Reflexionen: Körper und Visualität

Was wir zurzeit in den Medien und in der Populärkultur erleben, ist die totalitäre Herrschaft des Körpers. Es geht jedoch nicht um einen lebendigen, berührbaren, fragilen Körper, ein Konglomerat von Empfindungen, Zuständen und ambivalenten Erlebnissen, sondern um eine darstellungsversessene Imagination, um ein verlogenes Abbild – eine vielleicht im tiefsten Erdreich der platonischen Höhle anzusiedelnde Karikatur. Unsere Körper sind uns wegen ihrer medialen Ominpräsenz und ihrem Übermaß an Verbildlichung fremd geworden, und wir erkennen sie nicht mehr als das uns Zugehörige, als das Essenzielle an. Sie sind zu ästhetizistischen, artifiziellen Zeichenarrangements verkommen, die auf nichts verweisen als sich selbst.

Die Aufgabe der Poesie. Eine Kritik

Zuweilen ist es notwendig, sich der tatsächlichen Aufgabe der Poesie rückzuversichern; dies geschieht im öffentlichen Diskurs, der immer stärker auf die Leserperspektive zugeschnitten ist, leider viel zu selten. Obendrein scheinen sich die Parameter für die Beurteilung dieser so wichtigen Sprachkunst in den letzten Jahrzehnten verschoben zu haben. Diese Verschiebung hat zu einem Prozess der Entsubjektivierung in der Poesie geführt, einer Übergewichtung der Technik zu Lasten des Spektrums persönlicher Empfindungswelten.
Wenn wir jedoch die Frage aufwerfen, was es mit dem Wesen des Poetischen auf sich hat, gelangen wir zu einer konträren Erkenntnis: Die Poesie ist keine belanglose Spielerei mit Worten und kein reines Erkenntnisinstrument; die Poesie ist das ganze Leben! Sie ist eine Gesamtheit von Ausdrücken, Äußerungen, Gedanken und Wahrheiten.

Die Poesie setzt ihrem Wesen nach beim Individuum an, das immer eine Geschichte und eine Stimme besitzt. Ohne diese Stufe der persönlichen Rückbindung greift das Gedicht, greift das lyrische Werk zu kurz.
Das Subjekt aus der Poesie herauszubrechen bedeutet, ihren zentralen Ausgangspunkt zu unterminieren. Die vollständige Marginalisierung des Subjektes, die seit Jahrzehnten auf Kosten der tatsächlichen Kunst betrieben wird, mag dabei ein Resultat postmodernen Denkens sein. Ein Denken, das nach und nach alles ausgemerzt hat, was an Persönlichem in der Kunst vorhanden war.

Und doch wissen wir, dass Worte, die wir aus uns herausstellen und in eine lyrische Form überführen, immer etwas Bedeutendes zu sagen und aufzuzeigen haben. Es handelt sich um mehr als nur eine politische Bemerkung oder eine Kritik an der Gesellschaft, die den Koventionen des Zeitgeistes entspricht; es geht um nicht weniger als das Leben, um einen emphatischen Begriff des Er-lebens. Wenn wir aufrichtige Poesie schaffen, werfen wir mit unseren Versen Schlaglichter auf die Wirklichkeit und versuchen sie dadurch transparent zu machen. In jeder Silbe liegt der Wunsch, die Verfasstheit unseres Lebens mit Vernunft, Emotion und Instinkt zu durchleuchten. All dies ist mehr als sprachliches Handwerk; es ist die authentische Äußerung eines Individuums über sich selbst, die durch nichts zu ersetzen ist. Es ist das Porträt eines Menschen, der sich im Spiegel seiner Worte erkennt.

Die ewige Frage…

Gibt es »Wahrheit« unabhängig von Sprachen und Begriffssystemen?

– Diese Frage erscheint mir wie ein Paradoxon, müssten wir uns doch, um ihrer habhaft zu werden, zunächst in ein solches Begriffssystem hineinbegeben, welches konkreten Regularien und Verständigungskonventionen unterliegt. Um demnach eine sprachunabhängige „Wahrheit“ zu postulieren bedürfte es wiederum einer begriffsgestützten Argumentation. – Die argumentativen Methoden stünden folglich mit der zu verifizierenden These in einem kontradiktorischen Widerspruch.

Der Mensch – eine mediale Figur?

Unsere heutige Welt ist komplex vernetzt, sie erschafft permanent neue Räume der Kommunikation – und gleichsam eine Abhängigkeit von Informationskanälen. Gesellschaftlich integriert ist derjenige, der über einen Zugang zu jenen Kanälen verfügt oder sie zu manipulieren bzw. zu kontrollieren versteht. Die jeweilige Stellung des Einzelnen innerhalb dieser Kommunikationssysteme entscheidet über seine Position innerhalb der Gesellschaft. Das Individuum wird zum Subjekt seiner eigenen medialen Vermarktung.
Der Ausstieg aus dem gesellschaftlichen Betrieb, dessen integraler Bestandteil die neuen Medien sind, wird dadurch umso schwerer. Ein Austritt aus den globalen Kommunikationsräumen wird von den Menschen nicht länger als reale Option wahrgenommen. Stattdessen dominiert die Furcht vor den Konsequenzen eines Ausstiegs: Dieser wird als gleichbedeutend mit der sozialen Isolation angesehen. – Das Kappen der medialen Informationskanäle erscheint wie der Eintritt ins geistige Exil.

Wahrheit in Diskursen?

Abstrakte Begriffe, deren Gültigkeit nicht innerhalb eines konsistenten Beweises geklärt werden kann, erweisen sich als ewig fortzuschreibende Diskurse. So verhält es sich mit der Moral und gleichermaßen mit der Freiheit. Postulieren wir nun als eine notwendige Bedingung des Wissens die Unwiderlegbarkeit, so verdeutlicht sich, dass jenen abstrakten Spracheinheiten kein objektiver Wahrheitswert zugewiesen werden kann. Sie verbleiben zumeist als Postulate der praktischen Vernunft.

Die Erfahrung vom Text

Der Leser macht jene Bereiche des Textes signifikant, die entweder seiner kulturellen Prägung entsprechen oder von ihm als Derivate eines übergeordneten semantischen Feldes aufgefasst werden.
Unsere Lektüre ist zumeist dahingehend motiviert, ein homogenes Gesamtbild zu konstruieren. Der Leser betreibt eine Subsumtion der zuträglichen Details unter seinen individuellen Interpretationsstrang und treibt jene Informationen, die seiner Lektüre nicht befruchtend zur Seite stehen, in die Insignifikanz. Somit lässt sich die Lektüre als eine primär selbstreflexive Tätigkeit klassifizieren.

Reflexionen über die Lyrik

Dichtung dient dazu, Leistungen der Sprache, der Verschriftlichung oder der Bewusstmachung zu akzentuieren.

Dichter sein bedeutet, einen individuellen Weg zur sprachlichen Verwirklichung aufzuzeigen.

Was das Gedichtwort von seiner gleichnamigen Alltagsentsprechung unterscheidet, ist seine semiotische Qualität und Varianz.

Das Gedicht bringt autonome Zeichenbeziehungen hervor und entwickelt auf Grundlage dessen ein eigenes System von Äquivalenzen.

Poetisieren bedeutet, ein vorhandenes Zeichen nicht im Sinne einer Aussage zu begreifen, sondern es in die Kodierung des jeweiligen Textes einzuspeisen und ggf. zu dekonstruieren.

Theater.
Über Darstellbarkeit auf der Bühne.
(Wolfart)

Die scheinbar antagonistischen Begriffe »Fantasie« und »Wirklichkeit« avancieren zu den tragenden Säulen einer darstellenden Kunst. Durch die maßvolle Gewichtung beider Elemente gebiert ein fruchtbares Spannungsverhältnis: Die Realität erfährt eine Andeutung, die der Fantasie des Auditoriums große Freiheiten zugesteht, sie in den Prozess der Konstruktion von »dargestellter Wirklichkeit« aktiv einbezieht. Die (historische) Wirklichkeit reflektiert sich im tangentialen Verhältnis von Andeutung und Abstraktion. Konkret wird dies, sobald Kleist vom »Schlachtgetümmel« spricht, welches die Kapazitäten der Bühne überstiege und daher alternativer Wege der Darstellung bedürfe.
Der (imaginäre) Dialog zwischen Theaterbühne und Auditorium fungiert Sinn stiftend; beide Parteien komplementieren einander. Der Zuschauer tritt in die Rolle des Fährten-Lesers; er wird sich der Andeutungen gewahr und beginnt, die Zeichen zu deuten und Spuren zu sammeln. Andeutungen stellen sich in diesem Kontext als Bruchstücke der (historischen) Wirklichkeit heraus, welche sich die essenziellen Eigenschaften ihrer faktualen Vorbilder bewahren.
Um das »Theater in sein poetisches Element zurückzuführen« sei es vonnöten, Wirklichkeit in Zeichen zu verwandeln, eine Bezeichnung des Wirklichen vorzunehmen -:

»Man lasse nur hinter den Heerführern, sowie sie von beiden Seiten auftreten, einige Krieger folgen, welche so stehen bleiben, als drängten sie in Masse hinter den Koulissen heraus, indem Spieße über ihren Häuptern hervorragen und die ihnen nachdringenden Krieger bezeichnen – so wird dies ein ergreifender Anblick sein, man wird sich wirklich beide Heere dahinter denken, deren Anfang man sieht.«

Dieses substitutive Prinzip bewirkt ein Überschreiten bloßer Nachahmung – hinein in eine weitaus differenziertere Darstellungswelt, die ihre eigene Kodierung aufweist und die Regularien der Außenwelt beliebig umschreibt beziehungsweise einem Prozess der Neubewertung unterzieht.

 

Primärtext: Heinrich von Kleist, Berliner Abendblätter. 18tes Blatt., in Sämtliche Werke, Hrsg. Roland Reuß und Peter Staengle, Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt, 2010

Anregung zu einer zielführenden Lektüre

Eine zielorientierte Lektüre hat sich selbst zum Gegenstand; sie hält Gericht über sich und ihre Methodik. Trachtet sie nach dem Erwerb profunder Erkenntnis, so muss ihr Primäranliegen darin bestehen, die Nominalstrukturen eines Textes zu übersteigen. – In einem poetischen Text offenbaren sich mannigfaltige Variationen von Sinnstiftung, wobei die Sprache in unüberschaubare Funktionen tritt und ihr Veto gegen die ihr – im Alltagskontext – zugeschriebene kommunikative Festlegung geltend macht. Die Worte straucheln.
Auf der Suche nach Bedeutung interessiert uns die relationale Struktur der sprachlichen Materie – kurzum: Inwieweit korrelieren die hier erwogenen Worte miteinander – und inwiefern bedingen sie unseren Verstehensprozess? Das Extrahieren von Rohinformationen mag die gesamtheitliche Lesearbeit partiell konstituieren, dennoch plädiere ich für eine differenzierte Betrachtungsweise des von uns vorgenommenen Aktes. Nicht zuletzt weist das Verb „lesen“ eine etymologische Äquivalenz zur Tätigkeit des Suchens, Folgens oder Sammelns auf. Es ist de facto unerlässlich, die Begriffsgrundlage unserer Arbeit in ihrem umfassenden Kontext zu betrachten. Die Lektüre dient nicht ausschließlich dem Verstehen, sie befasst sich zu großen Teilen mit Dekodierungen, um den Ausgangstext in systematischer Hinsicht transparent zu machen. – Exemplarische Fragen -: „Wie verfährt der Text mit seinen Zeichen?“ – und: „Wie schreibt der Text unsere Realität um?“ – bedingen in meinem Dafürhalten eine weitsichtige, zielführende Lektüre. Es gilt folglich, Parameter der Untersuchung zu entwickeln, welche sich nicht auf einen Text beschränken, sondern bestenfalls Texte einer gesamten Gattung abzudecken vermögen. Der zielorientierte Leser profitiert also durch die Analyse eines konkreten Beispiels in der Form, dass ihm jede nachstehende Lektüre luzider erscheint und sein Blick sich nicht im stupiden Ergreifen des Sinnes verliert (welcher zudem nicht als gegeben angesehen werden sollte). Der Begriff „Sinn“ referiert auf den Drang, das aufgesammelte Inventar auf einen Nenner zu bringen, es in einen Gesamtzusammenhang zu stellen. Der poetische Text erhält seine Qualität nicht dadurch, dass er Informationen kommuniziert. Vielmehr liegt es ihm daran, die Art seiner Verfasstheit zu reflektieren. – Darum verhält sich ein qualitativer Text ähnlich wie eine zielorientierte Lektüre: Er hat sich selbst zum Gegenstand und referiert spielerisch auf seine Machart. Unterschwellig gibt er Aufschluss über die Prozesse von Zeichenbildung, Semantisierung und Diskursivität.