Rauschen

Alles will ich rauschen hören.
Gefilde und Licht,
Stille und Sprache.
Den Blaumeisenflug unter dem
Schatten des Kirschbaums.
Mit allen Sinnen will ich
an die Wurzel der Frühlingsluft vordringen.
Ich will dem lauten Ruf der Amsel
ein Bett in meiner Sehnsucht aufschlagen,
ehe der Nachmittag dunkelt.
Bis die Märzenbecher an
hundert Stellen musizieren, harre ich aus.
Alles, alles will ich rauschen hören.

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Über Melancholie

Die Melancholie ist ein zweischneidiges Schwert. Sie zieht großes Leid nach sich, wenn man sie gewähren lässt. Sie öffnet alte Wunden, wirft uns zurück auf Verfehlungen der Vergangenheit, wenn wir nicht lernen, sie richtig zu kanalisieren. Die Melancholie ist aber zugleich unentbehrlich. Sie ist das einzige Werkzeug, das uns konstant an unser früheres Ich zurückbindet und eine Schneise in das Kontinuum der Zeit schlägt. Ohne ein melancholisches Empfinden gibt es womöglich kein produktives emotionales Wachstum. Denn jeder Moment der Zerrissenheit stellt eine innere Zäsur dar, die zur Bewältigung drängt. In diesem Sinne speist sich auch die Poesie aus einer latenten Melancholie. Einer Unvereinbarkeit von Vergangenheit und Gegenwart, die durch die Kraft der Worte, unter höchster emotionaler Anspannung, befriedet werden soll.

Lyrischer Dezember #31

Silvesternacht

Die längste Nacht des Jahres,
flüsterst du, inmitten dieser
Vorfrühlingswärme.
Ich streife durch dein Haar
und hinterlasse ein
sich langsam öffnendes
Blütenblatt.
Feuerblitze brennen
unterm schwarzblauen Himmel.
Auch das Herz zündet
die Gestirne an.
Jedem einzelnen gibst du
deinen Namen.

***

Allen Leserinnen und Lesern sei hiermit ein erfolgreiches, gesundes Jahr 2018 gewünscht. Ganz herzlich danke ich für das rege Interesse und die positive Resonanz. Möge der Jahresausklang ausgelassen und friedlich sein.

Euer Ángel

Lyrischer Dezember #26

Schatten deiner Stimme

Diese weißen Spuren
unterm verlassenen Firmament
führen zu dir.
Mit jedem Vogellaut
wächst deine Nähe.
Bald ist die Sehnsucht
nicht mehr
als diese schmale Hand,
die mich festhält.
Bald ist unser Leben
nicht mehr
als dieses Wort,
das du nicht aussprichst.
Du verdankst deinen Namen
einer Melodie,
auch wenn du nicht singst.
Einstimmen will ich in dein Schweigen,
dich lieben bis unter den Schatten
deiner Stimme.

Lyrischer Dezember #25

Weihnachtstage

Allerorten funkelt
das Licht hinter verschneiten Fenstern.
Kerzendüfte schleichen durch
behaglich warme Stuben.
Strahlend flüstern, voller Heimlichkeit,
die Augen, Münder lachen
voller Zuversicht.
Niemand mehr, der einsam ist
in weihnachtlichem Rund.
Alles rückt zusammen,
zelebriert Dezembers letzte Stund‘.
Das alte Jahr geht aus in Stille,
als ginge es nach Haus‘.

Lyrischer Dezember #23

Alte Birke unterm Nachthimmel

Was du lehrst,
ist nicht die Liebe
oder das Verlangen,
sondern die Einfachheit.
Die ungetrübte Klarheit
aller Dinge,
ihr Gewesen-Sein,
das so würdevoll ist,
dass man sie sich behält.
Ihr Aufleuchten
inmitten der Schlaflosigkeit,
selbst nach Jahren,
auch wenn wir meinen,
sie zu vergessen.

Lyrischer Dezember #22

Namen, den niemand ruft

Mit dir schritt ich
durch die Stille,
mein Freund,
schritt durch Innigkeit,
Tiefe.
Wir verließen diese
Stille irgendwann
und verließen sie doch nicht.
Die Straßen verlaufen
noch immer durch
die Einsamkeit,
wenn sie zur Sonne fließen.
Noch immer kennt
die Freundschaft nur
diesen Namen,
den niemand ruft.

Lyrischer Dezember #21

Zwischen Sonne und Stein

Ich lasse dich frei,
Herz,
hörst du?

Ich setze dich aus
zwischen Sonne
und Stein,

lasse das Wasser
deinen Namen
reinwaschen –
Herz,
hörst du?

Fließ zurück,
Herz,
fließ nur zurück
in dein Einsamsein.

Siedle
im Schatten
des Kolibri,
steig auf
im Gesang der Amsel.

Wenn zwischen Sonne
und Stein
der Sommer wächst,

bist
du selbst
der Gesang,

singe nur fort,
Herz,

ich höre dich.

Lyrischer Dezember #20

Hinter den Sonnenblumen

Der Tag schließt seine gefiederten Augen.
Schwer wie Mühlsteine
mahlen die Abschiedsstunden.
Im Gezweig fließt ihre
honiggelbe Musik,
streckt die geduldigen Hände aus
(du ergreifst sie mit meiner Hand).
Gemeinsam schleichen wir
um die mondhellen Akkorde.
Werd nur nicht still,
sondern sprich mir deinen Vers
ins Haar
dicht hinter den Sonnenblumen.

Lyrischer Dezember #16

Morgenaufgang

Ich schlief mit dir
bis hinter die Stunde des Löwenzahns.
Im Morgengrauen, auf zahmen Pfoten,
die Gerüche von Oleander und Moos,
die schweren Tragflächen
der Morgensonne,
wie in einem auswendig
gewussten Gedicht.
Das Leuchtfeuer der Augen,
das meine Worte
aufzehrte unter dem Geknister
aufspringender Hyazinthen.
Das Leinwandhafte der Haut
im ersten Licht,
das Photonegativ der Erinnerungen
inmitten wasserweißer Sommerstille.

Lyrischer Dezember #15

Clementinen

Sorgsam klopfst du die Musik
aus dem Fruchtfleisch
der Clementinen.
Mit ihr die Sonne, den Wind,
das kalkweiße Wasser.
Dein Mund sät seinen
frischen Gesang
unter der Haut des Sommers.
Du beginnst zu lächeln.
Der Geschmack reifer Clementinen,
der seine Augen aufschlägt –
halb Erde, halb Licht.

Lyrischer Dezember #11

Diese wenigen Momente

Die Dunkelheit lichten
und darin
deine Hände,
dein Gesicht,
deine Augen
vorfinden.
Diese wenigen Momente
mit dir
wie den Beginn
einer Ewigkeit
zelebrieren.
Deinen Mund
– die größtmögliche
Vertrautheit –
noch ein letztes Mal
berühren
mit meinem hungrigen
Mund,
ehe die Körper
zu schweigen anheben.

Lyrischer Dezember #8

Mit allen Gedanken

Immer dichter hin
zur Wurzel der Gedanken,
die taufrischen Silben
verwahren
unter den Fingerspitzen.
Noch einmal deinen Mund
an meinen Mund führen
und diese
wenigen Worte aussprechen.
Noch einmal deine Hand
an meine Haut führen
und diese
wilde Innigkeit spüren.
Deine Schönheit
– luzide und einsam –
bewahren
mit allen Gedanken.

Lyrischer Dezember #6

Schlaflos

Schlaflos
zwischen Stern und Stern.
Die halbe Nacht
landet an unter
den mondschweren Lidern.
Wache ich deinetwegen?
Oder ist es wegen der Stille,
die nun langsam alles verschlingt?
Zwischen Leib und
Sehnsucht wandelt
ein geheimer Fluss,
berührbar für jedermann.
An seinen Ufern der Mohn.
Jede Blüte genährt von
den Fingern der Einsamkeit.
Es muss der Ort sein,
wo selbst Sterne schlafen.