Über das Vollkommene

Noch fehlt
das Schweigen,
das mir ein
Wort sein kann.

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die nacht, die worte

liebes du weißt
dass ich nichts mag
als deinen kuss
– das späte geflüster der lerchen
auf feuchter haut –
und dieses sternwerden
zweier körper
entlang fremder innigkeit!

Einer Freundin zugedacht (II)

Gerade im Gedicht ist es uns vergönnt, an einer Liebe zu bauen, deren Fundamente unumstößlich sind. Keine Banalität vermag an ihrem Antlitz zu kratzen, keine Verstimmung lehrt sie zweifeln. Sie ist wahrlich in Stein gemeißelt, eine ewige Skulptur des Geistes, gewappnet gegen die Bürden der Zeit. In jeder ihrer Gebärden liegt die Gewissheit: Sie überdauert. –

Orpheus

Vom Sonnenlicht umwoben
schienen endlos dir die Tage;
Stunden, blütenblass, verflogen,
drangen weit und ohne Klage
in das stumme Weltental.

Rosen trugen deiner Lieder Pein;
gestaltlos, wie ein fremder Wille,
warst du auserkor’n für neues Sein,
darin sich fügten Leid und Stille
in verwandelnd leisem Klang.

Stundenbuch-Projekt #4

Jeden Tag denke ich an die bedeutungslose Stimme meiner Seele. Ich höre mich ihren Namen rufen, während das Nachmittagsdunkel sich zitternd über die Fläche meines Bürozimmers ergießt. Ich sehe, wie die letzten Lichtschleier vom Handgelenk des Lebens brechen. Karg tönen die Minuten auf dem Manuskriptstapel, wenngleich die Uhren seit dem Beginn meiner Existenz schweigen.

Bedeutungsloses Bürozimmer, das mir als Tempel dient! Immerzu trinke ich aus den Kelchen des Verdrusses. Schriften, Gesichter, Fragmente – verwahrt zwischen den krankheitsflimmernden Schaumkronen der Langeweile. – Wie zeitig mich ein vorbeiziehender Vogelschwarm aus dem Kokon des Traumes reißt!Mich, hier!, sitzend am bedeutungslosen Konvolut des Lebens.

In der Dämmerung meines Schreibens überlebe ich mich. Ich, hier!, im zeichenlosen Verwaltungsapparat einer Stadt. Im Erdgeschoss eines abschiedsversunkenen Daseins. Lebendig. Blickend auf die unerhörten Massen, mich spiegelnd im Fensterglas schimmernder Augen. – Doch kein Blick fällt auf mich zurück. Die Gesichter entließen mich aus ihrer Erinnerung.

Zur Musikalität der Farben

Die Lyrik bestimmt sich als eine Kunst, in welcher Inhalt und Form in eine fruchtbare Wechselbeziehung eintreten. Die Verse leben demgemäß nicht einzig von ihrem expliziten Sinngehalt, sondern gleichermaßen von ihrer inneren Klangfarbe und Musikalität. Blau, Grün, Orange – dies sind mehr als nur visuelle Qualitäten. Jede dieser Farben verfügt über eine lautlich-materielle Ebene, also über einen spezifischen Klang, über eine einzigartige Musik, die sich von konventionellen optischen Assoziationen abgrenzt. – Im Gedicht sind die Farben zugleich Bilder und Klänge. In ihnen zeichnet sich damit ein genuin synästhetisches Gestaltungsprinzip ab.

Programmatisches III

Was bedeutet es, eine schlichte, doch zugleich kultivierte Poesie zu entwerfen? Eine Poesie, die sich nicht indifferent gegenüber den Sehnsüchten der Menschen nach Schönem zeigt?
Ich vertrete die Ansicht, dass die Poesie – vor allem in Zeiten, in denen es keine »Metaerzählungen« mehr gibt – eine ganz basale Aufgabe zu erfüllen hat. Sie muss einen ästhetischen Gegenpol zu den leblosen Mechanismen der Alltagswelt bilden und den Menschen zurückführen in eine emphatische Vorstellung des Mensch-Seins. In ihrem bescheidenen Dienst für die Menschheit liegt die Berechtigung der Poesie. – Als schlicht erweist sie sich aufgrund ihrer Forderung nach Einfachheit, Klarheit und Verständigung. Kultiviert erscheint sie im Hinblick auf den zu schaffenden Mehrwert für eine spezifische Gemeinschaft, worin gleichsam ihre identitätsstiftende Funktion begründet liegt. – In der Poesie steht demnach immer das Höchste auf dem Spiel: die causa finalis des menschlichen Lebens.

hinter der stunde

mein leib entwächst
dem garten
deiner schlafenden augen

er kennt diesen
frühling nicht, liebes,

er weiß nicht von dir
oder dem klang der lippen
wenn sie den morgen berühren

mein leib, kehre
zurück in dein sinnlich-sein!
gib der stille
ihre lebendige musik!

mein leib!
wilde rose der einsamkeit
– blatt um blatt
                  himmel –.

Stillleben des Schriftraums #7

Die Häuser und Meere stehen still in ihren beschleunigten Bewegungen.
Klirrend geht ein Vogel über die elektrischen Bahnen. Beinahe funkelnd sein
Torso. Ich bemerke die Inschrift seines Lebens: Die Stunden. Die Stunden.
Ich bemerke die silbernen Flügel. Schriften des Wartens und der Wiederkehr.
In dieser Stadt weiß ich die Namen von fernen Gezeiten. Über Staubsilhouetten
legt mein Blick ihre Klaviatur. Himmel und Wasser brauchen mich, brauchen
den Leib des gereinigten Lichts. Doch ich habe die Zeit, den Vogel des Innern, verloren.

Die Aufgabe des Schaffens

Wir alle, die wir streben und rastlos sind, benötigen eine Aufgabe, ja eine Berufung, welcher wir uns bedingungslos zuwenden können. Erst wenn wir nicht mehr nach Sinn und Berechtigung jener Aufgabe fragen, beginnen wir, aus tiefster Herzenskraft zu schaffen. Werk und Künstler sind dann nicht mehr zu trennen, – denn sie sind eins geworden.

liebeslied

wenn diese verse
sich doch auf die
flüsternden wälder
deiner schönheit legten,
– die gesichter
hellbestirnt –,
sodass dein lachen
die vollendete röte
des morgens enthielte
wie ein krokus
den späten april

Stillleben des Schriftraums #6

Wie soll man diesen Sommer überstehen? Diesen großen, unwandelbaren Sommer einer Stadt, die man nicht kennt? Wie soll man die Zeichen sich legen, dass sie nicht umgehend zerbrechen?
Ich habe die Tage des Übergangs in der Einsamkeit verbracht. Ich habe geschwiegen unter den Sprechenden, leblos zusammengekauert in das Fragment meiner Sprache.
Ich habe die Dämmerung im Herzen der Vögel durchlitten, bis sich der Sand über mein silbernes Haar legte. Ich erinnerte mich der Vorsilben meines Daseins und stellte sie zusammen wie ein Gedicht. Ich wartete vergebens auf das gestaltlose Flimmern der Zikaden und auf die unsterbliche Sehnsucht des Mondes nach Finsternis. Für einen bedeutungslosen Moment war ich die ausgedehnte Melancholie des differenzlosen Universums. Ich, hier, ich-selbst-seiend…

Stundenbuch-Projekt #2

Die Monotonie einer stillen Straße berührt unsere Seele mehr als das überbordende Farbrauschen des Lebens, in welchem wir nur Zaungäste sind. Im Grunde unseres Geistes sind wir uns dessen gewahr, sind wir Asketen und Könige zugleich – wissend um die Fragilität der Einsicht. – Nie ist der Reichtum eines Menschen größer als in der Einöde des Nachmittags, wenn im Sonnenlicht letzte Blütenblätter hinfortwehen, und wir den Atem der Zeit wie ein wortloses Gedicht spüren. Wie schmerzlich hell leuchtet dann die Seele in ihrem Königreich der Askese!

– Könnte man doch zurück zu diesen stillen Straßen der Monotonie…!

Programmatisches – II

Vielleicht liegt das romantische Moment meiner Kunst darin, dass sie sich stets nach dem Anfang sehnt – der numinosen Schau einer Ersten Poesie –, denn aller Fortschritt bedeutet Differenzierung, bedeutet Teilung und Abkehr…

Mein ganzes Leben ist Poesie – ein unabschließbares Streben nach Hervorbringung wahrhafter Dinge.

Elegie [Fragment, 16.03.2011]

Kein volles Licht kann je
Den saumlos Blick durchdringen –:
All die sanften Farben singen nur
Geweiht im stillen Herzen!
Ach, wer nahm vom Rosenstrauch
Die erste Blüte sich, zu kosten
Süßigkeit und frommes Glück?

[…]

Prosafragment 4/12 – an Pessoa (Stundenbuch-Projekt #1)

Unser Leben beginnt und endet im Missverständnis. Jedes Wort, jeder Satz, der dem ungewissen Rauschen der Tage einen Namen nennt, ist Übertreibung, ist Missverständnis. Ein ungenaues, blassblaues Flimmern der Wirklichkeit, deren Gestalt sich den Worten entzieht. Ich passiere den endlosen Weg vom Studierzimmer zur Schwelle meines Büros und habe dabei die Welt bereist. Ich habe sie allesamt beobachtet – die Missverständnisse und Depressionen des Alltags, und wenn ich dann, im warmen Refugium der Betriebsamkeit, über mein Denken reflektiere – es zerdenke –, dann falle ich, einem Blatt im Herbste gleich, zurück in das erste Wort, das mich nicht meinte. Visionen von Schrift und Geburt durchzeichnen meine Seele. Ich lerne das Nicht-Sprechen und weiß plötzlich die Worte meiner Welt. Doch immerzu verwandelt sich der Traum in Überdruss, verwandelt sich die Welt in Sprache – und ich schrecke auf aus meiner Stille, die wie ein Fluss durch alle Dinge geht.

Herbstnachmittag

Durch das große Maß der Dinge
geht verwandelnd still ein Wind.
Ich sehe dich, und sehe das Geringe,
welches strebt und dränget wie ein Kind.

So weit entrückt sind meine Stunden;
es fällt das Laub, es schweigt die Uhr.
Entkleidet, seiner Pracht entbunden,
steht ein Birkenbaum auf grauer Flur.