Rauschen

Alles will ich rauschen hören.
Gefilde und Licht,
Stille und Sprache.
Den Blaumeisenflug unter dem
Schatten des Kirschbaums.
Mit allen Sinnen will ich
an die Wurzel der Frühlingsluft vordringen.
Ich will dem lauten Ruf der Amsel
ein Bett in meiner Sehnsucht aufschlagen,
ehe der Nachmittag dunkelt.
Bis die Märzenbecher an
hundert Stellen musizieren, harre ich aus.
Alles, alles will ich rauschen hören.

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Lyrischer Dezember #31

Silvesternacht

Die längste Nacht des Jahres,
flüsterst du, inmitten dieser
Vorfrühlingswärme.
Ich streife durch dein Haar
und hinterlasse ein
sich langsam öffnendes
Blütenblatt.
Feuerblitze brennen
unterm schwarzblauen Himmel.
Auch das Herz zündet
die Gestirne an.
Jedem einzelnen gibst du
deinen Namen.

***

Allen Leserinnen und Lesern sei hiermit ein erfolgreiches, gesundes Jahr 2018 gewünscht. Ganz herzlich danke ich für das rege Interesse und die positive Resonanz. Möge der Jahresausklang ausgelassen und friedlich sein.

Euer Ángel

Lyrischer Dezember #30

Rauhnacht

Eine Spur reinen Frosts
hinterlassen
in dieser
sternklaren Nacht,
den Geruch deiner
Haut festhalten,
der soeben
das Herz anzündet.
Noch einmal den Anblick
deines Körpers
vorm eisbehagelten Fenster
in den Bernstein
des Erinnerns schließen.
Die Rauhnacht zwischen
deinen Lippen
besänftigen
mit dem Hunger der Sehnsucht.

Lyrischer Dezember #26

Schatten deiner Stimme

Diese weißen Spuren
unterm verlassenen Firmament
führen zu dir.
Mit jedem Vogellaut
wächst deine Nähe.
Bald ist die Sehnsucht
nicht mehr
als diese schmale Hand,
die mich festhält.
Bald ist unser Leben
nicht mehr
als dieses Wort,
das du nicht aussprichst.
Du verdankst deinen Namen
einer Melodie,
auch wenn du nicht singst.
Einstimmen will ich in dein Schweigen,
dich lieben bis unter den Schatten
deiner Stimme.

Lyrischer Dezember #25

Weihnachtstage

Allerorten funkelt
das Licht hinter verschneiten Fenstern.
Kerzendüfte schleichen durch
behaglich warme Stuben.
Strahlend flüstern, voller Heimlichkeit,
die Augen, Münder lachen
voller Zuversicht.
Niemand mehr, der einsam ist
in weihnachtlichem Rund.
Alles rückt zusammen,
zelebriert Dezembers letzte Stund‘.
Das alte Jahr geht aus in Stille,
als ginge es nach Haus‘.

Lyrischer Dezember #24

Dein Gesicht

In diesem Winter
von Rosen schreiben,
auf dieser langen Straße
unter dem Himmel stehend.
Erinnerst du dich?
Unter den windigen Sternen
ein Herz aussäen,
das den Dezember übersteht.
Nur diesen einen Wunsch
daran binden,
der langsam aufsteigt,
bis man ihn vergisst.
Es zählt gleich viel:
Wunsch und Vergessen.
Im Zentrum der Nacht leuchtet
noch immer dein Gesicht,
es wird meine Erinnerung
an mich selbst sein.

***

Allen Leserinnen und Lesern sei an dieser Stelle ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest gewünscht! Taucht ein in die Stille dieser harmonischen, intensiven Zeit. Und habt meinen herzlichen Dank für die gute Resonanz während dieses so lyrikreichen Dezembers!

Lyrischer Dezember #23

Alte Birke unterm Nachthimmel

Was du lehrst,
ist nicht die Liebe
oder das Verlangen,
sondern die Einfachheit.
Die ungetrübte Klarheit
aller Dinge,
ihr Gewesen-Sein,
das so würdevoll ist,
dass man sie sich behält.
Ihr Aufleuchten
inmitten der Schlaflosigkeit,
selbst nach Jahren,
auch wenn wir meinen,
sie zu vergessen.

Lyrischer Dezember #22

Namen, den niemand ruft

Mit dir schritt ich
durch die Stille,
mein Freund,
schritt durch Innigkeit,
Tiefe.
Wir verließen diese
Stille irgendwann
und verließen sie doch nicht.
Die Straßen verlaufen
noch immer durch
die Einsamkeit,
wenn sie zur Sonne fließen.
Noch immer kennt
die Freundschaft nur
diesen Namen,
den niemand ruft.

Lyrischer Dezember #21

Zwischen Sonne und Stein

Ich lasse dich frei,
Herz,
hörst du?

Ich setze dich aus
zwischen Sonne
und Stein,

lasse das Wasser
deinen Namen
reinwaschen –
Herz,
hörst du?

Fließ zurück,
Herz,
fließ nur zurück
in dein Einsamsein.

Siedle
im Schatten
des Kolibri,
steig auf
im Gesang der Amsel.

Wenn zwischen Sonne
und Stein
der Sommer wächst,

bist
du selbst
der Gesang,

singe nur fort,
Herz,

ich höre dich.

Lyrischer Dezember #20

Hinter den Sonnenblumen

Der Tag schließt seine gefiederten Augen.
Schwer wie Mühlsteine
mahlen die Abschiedsstunden.
Im Gezweig fließt ihre
honiggelbe Musik,
streckt die geduldigen Hände aus
(du ergreifst sie mit meiner Hand).
Gemeinsam schleichen wir
um die mondhellen Akkorde.
Werd nur nicht still,
sondern sprich mir deinen Vers
ins Haar
dicht hinter den Sonnenblumen.

Lyrischer Dezember #19

Herbstmeer

Tagein, tagaus das Meer
mit seinen hungrigen Schiffen,
beladen mit Horizont.
An den Felsen leuchtet
dem Heimkehrer die Flut.
Gerade kehrte man noch das Laub
von den Fluren.
Südwestwinde färbten die
salzige Haut.
Nun regnet das Jahr seine
Seele aus, schleicht
noch einmal um das Herz der See.
Tief im Geknister der Brandung
wohnt die Sehnsucht.
Tagein, tagaus das stillgelegte
Herbstmeer,
seine ungezähmte Ferne: dieser letzte
Leuchtturm im Nebel.

Lyrischer Dezember #18

Zwischen der Herzhaut

Deine ausgestreckten Hände,
die mir Träume ausbreiten
in Sommermondnächten.
Unter dem Mund das karge Restlicht,
wundersam, verwinkelt.
Beladen mit Erde und Frucht
(sodass du kaum sprichst).
Dein Schwalbenkörper
ist wie der Gesang der Zikaden
inmitten des Orangenhains.
Lass deine Liebe herabregnen,
schlag deine Musik auf
wie das mondgebrannte Fenster.
In deinen Händen lande ich an
mit meinen Lippen,
bevölkere deinen Schlaf.
Noch einmal den Himmel auskämmen
mit deiner klaren Musik,
und zwischen der Herzhaut
einen lebendigen Stern pflanzen.

Lyrischer Dezember #17

Dämmerungsanbruch

Vor meinen Augen
bist du mit deiner
berührbaren Ruhe,
die an meinen Schultern brandet.
Ein letztes Leuchten:
wenn deine Hand mein Gesicht hält
(es fällt dir fast zu);
wenn du das Licht ausbürstet aus
dem Wintertag.
Geh nur, sage ich,
und du bleibst,
eine Woche, vielleicht,
einen Monat. Du weißt es nicht.
Vor meinen Augen
bist du,
in deinem Rücken das Licht,
das sich kräuselt.
Noch hast du nicht gesprochen.
Deine Lippen sind unsicher,
das vergeht, sagst du.
Und ich sehe noch,
wie die Worte ihr Schweigen verschlingen.

Lyrischer Dezember #16

Morgenaufgang

Ich schlief mit dir
bis hinter die Stunde des Löwenzahns.
Im Morgengrauen, auf zahmen Pfoten,
die Gerüche von Oleander und Moos,
die schweren Tragflächen
der Morgensonne,
wie in einem auswendig
gewussten Gedicht.
Das Leuchtfeuer der Augen,
das meine Worte
aufzehrte unter dem Geknister
aufspringender Hyazinthen.
Das Leinwandhafte der Haut
im ersten Licht,
das Photonegativ der Erinnerungen
inmitten wasserweißer Sommerstille.

Lyrischer Dezember #15

Clementinen

Sorgsam klopfst du die Musik
aus dem Fruchtfleisch
der Clementinen.
Mit ihr die Sonne, den Wind,
das kalkweiße Wasser.
Dein Mund sät seinen
frischen Gesang
unter der Haut des Sommers.
Du beginnst zu lächeln.
Der Geschmack reifer Clementinen,
der seine Augen aufschlägt –
halb Erde, halb Licht.

„Herzweise“ – Rezension

Liebe Leserinnen und Leser,

ich möchte euch nachstehend die fundierte und kenntnisreiche Rezension meines geschätzten Dichterfreundes Holger Jürges zu meinem jüngst erschienenen Gemeinschafts-Projekt „Herzweise. 100 Gedichte der Gegenwart“ empfehlen.

Falls es von eurer Seite bereits Leseerfahrungen mit dem Buch gibt, würde ich mich sehr über eine Resonanz in der Kommentarzeile freuen!
Nicht unerwähnt lassen möchte ich an dieser Stelle, dass der Gedichtband sich vielleicht als erbauliche, inspirierende Lektüre über die Weihnachtstage empfiehlt und auch als Präsent taugen mag.

Mit besten Grüßen
Ángel M. Perezáno

***

Wie ein Lichtstrahl, der auf tausend Spiegelfacetten trifft, um gleißend zurück zu fallen, in Wort und Vers, wärmt ein Gedicht die Herzen der Menschen auf ganz unterschiedliche Weise. – Die Töne einer jeden Facette lassen also in ihrer Wechselwirkung jeweils andere Nuancen erklingen. – So lösen in einer immensen Vielfalt, die dennoch für sich einzigartig ist, Klangbilder, die ein Dichter geschaffen hat, dieses unbeschreibliche Gefühl von Nähe aus, wenn man ein gutes Gedicht liest.

Das Gewesene versinkt im Raum einer seltsamen Liebe, und wir hängen an ihm, wie an Vertrautem, welches uns zu entgleiten droht.
Eine sanfte Dichtung, die verwehenden Spuren folgt, diese ehrt und vom Wegwurf bewahrt, erschüttert das Herz auf eine Weise, die es vermag, das Dunkel des Verblichenen aufzuhellen, um ihm seinen ewigen Platz zu geben.

Die Autoren des Buches „Herzweise“ sind – man verzeihe mir das große Wort – Ritter der Verse, denn aus ihren Werken spricht die Zeitlosigkeit der Dinge, welche in einem Schwebezustand immer sind und so den besagten ewigen Platz anstreben. – Damit erfüllen sie den hohen Anspruch, der oben kurz skizziert wurde.

Mit welcher Inbrunst und Klarheit dieses Sinnhafte in kurze Worte gekleidet werden kann, zeigt uns zum Beispiel das Gedicht „Sprache und Sinn“ von Simone Lucia Birkner:

An den Ort
an dem Sprache und Sinn
Hochzeit halten

sehne ich mich
seit Urgedenken

er muss heilig sein.

Eine zuweilen schmerznahe Sehnsucht, dort einfließen zu wollen, wo eine große Gelassenheit den Himmel und die Natur trägt, lässt im Gedicht „An der Biegung des Flusses“ von Sandra Blume einen wunderbaren Gleichmut aufleuchten, der bis tief in die Obhut von alten Erlen reicht:

[…]
Fern im Dorf das Abendläuten.
Im schwindenden Licht
will ich forttreiben lassen,
was mich anficht,
versenken, was mich beschwert.

Wie viel leichter der Schritt
durch das Moos zurück.
Nicht müde werden will ich,
dem Fluss zu gleichen
in der Obhut alter Erlen.

Hannah Buchholz verinnerlicht in vielen ihrer Werke das Schwierigste – man kann sagen jenes, was den Gipfel der Kunst überhaupt darstellt – : schlichte Natürlichkeit und Einfachheit in die Verse zu heben:

Nichts geht verloren

Tausend mal glaubte
ich dich verloren, mein Herz,
doch ich finde dich
wieder – in jeder Blüte,
in jedem Fluss, jedem Lied!

oder

Dein Name

Ich kenne dich nicht!
Was verbindet uns? Liebe
zur Lyrik, Liebe
zum Wort? Ich kenne dich nicht –
und doch leuchtet dein Name!

Feinstes Empfinden und das Ausdehnen der Sinne ins Unendliche spricht aus dem Gedicht „weiß die nacht“ von Diana Jahr. – Erhabene und tiefe Wahrheiten rühren das Gemüt und erinnern, wie so viele Gedichte in diesem wertvollen Buch, an die Unentbehrlichkeit von Kunst, wenn sich das Leben einer gewissen Vollkommenheit nähern möchte:

schon bricht die nacht herein
weht ein dunkler duft
von baumkronen und honig
genährte gedanken
danken der göttin
des mondes der sterne
wie ein tag überlebt
meine hand
deine abwesenheit
schwarz weiß die nacht
gebogen

Eine der vornehmsten Aufgabe von Kunst, nämlich dem Gefühl einen Vorwand zu erbringen, um sich auf unbestimmte Weise zu entwickeln, spiegelt sich im Gedicht „Zwischen Stille und Melodie“ von Á.M. Perezáno wieder, welches es tatsächlich vermag, das Herz in tiefe Schwingungen zu versetzen:

Heute komme ich, um einen
Schatten zu pflanzen
unter dem Wort,
welches Du mir zum Abschied gabst.
Einen Schatten von belebender Erde,
von Frühling und Himmel,
gehoben aus dem Leuchten Deiner Stirn.
Es ist nicht viel, was ich dir gebe, Liebes,
und doch ist es alles, was existiert,
zwischen der Stille und der Melodie.

Wenn ein Gedicht wahrhaftig gelingt, spürt man es auf eine eigentümliche Weise, denn es leuchtet gleichzeitig im Innersten die Schönheit der Seele auf; möge dieses Leuchten, gehoben aus Herz und Verstand, die Autoren dieses Buches begleiten, um das eigene und das Leben anderer Menschen entscheidend zu bereichern.

– Holger Jürges