Stundenbuch-Projekt #2

Die Monotonie einer stillen Straße berührt unsere Seele mehr als das überbordende Farbrauschen des Lebens, in welchem wir nur Zaungäste sind. Im Grunde unseres Geistes sind wir uns dessen gewahr, sind wir Asketen und Könige zugleich – wissend um die Fragilität der Einsicht. – Nie ist der Reichtum eines Menschen größer als in der Einöde des Nachmittags, wenn im Sonnenlicht letzte Blütenblätter hinfortwehen, und wir den Atem der Zeit wie ein wortloses Gedicht spüren. Wie schmerzlich hell leuchtet dann die Seele in ihrem Königreich der Askese!

– Könnte man doch zurück zu diesen stillen Straßen der Monotonie…!

Die ewige Frage…

Gibt es »Wahrheit« unabhängig von Sprachen und Begriffssystemen?

– Diese Frage erscheint mir wie ein Paradoxon, müssten wir uns doch, um ihrer habhaft zu werden, zunächst in ein solches Begriffssystem hineinbegeben, welches konkreten Regularien und Verständigungskonventionen unterliegt. Um demnach eine sprachunabhängige “Wahrheit” zu postulieren bedürfte es wiederum einer begriffsgestützten Argumentation. – Die argumentativen Methoden stünden folglich mit der zu verifizierenden These in einem kontradiktorischen Widerspruch.

Programmatisches – II

Vielleicht liegt das romantische Moment meiner Kunst darin, dass sie sich stets nach dem Anfang sehnt – der numinosen Schau einer Ersten Poesie –, denn aller Fortschritt bedeutet Differenzierung, bedeutet Teilung und Abkehr…

Mein ganzes Leben ist Poesie – ein unabschließbares Streben nach Hervorbringung wahrhafter Dinge.

Prosafragment 4/12 – an Pessoa (Stundenbuch-Projekt #1)

Unser Leben beginnt und endet im Missverständnis. Jedes Wort, jeder Satz, der dem ungewissen Rauschen der Tage einen Namen nennt, ist Übertreibung, ist Missverständnis. Ein ungenaues, blassblaues Flimmern der Wirklichkeit, deren Gestalt sich den Worten entzieht. Ich passiere den endlosen Weg vom Studierzimmer zur Schwelle meines Büros und habe dabei die Welt bereist. Ich habe sie allesamt beobachtet – die Missverständnisse und Depressionen des Alltags, und wenn ich dann, im warmen Refugium der Betriebsamkeit, über mein Denken reflektiere – es zerdenke –, dann falle ich, einem Blatt im Herbste gleich, zurück in das erste Worte, das mich nicht meinte. Visionen von Schrift und Geburt durchzeichnen meine Seele. Ich lerne das Nicht-Sprechen und weiß plötzlich die Worte meiner Welt. Doch immerzu verwandelt sich der Traum in Überdruss, verwandelt sich die Welt in Sprache – und ich schrecke auf aus meiner Stille, die wie ein Fluss durch alle Dinge geht.