Über Melancholie

Die Melancholie ist ein zweischneidiges Schwert. Sie zieht großes Leid nach sich, wenn man sie gewähren lässt. Sie öffnet alte Wunden, wirft uns zurück auf Verfehlungen der Vergangenheit, wenn wir nicht lernen, sie richtig zu kanalisieren. Die Melancholie ist aber zugleich unentbehrlich. Sie ist das einzige Werkzeug, das uns konstant an unser früheres Ich zurückbindet und eine Schneise in das Kontinuum der Zeit schlägt. Ohne ein melancholisches Empfinden gibt es womöglich kein produktives emotionales Wachstum. Denn jeder Moment der Zerrissenheit stellt eine innere Zäsur dar, die zur Bewältigung drängt. In diesem Sinne speist sich auch die Poesie aus einer latenten Melancholie. Einer Unvereinbarkeit von Vergangenheit und Gegenwart, die durch die Kraft der Worte, unter höchster emotionaler Anspannung, befriedet werden soll.

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Lyrischer Dezember #30

Rauhnacht

Eine Spur reinen Frosts
hinterlassen
in dieser
sternklaren Nacht,
den Geruch deiner
Haut festhalten,
der soeben
das Herz anzündet.
Noch einmal den Anblick
deines Körpers
vorm eisbehagelten Fenster
in den Bernstein
des Erinnerns schließen.
Die Rauhnacht zwischen
deinen Lippen
besänftigen
mit dem Hunger der Sehnsucht.

Lyrischer Dezember #21

Zwischen Sonne und Stein

Ich lasse dich frei,
Herz,
hörst du?

Ich setze dich aus
zwischen Sonne
und Stein,

lasse das Wasser
deinen Namen
reinwaschen –
Herz,
hörst du?

Fließ zurück,
Herz,
fließ nur zurück
in dein Einsamsein.

Siedle
im Schatten
des Kolibri,
steig auf
im Gesang der Amsel.

Wenn zwischen Sonne
und Stein
der Sommer wächst,

bist
du selbst
der Gesang,

singe nur fort,
Herz,

ich höre dich.

Lyrischer Dezember #20

Hinter den Sonnenblumen

Der Tag schließt seine gefiederten Augen.
Schwer wie Mühlsteine
mahlen die Abschiedsstunden.
Im Gezweig fließt ihre
honiggelbe Musik,
streckt die geduldigen Hände aus
(du ergreifst sie mit meiner Hand).
Gemeinsam schleichen wir
um die mondhellen Akkorde.
Werd nur nicht still,
sondern sprich mir deinen Vers
ins Haar
dicht hinter den Sonnenblumen.

Lyrischer Dezember #16

Morgenaufgang

Ich schlief mit dir
bis hinter die Stunde des Löwenzahns.
Im Morgengrauen, auf zahmen Pfoten,
die Gerüche von Oleander und Moos,
die schweren Tragflächen
der Morgensonne,
wie in einem auswendig
gewussten Gedicht.
Das Leuchtfeuer der Augen,
das meine Worte
aufzehrte unter dem Geknister
aufspringender Hyazinthen.
Das Leinwandhafte der Haut
im ersten Licht,
das Photonegativ der Erinnerungen
inmitten wasserweißer Sommerstille.

Lyrischer Dezember #15

Clementinen

Sorgsam klopfst du die Musik
aus dem Fruchtfleisch
der Clementinen.
Mit ihr die Sonne, den Wind,
das kalkweiße Wasser.
Dein Mund sät seinen
frischen Gesang
unter der Haut des Sommers.
Du beginnst zu lächeln.
Der Geschmack reifer Clementinen,
der seine Augen aufschlägt –
halb Erde, halb Licht.

Lyrischer Dezember #13

Abschied
Für I.

Ich hoffe, du hast nicht vergessen, wie wir
entlanggingen unter den Kiefern,
vertraut wie nur selten, irgendwie glücklich,
versunken im Augenblick.
Der gemeinsame Heimweg, die Dunkelheit.
Ich habe das nicht vergessen.
Wie der Abschied, kilometerlang,
in die Seele kroch, vermischt mit
dem windgesäten Schmerz.
Du gingst allmählich,
und deine Silhouette hinterließ
einen geraden Schatten zwischen dem
Laub und dem ersten Schnee.
Du blicktest mich an, fast schon fremd,
aber noch nicht ganz abgewandt.
Ich hoffe, du hast nicht vergessen,
wie wir die ausfasernde Sprache
– leuchtend vor Innigkeit –
mit den Händen verbanden.

Dieses Knistern in der Stille,
beredt und zahm.
Die letzte Ahnung der Augen,
in denen ich geschlafen hatte,
pantherschwarz, ozeanblau.
Einen ganzen Winter lang
bewohnte ich
diesen Abschied.

Lyrischer Dezember #12

Ich trage dich bei mir
                                             Für J.

Dieses Tagebuch
– mein Leben –
ist ein Tagebuch für dich.
Ich führe es, damit du weißt:
ich liebe dich.
Wohin ich auch gehe,
ich trage es bei mir.
Ich trage dich bei mir,
deine Bilder, deine Nachrichten,
deine Sommer- und Winterworte.
Wo immer ich bin,
bist auch du.
Ich trage dich bei mir,
in der Nacht, am Morgen.
Niemals bin ich ohne dich.
Selbst wenn die Gedanken ruhen,
bist du bei mir
wie Sonnenstrahl und Erde.
Du bist die Erinnerung
an mich selbst,
mein Herzgestirn.
Ich trage dich bei mir,
in der Nacht und am Morgen.

Stundenbuch #7

Irgendein unverwandtes Knistern weckt die Sehnsucht nach Einsamkeit in mir. Einsam sein mit mir selbst, wie in den Tagen der Jugend, die aus sonnenübersäten Anflügen von Heiterkeit und Besinnung sich speisten. Flüsternd mit den Dingen umgehen, als ginge man durch sie hindurch in ein innigeres Ichsein.
Herbsttage wie diese, gelebt mit einem heimlichen Herz aus Unbekümmertheit, gelebt mit hungrigen Augen, in denen das gebrochene Licht der Pinienhaine strahlte. Tage, die meine Existenz mit behutsamer Sicherheit nährten.

Das Glück war keine Illusion.

Das Glück hatte seine Realität, es war bei mir gewesen, mir zugewandt, die rühmliche Erfindung der Verständigkeit.
Zwischen Skepsis und Zuversicht säte es eine vage, anhaltende Empfindung: Es hatte die Liebe gegeben, das gemeinsame Lachen, die Freundschaft und die Vollkommenheit. Die verschwenderische Hingabe meiner Gefühle war keine Naivität, sondern der Beginn allen Seins, das ich mir selbst zugestand.

In einer Erinnerung, die kein Tagebuch je verzeichnete, sind all diese Momente lebendig, aus denen mein Menschsein entstand. Ich sehe die Silhouetten vertrauter Menschen wie zahme Schatten vorüberziehen. In ihren Gesichtern, die mich gütig betrachten, dämmert mir die Stille allen Glücks entgegen.


Das Glück zeigt uns an jedem Tag die vage Empfindung unserer selbst.

Über das ‚vage Empfinden‘

Gedanken zum Stundenbuch

Generell ist es so, dass die Stundenbuch-Reflexionen wohl immerzu in einem ‚vagen Empfinden‘ verharren; sie loten das (noch) Sprech- und Sagbare aus, indem sie die Fragilität des Verhältnisses von Welt und Sprache als einen Problemfall ausstellen. Was zurückbleibt, ist eine Ahnung, nicht mehr als eine Spur des Wirklichen, um die das poetische Sprechen kreist.

Man könnte zugleich die Hypothese aufstellen, dass die poetische Literatur mit ihrem subjektiven Sprechen immerzu mit Ahnungen operiert und diese für das Zustandekommen einer ‚vagen Empfindung‘ basal sind. Zumindest der poetische Prozess scheint mir essenziell auf das Unvorhersehbare, das als Behauptung sich
gebärdende Ungewisse gestützt zu sein. So wird der Nährboden für einen Effekt bereitet, den wir als einen Einsichtsmoment charakterisieren können: Aus der Ahnung entwickelt sich eine Gewissheit oder ihre Negation. Das Subjekt wird mit sich selbst konfrontiert, es durchlebt den Akt der (Selbst-)Erkenntnis. Dieser Prozess, im Rahmen dessen das Subjekt seine Stellung zu sich selbst und der Welt realisiert, mag als ein Prozess der ‚Überwältigung‘ bezeichnet werden.

Aber wird das Subjekt nicht zu allererst durch sein eigenes Sprechen überwältigt – jenseits jedweden Realitätsbezuges? Ist es nicht die magische Erkenntnis der spezifischen Eigenheit des Subjekts, die im poetischen Text geleistet wird?

Ich möchte hierbei die Annahme aufwerfen, wonach das Subjekt in der Art Literatur, die wir betreiben, primär von der Einsicht in die eigene Identität (respektive deren Gebrochenheit oder Unvollkommenheit) ‚überwältigt‘ wird.
Erst aus diesem Prozess der (positiven oder negativen) Einsicht entsteht die poetische Dramatik, die sich oftmals in eine Dialektik des Seins kanalisiert.
Ist demnach die ‚Überwältigung‘ des Subjekts nicht als Grundlage des poetischen Sprechens zu betrachten?

Stundenbuch #6

Manchmal ist dort ein dumpfer Goldglanz in den Cumuluswolken, die über die fahlen, verschmutzten Dächer der Vorstadt ziehen, während ich hier in meinem nichtssagenden Bürozimmer sitze und Buch führe. Ich denke dann an Menschen mit vielsilbigen Gesichtern, Menschen aus vergangener Zeit, deren Haut noch immer den Geruch hunderthäuptiger Jacarandabäume trägt.
Ich verliere mich in den sinnreichen Aufzeichnungen, die ich nie angefertigt habe. Ich begreife, dass mein Leben nichts als der Versuch ist, ein Leben zu entwerfen. Und plötzlich dürstet es mich nach dem Vergessen. Ich will das Bürozimmer im zweiten Stock einer menschenleeren Straße, dessen Wände keinen Horizont zu zeigen scheinen, verlassen.

Ich erhebe mich von meinem hölzernen Stuhl und fixiere mit beiden Augen langsam das dunkelblaue, mit Schatten angereicherte Nachmittagslicht, das durch die schmalen Fensterscheiben bricht. Die Zeit des Verdrusses schreitet mit ungeheuren Schritten auf mich zu.

Ich sehe davon ab, die Unabänderlichkeit meiner fremdverschuldeten Existenz auf die Probe zu stellen. Inmitten der Schweigsamkeit begebe ich mich zurück an den Tisch und schlage das Postbuch auf, das keine Adressierungen an meine Person verzeichnet.
Die immergleiche Monotonie des Seins wird unterbrochen von einem letzten Blick in Richtung der Vorstadt. Die Dächer tragen ihren fahlen, schmutzigen Ton, die Wolken verweigern ihren dumpfen Goldglanz. Im Nachbarhaus blickt ein Mädchen in ihren Spiegel. Die Existenz flieht uns in hundert Dingen…

Stundenbuch #5

Die Verluste, die wir erleiden, spiegeln uns mehr als die strahlenden Augen eines vertrauten Menschen. Denn wir sind nichts anderes als der Verlust. Wir vermeiden seinen genauen Namen, und doch schweigen wir ihn mit jeder Silbe, die durch unsere Gedanken rinnt.
Wir leben unsere Existenz schweigend dahin. Die Worte dringen nicht vor bis zu den Worten. Das Uneigentliche der Wahrheit treibt einen unabschließbaren Keil in unser vages Empfinden. Nichts als Verlust ist in der Welt, die wir täglich erblicken. Und mit jedem Tag nähren wir unser eigenes Verschwinden, aus dem die Wahrheit erwächst.

Die Aufgabe der Poesie. Eine Kritik

Zuweilen ist es notwendig, sich der tatsächlichen Aufgabe der Poesie rückzuversichern; dies geschieht im öffentlichen Diskurs, der immer stärker auf die Leserperspektive zugeschnitten ist, leider viel zu selten. Obendrein scheinen sich die Parameter für die Beurteilung dieser so wichtigen Sprachkunst in den letzten Jahrzehnten verschoben zu haben. Diese Verschiebung hat zu einem Prozess der Entsubjektivierung in der Poesie geführt, einer Übergewichtung der Technik zu Lasten des Spektrums persönlicher Empfindungswelten.
Wenn wir jedoch die Frage aufwerfen, was es mit dem Wesen des Poetischen auf sich hat, gelangen wir zu einer konträren Erkenntnis: Die Poesie ist keine belanglose Spielerei mit Worten und kein reines Erkenntnisinstrument; die Poesie ist das ganze Leben! Sie ist eine Gesamtheit von Ausdrücken, Äußerungen, Gedanken und Wahrheiten.

Die Poesie setzt ihrem Wesen nach beim Individuum an, das immer eine Geschichte und eine Stimme besitzt. Ohne diese Stufe der persönlichen Rückbindung greift das Gedicht, greift das lyrische Werk zu kurz.
Das Subjekt aus der Poesie herauszubrechen bedeutet, ihren zentralen Ausgangspunkt zu unterminieren. Die vollständige Marginalisierung des Subjektes, die seit Jahrzehnten auf Kosten der tatsächlichen Kunst betrieben wird, mag dabei ein Resultat postmodernen Denkens sein. Ein Denken, das nach und nach alles ausgemerzt hat, was an Persönlichem in der Kunst vorhanden war.

Und doch wissen wir, dass Worte, die wir aus uns herausstellen und in eine lyrische Form überführen, immer etwas Bedeutendes zu sagen und aufzuzeigen haben. Es handelt sich um mehr als nur eine politische Bemerkung oder eine Kritik an der Gesellschaft, die den Koventionen des Zeitgeistes entspricht; es geht um nicht weniger als das Leben, um einen emphatischen Begriff des Er-lebens. Wenn wir aufrichtige Poesie schaffen, werfen wir mit unseren Versen Schlaglichter auf die Wirklichkeit und versuchen sie dadurch transparent zu machen. In jeder Silbe liegt der Wunsch, die Verfasstheit unseres Lebens mit Vernunft, Emotion und Instinkt zu durchleuchten. All dies ist mehr als sprachliches Handwerk; es ist die authentische Äußerung eines Individuums über sich selbst, die durch nichts zu ersetzen ist. Es ist das Porträt eines Menschen, der sich im Spiegel seiner Worte erkennt.

Anrufung des Herbstes

In den granatroten Gärten
fällt die Sonne.

Ich wende mich ab von
den Früchten, in denen die
Lichtstrahlen miteinander singen.

Denn taub vor Erde sind die Hände.
Zwischen Stern und Akazie
suchten sie das Vaterland.

Die Augen kennen nichts als Schönheit,
und doch leiden sie. Immerzu brennt
in ihnen das Leid einer Stunde,
die sie nicht meint.

Im Zenit des Verdrusses
mögen Hände und Augen
                         doch vergehen!
wird sich die Wunde des Sommers
schließen.

Die enormen Gärten
– granatrot und still –
werden leuchten vor Einsamkeit.

Es werden die Tage des Herbstes sein.

Einer Freundin zugedacht (II)

Gerade im Gedicht ist es uns vergönnt, an einer Liebe zu bauen, deren Fundamente unumstößlich sind. Keine Banalität vermag an ihrem Antlitz zu kratzen, keine Verstimmung lehrt sie zweifeln. Sie ist wahrlich in Stein gemeißelt, eine ewige Skulptur des Geistes, gewappnet gegen die Bürden der Zeit. In jeder ihrer Gebärden liegt die Gewissheit: Sie überdauert. –

Programmatisches III

Was bedeutet es, eine schlichte, doch zugleich kultivierte Poesie zu entwerfen? Eine Poesie, die sich nicht indifferent gegenüber den Sehnsüchten der Menschen nach Schönem zeigt?
Ich vertrete die Ansicht, dass die Poesie – vor allem in Zeiten, in denen es keine »Metaerzählungen« mehr gibt – eine ganz basale Aufgabe zu erfüllen hat. Sie muss einen ästhetischen Gegenpol zu den leblosen Mechanismen der Alltagswelt bilden und den Menschen zurückführen in eine emphatische Vorstellung des Mensch-Seins. In ihrem bescheidenen Dienst für die Menschheit liegt die Berechtigung der Poesie. – Als schlicht erweist sie sich aufgrund ihrer Forderung nach Einfachheit, Klarheit und Verständigung. Kultiviert erscheint sie im Hinblick auf den zu schaffenden Mehrwert für eine spezifische Gemeinschaft, worin gleichsam ihre identitätsstiftende Funktion begründet liegt. – In der Poesie steht demnach immer das Höchste auf dem Spiel: die causa finalis des menschlichen Lebens.

hinter der stunde

mein leib entwächst
dem garten
deiner schlafenden augen

er kennt diesen
frühling nicht, liebes,

er weiß nicht von dir
oder dem klang der lippen
wenn sie den morgen berühren

mein leib, kehre
zurück in dein sinnlich-sein!
gib der stille
ihre lebendige musik!

mein leib!
wilde rose der einsamkeit
– blatt um blatt
                  himmel –.

Stillleben des Schriftraums #7

Die Häuser und Meere stehen still in ihren beschleunigten Bewegungen.
Klirrend geht ein Vogel über die elektrischen Bahnen. Beinahe funkelnd sein
Torso. Ich bemerke die Inschrift seines Lebens: Die Stunden. Die Stunden.
Ich bemerke die silbernen Flügel. Schriften des Wartens und der Wiederkehr.
In dieser Stadt weiß ich die Namen von fernen Gezeiten. Über Staubsilhouetten
legt mein Blick ihre Klaviatur. Himmel und Wasser brauchen mich, brauchen
den Leib des gereinigten Lichts. Doch ich habe die Zeit, den Vogel des Innern, verloren.