Stillleben des Schriftraums #7

Die Häuser und Meere stehen still in ihren beschleunigten Bewegungen.
Klirrend geht ein Vogel über die elektrischen Bahnen. Beinahe funkelnd sein
Torso. Ich bemerke die Inschrift seines Lebens: Die Stunden. Die Stunden.
Ich bemerke die silbernen Flügel. Schriften des Wartens und der Wiederkehr.
In dieser Stadt weiß ich die Namen von fernen Gezeiten. Über Staubsilhouetten
legt mein Blick ihre Klaviatur. Himmel und Wasser brauchen mich, brauchen
den Leib des gereinigten Lichts. Doch ich habe die Zeit, den Vogel des Innern, verloren.

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Stillleben des Schriftraums #6

Wie soll man diesen Sommer überstehen? Diesen großen, unwandelbaren Sommer einer Stadt, die man nicht kennt? Wie soll man die Zeichen sich legen, dass sie nicht umgehend zerbrechen?
Ich habe die Tage des Übergangs in der Einsamkeit verbracht. Ich habe geschwiegen unter den Sprechenden, leblos zusammengekauert in das Fragment meiner Sprache.
Ich habe die Dämmerung im Herzen der Vögel durchlitten, bis sich der Sand über mein silbernes Haar legte. Ich erinnerte mich der Vorsilben meines Daseins und stellte sie zusammen wie ein Gedicht. Ich wartete vergebens auf das gestaltlose Flimmern der Zikaden und auf die unsterbliche Sehnsucht des Mondes nach Finsternis. Für einen bedeutungslosen Moment war ich die ausgedehnte Melancholie des differenzlosen Universums. Ich, hier, ich-selbst-seiend…

Stillleben des Schriftraums #5

Vielleicht schreibe ich nur für die Dauer eines silbenumwobenen Sommers. Vielleicht muss ich mich vergewissern über die Dinge, die ich erfahre. Das Schreiben ist nicht für die Ewigkeit gemacht; es bietet demjenigen, der sich mit vollem Eifer einer Aufzeichnung widmet, keine Sicherheit. Es mag sein, dass man im Schreiben zurecht die Fragilität allen Daseins vermutete – ein integrales Moment der Vergänglichkeit, welches durch seine unauffindbaren Zeichen einem jeden Buch die gewohnte Struktur verleiht.

Während ich in meinem Tagebuch jene Gedanken festhalte, denke ich an die Gegenwart. Ich erinnere mich ihrer, indem ich schreibe. Und ich schreibe und denke sie in ihrer unsagbaren Mannigfaltigkeit, durchlaufe im Geiste ihre Silben, habe teil an ihrem Gesang. – In der stimmlosen Gegenwart meines Schreibens verirre ich mich: Im Hafen meiner Worte liegt ein Schiff vor Anker, welches der Navigation unfähig ist. Einsames Schiff der Fabel und des Romans, gehalten nur von den Säumen des Papiers.

Stillleben des Schriftraums #4

Auf dem Dach des Winters halte ich inne. Die Lippen haben den Frost noch nicht abgeworfen. Leise zaudere ich, lasse das Licht für einen Moment durch meine Augen fallen, schlafe stumm im Tagwind des Geistes. Meine Gefühle tragen das Emblem der Zeit, schleifen atemlos über das Laub. Gerade ging ein Vogel über die Silben und begann seinen Tanz. Die Stadt ist indes zu einem Text geronnen. Ich lese die Stundenbücher meiner Epoche. Zuweilen fokussiert die Linse ein Flüstern; Düfte von Elend, Pest, Liebe. Neben dem brüchigen Schornstein liegen farblose Bilder. Den Sommer und das Licht haben sie wortlos veräußert.

Stillleben des Schriftraums #3

Mein Schweigen ist die Angst, einem Notwendigen Ausdruck zu verleihen. Es ist die letzte Möglichkeit des Ichs, einer Konfrontation mit sich selbst zu entgehen. Als Schweigender unternehme ich den Versuch, mir das Provisorium „Identität“ zum ewigen Kokon zu machen; ich scheue davor zurück, mich eines Tages ein Wort sprechen zu hören, welches mir nicht gehört. Solange mir also die Dekonstruktion meiner begrifflichen Hülle erspart bleibt, möchte ich ruhen zwischen den Silben und Melodien meiner Tagträume.

Stillleben des Schriftraums #2

Die Wirklichkeit ringt nach Entfremdung. Du kannst es in jedem Winkel der Stadt sehen.
Manchmal durchbricht das Rauschen der Bahn die Stille für einen präzisen Moment, und es steigt aus deinem Geiste auf wie gereinigte Luft: Dasein. Die Bürde eines sich entstaltenden Lebens.

An diesen Tagen liegt die Stadt wie eine Hieroglyphe im Nebel. Ich steige hinüber in die Elektrische und passiere die Quartiers. Die Eisen durchspalten das Meer aus Häusern und Staub, vorbei an den Linden, Schluchten, Felsen. Vor meinen Augen liegt der Text des Lebens. Bis in die Nacht folge ich den Schriften des Raums, sehe Fenster und Straßen, trage Silben in das Tagebuch, wechsle die Linien von West nach Ost. Verströme wie in Trance über das rauschende Intermezzo.

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Stillleben des Schriftraums #1

An den Häusern las man ja immer schon die Bilder und Chiffren. Da bildet Paris keine Ausnahme. Es geht mir also um den Raum, den die Bilder zum Atmen brauchen. Man kann ihnen nicht das Licht nehmen, oder spätabends zu ihnen zurückkehren, im Tagebuch Rosen züchten ohne den Staub der Sonne. Viel diffuser ist dieser Ort, an dem man liest. Er liegt zwischen Auge und Silbe, stets ausgebreitet, doch unberührbar. Man hält ihn deswegen auch für weniger wahr. Man meint: das Ich und die Stadt – das seien verschiedene Größen. Man hat sich, wenn mir dies gestattet sei, schon immer ein wenig getäuscht mit den Urteilen und Reden.

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