Lyrischer Dezember #11

Diese wenigen Momente

Die Dunkelheit lichten
und darin
deine Hände,
dein Gesicht,
deine Augen
vorfinden.
Diese wenigen Momente
mit dir
wie den Beginn
einer Ewigkeit
zelebrieren.
Deinen Mund
– die größtmögliche
Vertrautheit –
noch ein letztes Mal
berühren
mit meinem hungrigen
Mund,
ehe die Körper
zu schweigen anheben.

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Lyrischer Dezember #8

Mit allen Gedanken

Immer dichter hin
zur Wurzel der Gedanken,
die taufrischen Silben
verwahren
unter den Fingerspitzen.
Noch einmal deinen Mund
an meinen Mund führen
und diese
wenigen Worte aussprechen.
Noch einmal deine Hand
an meine Haut führen
und diese
wilde Innigkeit spüren.
Deine Schönheit
– luzide und einsam –
bewahren
mit allen Gedanken.

Lyrischer Dezember #6

Schlaflos

Schlaflos
zwischen Stern und Stern.
Die halbe Nacht
landet an unter
den mondschweren Lidern.
Wache ich deinetwegen?
Oder ist es wegen der Stille,
die nun langsam alles verschlingt?
Zwischen Leib und
Sehnsucht wandelt
ein geheimer Fluss,
berührbar für jedermann.
An seinen Ufern der Mohn.
Jede Blüte genährt von
den Fingern der Einsamkeit.
Es muss der Ort sein,
wo selbst Sterne schlafen.

Lyrischer Dezember #5

Eines dieser warmen Worte

Die Fingerspitzen tasten noch zaghaft,
als schliefen sie.
Ich öffne das eingeschneite Fenster.
Draußen flüstert der Wind.
Flüstert von Morgensonne,
Hortensienblüten.
Warmweiße Winterdämmerung.
Nichts als Innigkeit
zwischen Wurzelwerk
und Kieferndach.
Sorgsam gesetzte Silben,
Schneespuren,
dein Mund (eines dieser
warmen Worte)
und
dieses Gedicht.

Lyrischer Dezember #3

Winternacht

Frischer Schneefall am Abend
und dieses unverhoffte, Schneisen schlagende
Gefühl der Vertrautheit,
wie in Kindheitstagen.

Deine weichen Fingerspitzen
auf meinem Gesicht,
die den Frost schmelzen.
Küsse, fast unwirklich,
eingebrannt in die Eiseskälte.
Immer wieder Küsse,
so zaghaft wie der erste Schnee.
Bald schon das Kerzenlicht,
der stille Kamin ohne Flamme.
Die Schwere der Laken
in einer endlosen Winternacht.

Lyrischer Dezember #2

Kornblumen

Grashalme schlafen im Nachtfrost.
Hagebutten, Eicheln, zerfaserter Ahorn
auf ausgetretenen Schleichwegen.
Noch im August
die Kornblumen, ausgeschüttet
über die unüberschaubare Weite.
Blaue Gestirne, sich selbst der Horizont, vergangen.
Irgendwo im Dunkel
fliegt ein letzter Vogel auf,
hinterlässt nichts als seinen Schatten.
Laubbäume graben die Fingerspitzen
ins kalte Firmament.
Rastlos wandert Stern um Stern.
Ausgesetzt zwischen Vogel
und Kornblume.

Lyrischer Dezember #1

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Einen ganzen Winter lang

Wieder siehst
du mich an –
Blicke wie unter
einer Schneedecke,
fast unmöglich sie aufzuspüren.
Und ich weiß, wie du
dich fühlst
in dieser kalten Dezemberluft,
in der man kaum atmet.
Ich weiß, wie du
dich fühlst,
warum du mich reglos ansiehst,
nach Innigkeit suchst
inmitten von kargen Sträuchern,
Kiefern, unter Silberpappeln.
Du musst nichts mehr sagen,
nichts flüstern mit tränenschwerer
Stimme, dich nicht verabschieden.
Ich weiß, du wirst fortgehen,
einen ganzen Winter lang
und allen Schnee
– seine weißen, berührbaren Silben! –
wie ein Schweigen
über die Liebe legen.

***

Dieses Gedicht bildet den Auftakt für (hoffentlich) 30 weitere lyrische Texte, welche ich in diesem letzten Monat des Jahres tagtäglich zu verfassen und einzustellen versuche. Ich freue mich über eure Resonanz!

Wieder Herbst

Die Straßen tragen Sonnennamen.
Langarmige, schattennarbige
Straßen.
Haselnussfarbene, blinzelnde Augen.
Wieder ist Herbst. Die Schilfrohre
am Weiher flüstern. Sommerlockiger,
papierbedeckter Herbst.
Die Wolken auf starken Schultern,
kommst du an meinen Mund.
Entblättert, mit einem Schwall
rostfarbener Ahornsüße.
Hundertgliedriges, frisch aufgeschlagenes
Laken. Amselschwarz
blüht im Wasserkreis
der Nebel.

Septembernacht

Unterm Eichenbaum strömt der Duft
einer weiteren Septembernacht.
Wieder einsam, auf Fingerspitzen gestellt,
eulenartig die Blätter,
noch immer zwiegespalten zwischen
dem Verweilen und dem Verfallen.
Der Beginn der Musik
im Wurzelwerk. Und du siehst mich an
und fragst mich nach dem Sonnenlicht.
Vielleicht liegt es irgendwo unter dem
schweren Leib dieser Nacht.
Dort, wo der Duft beginnt, Erinnerung zu sein.

Dunkelschlaf

Das Spatzenkonzert im
dichten Dämmerwald
Durchzuckt von Abendsonne
Feiner Melancholie
Die häuserweit erwacht
Und du selbst stehst mit
schwachem Herzen
Und lauschst
Spürst um dich herum
Nichts als ungefähre
Silhouetten
Die Nachtwanderung der
Amsel mitten über dem Gehör
Ein verständiger Klang
Dann wieder Stille
Die dich umfängt
Ein ganzer Dunkelschlaf

kindheit

nachmittagssonne

über dem alten garten

wie in den stein geritzt schimmert das licht

zwischen brüchigen fugen

in den schatten des apfelbaums

malen beflissene kinderhände ihren traum vom erwachsensein
unter ihren füßen

die immergleiche erde
mit ihrem
 duft aus kirschkernmehl oder sonnenmais

und wäscheleinenfrisch
die gereinigte luft
im atem dieses sommers
(doch niemand tritt hervor)