Im späten August

für T.

Wahrscheinlich hast du mich dieses eine Mal erkannt. Denn du hattest plötzlich ein unaufgeregtes Lächeln in deinem sonnensatten Gesicht, als du dort liefst, an mir vorüberliefst, gezeichnet von Lebensglück.

Ich sah dein Gesicht nicht oft. Doch ich erkannte es wieder. Dein Gesicht war geformt aus den Tonscherben der Gegenwart, innig verwachsen mit dem Wunsch, eins mit sich selbst zu sein.

Dein Gesicht war ohne Vergangenheit. Ich weiß deshalb nicht, warum ich es erkannte. Vielleicht war es die verdichtete Gewissheit deiner Präsenz, die mich meiner Melancholie entriss. Das unhintergehbare Flüstern der Gedanken im späten August, mit denen man umherirrt in einem fragilen Vakuum aus Einsamkeit.

Die Bücher mussten dich verschweigen, denn du warst unfertig in das Leben gestellt. Und die Gedichte, die wir schreiben, werden schwerelos, wenn man sie liest. Darum fand man dich bis heute nicht, Engel. Man ging still über dein farbloses Gesicht, die Klänge tropften dir von den Schläfen. Das Gold, das du an deinen Händen trugst, ging verloren in den Großstadthimmeln dieser Welt. Bis zuletzt graben die Sinne nach deinem Licht; immer dunkler die Kammern des Leibes. Die Verse legen ihre matten Knochen an deinen Saum; die gefühlte Kontur deines Daseins bleibt ein Herzschlag.

Ich sehe die Leiber: oder nach dem Licht tauchende Schalen. Im Rücken die Luft, überladen von Korn. Die Felder des Winters sind vasenlos, barfuß. In die Kreise von Köpfen ist das Lachen eingeschrieben wie ein Versuch. Ich stelle die formbaren Worte hinter das Fensterglas, die Gitterspalten musizieren libellenverliebt. Was von den Ähren bleibt, weiß ich nicht. Ich kenne die Zeiten nicht, um zu sagen, dass es wenig sein wird. Ich kenne die Lippen der großen Vögel nur dunkel und verwaschen. Das Tageslicht meidet den Regen in meinem Gewahr-Werden mit den Dingen. Angezündet und lieblos prasseln die Himmel auf meinen Torso. Die Hände gespalten im Dialog der Chrysanthemen. Riechst du den Holunder nicht über farblosem Weizen…?

Das Esszimmer ragte stumm in die Nacht; genauso stumm die Worte, die man sprach. Und auch die Gesten und Gebärden, die sich Bahn brachen, waren von kristallklarer Stille umflossen. Die Mägen waren von Schwere übersättigt. Man griff zu den Lippen, zu den gefrorenen Mündern, um darin Leben zu fühlen. Man aß das Brot des Vortages, man schlang es hinunter wie eine veraltete Silbe: achtlos, gar beiläufig. Man schlang das Brot nicht sorgsam, man ließ den Wein über Leib und Seele rinnen. Man verschluckte das Rot einer Tomate ebenso gleichgültig wie das Blau einer gereiften Johannisbeere. Man verschluckte sich am Leben selbst. Es mischten sich Vögel in das Wasser der Schalen, aus denen man trank. Es mischten sich Verse in die Erzählungen, die man unter Krämpfen ausspie und mit der Zunge zerkleinerte. Die Lippen zweier Menschen portionierten den Überdruss eines halben Jahrhunderts.
Es schlang die Seele hinunter, was sie im Eifer des Festmahls zu greifen vermochte. Da waren plastifizierte Elefantenkörper, deren mildes Grau nicht recht zur Täfelung des Raumes passen mochte. Da waren zu Wachs erstarrte Schwanenflügel, die sich im Orkus der Nacht ein Bett bereitet hatten. Und man verspeiste das sämige Brot mit gierigen Mündern, man verschlang die vorbeifahrenden Bilder einer Großwildjagd vom Vorabend des letztens Jahrhunderts. Die Bäuche waren nun leerer als zuvor. Man entzündete das Wasser in porösen Kelchen, wie es einst die Besatzer taten. Am Boden der Schalen waren die Scherben verwelkt, als man sie fand und zwischen den dünnen Häuten der Finger umherwandern ließ. Man hielt Blüten über das Kirschholz des Tisches. Strahlende, vom Sonnenschein überwobene Orchideen glitten behutsam über die Hände aus Asche. Man ließ donnernde, entlegene Sommertage in die Poren der Haut eindringen. Man ließ Nadeln über die Körper hinweggleiten, während man immerzu schlang, und ließ die Stiche eines rostigen Messers passieren wie eine vorübergehende Dürre, und hielt das Wasser, das zerstäubte Gerinnsel der Sinne, fest und lag träumend dort – in diesen erwärmenden Melodien des Krieges, während man noch speiste und schlang und das Leben zwischen Zeigefinger und Kehle hielt.

Das Gedächtnis der Welt

(Wellen steigen aus dem Unterbewusstsein auf. Der Zyklus bricht nicht ab.) Während ich dem Papier meine Worte gebe, fälschen sich winzige Impulse in mir, und es ist nicht möglich, an jener Stelle fortzufahren, derer ich meine volle Konzentration zu widmen gedachte. Willkürliche Korrespondenz der Nervenstränge. Über das Blau der Federn lässt sich jetzt keine Aussage mehr treffen. Es gibt jetzt keinen Ansatz mehr, die großen, von Wasser genährten Schwäne zu Hütern der Winde zu erklären. Ich exhumiere die Nacht aus Prismen, deren Finger das Licht verkosten. Sorgsam balancieren die aufsteigenden Bilder; sie tasten entlang der Stirn, auf der sich nichts regt als die Last eines Denkvorgangs. Und man könnte die leise Wärme vergleichen mit den Geräuschen, die eine Perlenkette macht, wenn man seine Träume daran zu hängen versucht. Es gelingt nur den wenigsten von uns. Denn wir schlafen zu selten, als dass sich diese gläsernen Tropfen reinster Erfahrung von uns archivieren ließen. Sie sind wie die Kinder, deren Furcht dem Endgültigen gilt. Das Mögliche hingegen ist ihnen wahres Dasein.
Ich spare an Vokalen, an Konjunktionen. Denn welchen Bezug haben diese Dinge schon? Ich glaube, dass jede Abschrift ohnehin zwecklos bleibt. Wir führen das Schwarzblau einer Feder über die Blattzwischenräume hinweg. Wir bemerken unser Schreiben meist nicht. Die Deformation des Eigentlichen. Und die Küsse zweier Paradigmen verkümmern hinter unseren Bewegungen.

Albatros

Ich habe erlebt, dass wir einsam sterben – Engel -; fast unsichtbar für die Außenwelt, 
und dass uns, wenn wir danach trachten zu sprechen, keine Worte mehr bleiben.
 Ringsum weicht die Schwere aus menschlichen Poren, vielleicht regnet es schon.
 Oder es ist bloß die Musik der Lippen: die Rhythmen, die Bewegungen eines Körpers.
 Die blaue Musik der Großstadt, zwischen Beeren und Staub, zwischen Silben; tanzend.
 Sei unbesorgt, mein Engel. Die Nacht ist arbiträr, wenn du liebst.
 Ich kam nicht dazu, dir zu sagen, dass jeder Satz aus deinem Mund Überfluss ist. 
O verschwende dich nicht, Liebes! Hör die Musik an den gebeugten Säumen der Nacht.
 Hör die auffliegenden Vögel im Morgenlicht, die Früchte der Sommerwende.
 Wenn du das Rauschen meines Körpers suchst, sei unbesorgt. Ich habe mich längst an das Leben verschenkt, 
Liebes. Du wirst daran nichts ändern mit deinen Kirschlippen. Mit deinen festen,
 blühenden Augen. Denn ich bin selbst die Musik. Ich bin die Anordnung schwerer Noten.
 Es genügt nicht, wenn du jetzt ein Wort zu mir trägst. Ich bin zu flüchtig, als dass
 ich es hielte. Nein, es genügt nicht zu sprechen. Es genügt nicht zu lieben – Engel – . Vielleicht weiß der Regen noch von dir, und weiß deinen Rhythmus wie ein Gedicht.

Poetik der Fortbewegung

Die Entfernung zweier Bäume ist ein Flug.

Man brachte dir das Laufen bei, doch man vergaß, dich das
Fliegen zu lehren. – Aber was macht dein Geist, wenn er Schritte setzt?
Noch vor dem Vers fliegt er. Deine Füße erlernen das Schauen.
Ich sage nicht, dass sie das Laufen vergessen haben. Ich sage nicht,
dass sie von dem Flug wissen: die Entfernung zweier Bäume.
Sie wissen deinen Körper wie einen Vers: nur vage.

Über dem Gedächtnis liegt ein morsches Dach. Deine Augen sind
müde vom Tageslicht. Sie schauten den Wäldern zu lang hinterher.
Den winterlosen, schmalen Wäldern; ihren Bäumen… Und immerfort
riss man sie mit sich, auf untergehenden Sonnenpfaden. Immer riss man
sie fort von den gewohnten Bäumen, den Pfirsichen der Seele,
und den geschmückten Ufern und Gewässern.

Ich sage nicht, dass deine Füße nun fliegen. Ihre Federn genügen
nicht, um daraus ein Luftbett zu formen.
Und gesetzt, sie trügen dich doch: Nach wessen Luft
sehntest du dich dann? Ist deinem Mund nicht längst
Überdruss widerfahren, als er sich entschloss,
den Abstand zweier Bäume zu vermessen?

Letzte Beeren stehen im Gold der Atmosphäre. Das Raumschema
deiner Finger, die teils zeitlich begründet sind. Ich spreche
zu dir von den Stellen, die ich im Dunkel meiner Seele weiß. Und doch
bin ich müde, sie zu sprechen, denn sie sind nirgendwo.
Ich fand sie nicht, als ich das Laufen begann. Diese Orte sind Korpus
und Schwingung, sie sind Lauf und Flug. Du würdest sie mit Federn an den Füßen nicht erreichen. So wie du das herabfallende Blatt vergangener Herbste
nicht erreichst, denn es balanciert zwischen den Feldern, die kein Auge weiß.

Weiß deine Hand ihre Stelle denn? Weiß sie nach schweren Frühlingen
zu greifen wie nach Kinderhänden? Nach verschleierten blauen Vögeln?
Du spürst zwar das Beben der Lippen, das schweigende Erwachsen-Sein
der Finger, die sich zuweilen vergessen, doch ahnst du nicht, wie
viel Schwere in den Räumen liegt, die keine sind…
Du ahnst nicht, dass alles hier ein Flug ist, der zwischen zwei Bäumen
geschieht. Und nie hast du mit zitternden Wangen unter den krachenden
Ästen einer Kastanie gestanden. Nie haben deine Füße den Boden
gekannt oder die gläsernen Zitadellen meiner Fingerspitzen.
Nie hast du aufgehört, das Laufen zu beginnen…

A.M. Perezáno

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 Das dominierende Paradigma des "Baumes" konstituiert die hermeneutische Achse
 des Textes. Das Denotat "Baum" durchläuft im Laufe des Schreibprozesses eine Umwandlung.
 Plötzlich gilt ein Baum nicht mehr als pflanzliches Inventar des Waldes, sondern
 erfährt eine syntagmatische Erweiterung: der Baum als Maßeinheit des Fluges.
 Dieser zur Bewegungsmechanik gehörende "Flug" siedelt sich im dualistischen Bereich
 zwischen Illusion und Tatsächlichkeit an. Es gibt hierbei keinen physischen Flug, 
 ebenso wenig gibt es ein mentales Laufen. Diese Poetik der (dualisierten) Fortbewegung 
 problematisiert die Frage nach dem Wahrheitsgehalt des physischen sowie psychischen 
 Erlebnisses. Gleichwohl befasst sich vorliegender Text innerhalb seiner poetologischen
 Ressourcen mit der Betrachtung des topischen Ortes und dessen Abgrenzung gegenüber
 einer räumlich-dimensionalen Ortsdefinition.

Eintragung 3.11. – Pariser Zyklus

In den Fotoalben schlafen die Bilder meiner Kindheit. Porträts ungeleugneter Stunden. Ich sah mich aufwachsen mit gräsernen Augen, die das Lauschen verstanden. Ich habe dieses Ich nicht mehr. Mein Leben ist literarisiert. Ich erkenne mich bis zu jenem Punkt wieder, doch gegenwärtig bestehe ich aus Worten und den Geräuschen knisternder Töne auf den Flächen meiner Zunge.

Ich habe im schwachen Kerzenlicht ein Bild von dir, Liebes. Es ist nicht groß. Und vielleicht hätte ein anderer Mensch es achtlos überblättert. Doch ich könnte nicht mit dem Wissen leben, dass mein Herz sich nicht länger nach dir sehnte. Es fragt jeden Abend nach dir.
Du hast in meinem Leben Spuren hinterlassen, Liebes. Es ist ein schemenhafter Vogel, dessen Laute meine Poren umflimmern. Doch ich kam nie zu dir mit den Worten: … Vielleicht kam ich in der Nacht; doch du schliefst bereits. Vielleicht ist es zu lange her. Man vergisst mit der Zeit…

Mein Leben ist ein Brief. Ich sende ihn dir zuliebe nicht ab.
Meine heimliche Melancholie reicht nicht aus für ein weiteres Wort an dich. Für ein Wort an mich.
Ich kann das Verlangen der Sinne nicht einstellen, ohne mich zu lösen. Ohne das Kerzenlicht ruhen zu lassen wie ein schweres Gedicht. Wie ein angefangenes Fotoalbum.
Wer weiß, wann meine Augen ihr Licht zurückerlangen.
Nun schlaft, ihr Erinnerungen, schlaft an den Orten, an denen mein Herz euch nicht sucht.

Pfad durch den September.

Ich habe auch Tage der Verlassenheit gespürt, nannte sie: Einsamkeit aufgetürmter Stunden. Die Lieben in der Ferne waren nah und grenzenlos, als stiege in ihren Bildern mein Leiden auf. Dann überdauerte letzte Sehnsucht.
Purpurne Dolden säumen meine in Traumsubstanz gegossenen Erinnerungen. Mein Verrinnen ermessen sie an welken Blättern, deren Fallen wohl leichter geschieht.

Bilderstapel aus angehäufter Lebenszeit bilden mein Heimlich-Sein mit den Dingen. Ihnen bin ich womöglich kein Fremder mehr; und so schmerzt ihnen, dass ich gar zu rasch entschwinde. Im Geiste noch ein Ebenbild der Gegenwart.

Welches Los bliebe uns denn erspart, selbst wenn es offensichtlich schiene?

Reise mit Tieren.

Du weißt, dass sich das morgendliche Treiben der Singvögel bald legen wird. Komm besser herein; der Regen fällt über goldenen Dächern; aus der Ferne – New York, London. Man weiß es nicht. Im Winter das Leuchten aufgefüllter Amphoren, die man auf hölzernen Terrassen vergessen hat. Ein jedes Ding reist auf seine Weise. Konturen ohne Flügel.
Und die marmornen Türme, die filigranen, japanischen Türme, deren Häupter in den Ziergärten stehen, warten auf unsere Rückkehr. Sie lesen den Zwischenraum unserer Münder, die kleinste Regung eines Gefühls, welches noch nicht einmal in Worten liegt. Doch sie ahnen es bereits.
Die schneeweißen Kunstrosen, das fliedersamtene Kleid einer Orchidee: Ist in den Tagen des Abschieds nicht alles von größerer Intensität?

Ich glaube, wir fühlen es nicht mehr. Und umso kürzer ist der Weg des belebenden Stroms, der unsere Körper mit Wasser versorgt. Ich habe den Sommer getrunken wie einer, dessen Lippen nach Lebenskraft lechzen. Ich habe die versteinerten Ahornbäume getrunken, den Flug des weißen Seeadlers. Und doch verdurste ich. Ich verdurste an den Lichtern einer fremden Stadt; an einem Sommer, der seine Blüten vergisst.

 

 

Erster Text des Prosabandes „In Zeiten des abnehmenden Sommers“.

Porträt mit Inseln.

Seit meiner Wiedergeburt weiß ich den Wert eines Landschaftsbildes zu schätzen. Ich kenne die lautlosen Geräusche, die eine zerfahrene Straße macht, wenn man an ihren Säumen flaniert, fühle die Wellen des Windes, die meine Wangen streifen. Mir blieb es versagt, dich zu erfahren. Einen Menschen in meinen Sinnen zu formen.
Ich weiß nun jenen Moment zu erforschen, den ich damals achtlos hätte verrinnen lassen. Ich bin zur Linse meines eigenen Auges gereift und verlasse die stillen Wände dieses Studierzimmers. Ganz Paris durchfließt die schmale Mulde zwischen den Partitionen meiner Seele.
Ich gehe auf dem Boulevard einsamer Bosonen, lasse sie die Überreste unseres Nachlasses verdunkeln. Wir sind die Strömung träger Bäche und erhalten uns hinter den Höfen der Sonne.
Längst hat man aufgehört, die Jahre zu zählen, in denen wir die Grenzen fallender Wolken passierten.

Nun denkst du doch zurück, erfährst dich im Vergangenen wieder, obwohl dein Körper die Oberfläche des Lebens durchspaltet. Es ist ein Geheimnis ohne Flüstern, das du bewahrst.
Die Träume eines angesparten Daseins finden uns verwaist vor. Es ist ihnen ein Leichtes, durch Barrieren zu schreiten. Die Namen, die wir tragen, sind ihre postkartengroßen Fingerspitzen.
Ich sitze zurückgezogen auf den Pfeilern einer steinernen Brücke. Man sieht meine Konturen in den Spiegelbildern des Himmels. Ohne ein Wort zu sagen, habe ich die Welt gemacht. Kartografisch übermalen meine Finger das Papier eines Journals. Allmählich dringen die Umrisse eines Planeten hervor. Eine Darstellung, rückwirkend datiert auf das Jahr 1743.
Ich verwaise in den Strömen überwallender Ideen.
Ein Schreiben Pissarros füllt Dekaden auf. Frauen am Meer
sehen das Licht meiner Augen wie einen Leuchturm in der Schwebe. Ich meine, ihren flüsternden Worten zu lauschen. Gedankenschwer. Auf den Lebensadern eines Brückenpfeilers. Zu meinen Füßen das endlose Wasser.

Toxine der Zeit.

Unter den Eintragungen vom 14. November ’82
steht mein Name in kursiven Lettern.
Die Bibliothek ist mein Sterbebett. Letzte Atemzüge geschehen.
Aus einem fiorentinischen Prosamanuskript fallen Skulpturen, weit in die kalte Vormittagsluft hinaus.
Meine Füße sind von Gesteinsresten umgeben. Ich schmecke den Schweiß eines alten Bildhauers, eines ewig entfernten Künstlers, dessen zerfallene Hände die Gravitation mindern. Er schweigt, solange man ihn anblickt.

Die Besucher des Lesesaals tasten sich entlang meiner Schulter. Vielleicht bin ich das karge Lampendämmern, das Innen- und Außenwelt trennt. Wir alle sind plötzlich separiert. In unsere Schatten stellt man seidene Maschinen.
Wir haben die Februarstunden eingetauscht. Das zweite Aufleben des Herzens: als flanierte man durch die Florenzer Altstadt. Hier: ein seelenbereinigtes Gefühl. Etwas Anfassbares. Du nennst es „la vérité“.
Währenddessen gieße ich die steinerne Umschlagseite eines Buches in mein Gedächtnis. Schwarze Nummerierungen zieren den Einband meiner Sehnsucht.
Das Porträt eines Dichters überflutet die Stille.
Meine Sinne ordnen den Raum anhand fiktiver Dimensionen. Ich beginne, mich neu zu formulieren: Quadratur der Vergänglichkeit.

Lebensjahre.

Meine Einsamkeit wächst dem Dunkel des Abends entgegen, dessen sinnlicher Körper du bist. Ich halte deinen Torso wie das erste Laubblatt im Herbst; balanciere den Wind aus, der meine Zehenspitzen erfasst. Alles wird lautlos.
Das Brennen erkalteter Knochen auf den Boulevards: Menschen, deren Glieder sich mit Asphalt vermischen.
Im Zwischenraum ausgetrunkener Stadtbrunnen verbleibt ein filigranes Windspiel. Vielleicht die Metamorphose einer Orgel in meinem Herzen.

Mein Schatten durchstreift seidene Räume: An deinen schmalen Hals gelehnt … nächtelang durch die vergänglichen Tore des Lebens.
Und wir spüren das Rascheln eines feuerfarbenen Winters. Die überlaufenden Wangen eines weiteren Frühlings, der uns zu sich nimmt.
Dein klarer Teint. Die blonden, im Sonnenschein rauschenden Haare. Damals: Das Wasser junger Lippen. Küsse ins Morgenrot.
Ich lasse die schweren Glieder ins Bett eines Flusses gleiten. Du jedoch schläfst bereits…

Raumbild nach null.

Nebel taucht auf. Du trittst vors Haus. In dein Inneres.
Weizenkeime, lieblos in den Boden gesteckt. Es könnte dein Heimatdorf sein.
Du hast Länder bereist, Orte im Himmel. Farben an deinen zerrissenen Mänteln: wie das Nachklingen einer Zithermelodie. Stoffe aus samtenen Maschen. Ein Mann, der die Blicke ausgibt, die man ihm überließ.
Sie meinen, du kehrtest heim. Im Kamin knistert das Holz einer
vor Jahren gefällten Buche. Überalterte Mimik.
In der Ferne ein Bahnhof, dessen Lichter den Regen waschen. Gelegentlich das Rauschen der Gleisbette, wenn ein Verstorbener die Luft umgräbt.
Du verstehst jedes Wort. Jedes entfernte Flüstern ist ein Teil von dir. Du weißt, wie die Silben des Regens schmecken, wenn sie deine Zunge berühren. Fang das Weiß der Nacht ein. Jeden Vokal.
Die Seiten deines Tagebuchs sind Chimären, die das Licht verdunkeln.
Hinter den Sonnenstrahlen wartet ein neues Leben.

Handelswege nach Süden.

Du bist das Ziffernblatt am Rande steinerner Küsten. Die Brandung macht uns leichter. Du verlierst deinen Körper an mich. An saumlose Inseln. Wir sind unvergänglich.
Lass uns annehmen, wir seien Sterne. Lass uns jede Bewegung scheuen. Mach, dass mein Atem sich stoßweise im Nirgendwo sammelt. Gib den deinen hinzu. Irgendwann sind wir Vertriebene, müssen d o r t h i n, um aus den aufgefüllten Karaffen der Ewigkeit zu trinken. Luft aus der Stille trinken. Wie sonnenbeheimatete Antilopen.
Und alles, was wir zum Eintauschen besitzen, ist Unvergänglichkeit. Die Nacht. Das Seeleninnere eines Engels.

Die Farben suchen mich.

Ich stehe hinter den engmaschigen Augenpartien eines Gemäldes. Ich, ein Stillleben mit Wildkirschen. Das Museum ist aus Stickstoff gemacht. An manchen Stellen verflüssigt. Die Kälte findet an den Nähten meines Mantels Widerhall.
Meine vertrockneten Augenlider werden stumm. Plötzlich ein römisches Wetter. Die durstige Mondnacht liegt an meinen Venen. Darunter ausgesetzte Sterne, deren Herzen von Tränen schwer sind.
Mein Atem, ein unkalkuliertes Verschieben der Wirklichkeit.
Ein gereifterer Blick nimmt mich gefangen. Ich bin bloß ein Quantum, vielleicht ein Vorgefühl im Gewand Marc Aurels.
Hier: eine Epoche, so unbestimmt wie die morgendlichen Farben der Seine.
Mit den Kähnen gehe ich auf wie die Morgensonne. Man hat meine Umrisse vergessen. Das Schwarz im Repertoir Monets.

Eine Hommage an Tomas Tranströmer.

Psalm.

Ich lehne meine Arme ans Unaussprechliche. Ein sonnenüberwobener März, der meinem Inneren verwandt ist. Herzklopfen. Schwere Sinne, dass man beinahe ruhen möchte.
Sie sprechen von Städten, von Feldern, die im Symbolischen münden. Jeder fallende Rumpf ist die Vorsilbe eines bronzenen Grashalms. Halbgeöffnete Sperlingsmünder formulieren die Ewigkeit. Du fühlst die gräsernen Spitzen vertrockneter Weizenhälse, die kurz innehalten, ehe sie dein Augenlicht berühren.
Gib das Wasser formulierbarer Rosenkelche hinzu. Sieh, wie sich das Tageslicht in jedem Atom weichzeichnet. Wie sich dein altes Gesicht erneuert…
Mach das Licht endlich schwerer. Lass den verschlafenen Lidern ihre Stille.
Du vergehst zu rasch, um jetzt zurückzuweichen.

Gold-Promenaden.

Im scherzhaften Tageslicht tauchten letzte Schwalben. Vor unseren Füßen der Waldweg. Du erkennst in großer Ferne den verwandten Staub, der merkwürdige Silhouetten formt. Meine Füße zögern noch, ehe sie die Erde spüren. Über morschem Geäst die sonnendurchleuchteten Pollenwinde. Es ist, als zöge die Oberfläche an unseren Händen. Die Oberfläche weitläufiger, offener Lüfte.
Vereinzelt suchen dämmernde Rufe nach Widerhall an unseren Fingerspitzen. Dann legen wir uns ins Grün der Sommerzeit; kennen Orte, in deren Schatten man Kirschen isst. Zuweilen lauschst du dem Brennen der Fruchtschalen. Verflüssigst den Geschmack regenumsäumter, zarter Wildbeeren, die sich im eigenen Tiefblau sonnen.

La couleur du ciel.

Wir spielten unter den Apfelbäumen. Im Himmel trieben die Wolken so sorglos. Und jeder Tag war uns lieb und wie der endlose Rausch eines unbekümmerten Lebens. Von den blühenden Sträuchern stieg ein herrlicher Duft an unsere Nasen. Mit dem Vogelzwitschern waren die kühlenden Lüfte aufgefüllt. Momente, in denen das Gestern sich erhält.
In deinem Garten waren die Früchte gereift. Von Kostbarkeiten überladen bogen sich die alten Bäume. Meinen Kopf legte ich gern in die Gräser, warf dir verstohlene Blicke zu, deren glänzendes Blau dir gefiel. In diesen Stunden schien uns die Welt offen und unvorherbestimmt.
Du lächeltest innig, wenn du mir Kirschen gabst, die im weiten Rund ihrer überlaufenden Farbe schimmerten. Das feurige Rot mancher Blüte spiegelte sich in deinen Augen. Von Zeit zu Zeit schlossen sich deine feinen Lider, lehnten sich an den streichelnden Sommerwind, als ginge deine Seele hinfort.
Dies ist nun, da ich heimkehre, anders. Manchmal führen mich farblose Tränen zurück an den Ort unserer Kindheit. Zurück zu den Feldern, über die wir so schwerelos liefen.
Ich schaue über die verwitterten Lauben, hinter denen kahle Stämme ruhen. Gelegentlich ein rufender Blick von dir. Dann treiben erfrorene Apfelblüten durch das versteinerte Gartentor zu mir.