Lyrischer Dezember #21

Zwischen Sonne und Stein

Ich lasse dich frei,
Herz,
hörst du?

Ich setze dich aus
zwischen Sonne
und Stein,

lasse das Wasser
deinen Namen
reinwaschen –
Herz,
hörst du?

Fließ zurück,
Herz,
fließ nur zurück
in dein Einsamsein.

Siedle
im Schatten
des Kolibri,
steig auf
im Gesang der Amsel.

Wenn zwischen Sonne
und Stein
der Sommer wächst,

bist
du selbst
der Gesang,

singe nur fort,
Herz,

ich höre dich.

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Lyrischer Dezember #20

Hinter den Sonnenblumen

Der Tag schließt seine gefiederten Augen.
Schwer wie Mühlsteine
mahlen die Abschiedsstunden.
Im Gezweig fließt ihre
honiggelbe Musik,
streckt die geduldigen Hände aus
(du ergreifst sie mit meiner Hand).
Gemeinsam schleichen wir
um die mondhellen Akkorde.
Werd nur nicht still,
sondern sprich mir deinen Vers
ins Haar
dicht hinter den Sonnenblumen.

Lyrischer Dezember #19

Herbstmeer

Tagein, tagaus das Meer
mit seinen hungrigen Schiffen,
beladen mit Horizont.
An den Felsen leuchtet
dem Heimkehrer die Flut.
Gerade kehrte man noch das Laub
von den Fluren.
Südwestwinde färbten die
salzige Haut.
Nun regnet das Jahr seine
Seele aus, schleicht
noch einmal um das Herz der See.
Tief im Geknister der Brandung
wohnt die Sehnsucht.
Tagein, tagaus das stillgelegte
Herbstmeer,
seine ungezähmte Ferne: dieser letzte
Leuchtturm im Nebel.

Lyrischer Dezember #18

Zwischen der Herzhaut

Deine ausgestreckten Hände,
die mir Träume ausbreiten
in Sommermondnächten.
Unter dem Mund das karge Restlicht,
wundersam, verwinkelt.
Beladen mit Erde und Frucht
(sodass du kaum sprichst).
Dein Schwalbenkörper
ist wie der Gesang der Zikaden
inmitten des Orangenhains.
Lass deine Liebe herabregnen,
schlag deine Musik auf
wie das mondgebrannte Fenster.
In deinen Händen lande ich an
mit meinen Lippen,
bevölkere deinen Schlaf.
Noch einmal den Himmel auskämmen
mit deiner klaren Musik,
und zwischen der Herzhaut
einen lebendigen Stern pflanzen.

Wieder Herbst

Die Straßen tragen Sonnennamen.
Langarmige, schattennarbige
Straßen.
Haselnussfarbene, blinzelnde Augen.
Wieder ist Herbst. Die Schilfrohre
am Weiher flüstern. Sommerlockiger,
papierbedeckter Herbst.
Die Wolken auf starken Schultern,
kommst du an meinen Mund.
Entblättert, mit einem Schwall
rostfarbener Ahornsüße.
Hundertgliedriges, frisch aufgeschlagenes
Laken. Amselschwarz
blüht im Wasserkreis
der Nebel.

meerenge

ich wusste nicht einmal
ob ich dich erkennen würde
zwischen den ungleichungen

des meeres
und der vergleichslosen liebe

schmal war dein haar
ein wasserweißer schaum auf
den gewölbten klippen meiner augen

aber all das ist nicht die liebe
und nicht die see

inzwischen ist dein herz eine versförmige
meerenge

man kann darin nicht segeln

die fingerspitze des abends

Anlässlich des 5. Jahrestages der »Lebensmelodie«

mit einem mal
zogst du eine handvoll gegenwart
hervor
und streutest verwildertes laub
oder
den parfümierten schwall an blondem haar
der über deine stirn strömte
in mein gesicht

vielleicht war es nur die fingerspitze
des abends
die in ihre innerlichkeit einkehrte
und zu singen begann

du aber warst stumm
ich fühlte nur deinen mund
der sich langsam unter küssen auftat
und wieder schloss

dein mund war ein ungeschickter
rhythmus
der nichts von seiner poesie wusste

und ich band an deinen mund
die wenigen worte die mir blieben
als wären sie der zunder
des erinnerns