Lyrischer Dezember #9

Mit dem Schnee

Jeden Abend
erreichen dich
meine Worte
mit dem Schnee.
Frisch sind sie,
leuchtend
vor Stille.
Am Morgen erwachen
sie, verwandelt
zu Sonnenlicht.

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Wieder Herbst

Die Straßen tragen Sonnennamen.
Langarmige, schattennarbige
Straßen.
Haselnussfarbene, blinzelnde Augen.
Wieder ist Herbst. Die Schilfrohre
am Weiher flüstern. Sommerlockiger,
papierbedeckter Herbst.
Die Wolken auf starken Schultern,
kommst du an meinen Mund.
Entblättert, mit einem Schwall
rostfarbener Ahornsüße.
Hundertgliedriges, frisch aufgeschlagenes
Laken. Amselschwarz
blüht im Wasserkreis
der Nebel.

meerenge

ich wusste nicht einmal
ob ich dich erkennen würde
zwischen den ungleichungen

des meeres
und der vergleichslosen liebe

schmal war dein haar
ein wasserweißer schaum auf
den gewölbten klippen meiner augen

aber all das ist nicht die liebe
und nicht die see

inzwischen ist dein herz eine versförmige
meerenge

man kann darin nicht segeln

die fingerspitze des abends

Anlässlich des 5. Jahrestages der »Lebensmelodie«

mit einem mal
zogst du eine handvoll gegenwart
hervor
und streutest verwildertes laub
oder
den parfümierten schwall an blondem haar
der über deine stirn strömte
in mein gesicht

vielleicht war es nur die fingerspitze
des abends
die in ihre innerlichkeit einkehrte
und zu singen begann

du aber warst stumm
ich fühlte nur deinen mund
der sich langsam unter küssen auftat
und wieder schloss

dein mund war ein ungeschickter
rhythmus
der nichts von seiner poesie wusste

und ich band an deinen mund
die wenigen worte die mir blieben
als wären sie der zunder
des erinnerns

nocturne 21/9

Für M.

ich sagte
bleib für immer

und mischte
einen dunklen kolibri
in deinen schlaf

meine blicke waren
aufgefüllt
mit deinen blicken

zwischen deine gewissenhaften lippen
sandte ich
die sehnsucht
meiner unbedachten lippen

ich sagte
bleib für immer

und harrte aus
in der stille
hinter der dein körper lag

wie ein erster sonnenstrahl
am morgen