Über Melancholie

Die Melancholie ist ein zweischneidiges Schwert. Sie zieht großes Leid nach sich, wenn man sie gewähren lässt. Sie öffnet alte Wunden, wirft uns zurück auf Verfehlungen der Vergangenheit, wenn wir nicht lernen, sie richtig zu kanalisieren. Die Melancholie ist aber zugleich unentbehrlich. Sie ist das einzige Werkzeug, das uns konstant an unser früheres Ich zurückbindet und eine Schneise in das Kontinuum der Zeit schlägt. Ohne ein melancholisches Empfinden gibt es womöglich kein produktives emotionales Wachstum. Denn jeder Moment der Zerrissenheit stellt eine innere Zäsur dar, die zur Bewältigung drängt. In diesem Sinne speist sich auch die Poesie aus einer latenten Melancholie. Einer Unvereinbarkeit von Vergangenheit und Gegenwart, die durch die Kraft der Worte, unter höchster emotionaler Anspannung, befriedet werden soll.

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Lyrischer Dezember #31

Silvesternacht

Die längste Nacht des Jahres,
flüsterst du, inmitten dieser
Vorfrühlingswärme.
Ich streife durch dein Haar
und hinterlasse ein
sich langsam öffnendes
Blütenblatt.
Feuerblitze brennen
unterm schwarzblauen Himmel.
Auch das Herz zündet
die Gestirne an.
Jedem einzelnen gibst du
deinen Namen.

***

Allen Leserinnen und Lesern sei hiermit ein erfolgreiches, gesundes Jahr 2018 gewünscht. Ganz herzlich danke ich für das rege Interesse und die positive Resonanz. Möge der Jahresausklang ausgelassen und friedlich sein.

Euer Ángel

Lyrischer Dezember #30

Rauhnacht

Eine Spur reinen Frosts
hinterlassen
in dieser
sternklaren Nacht,
den Geruch deiner
Haut festhalten,
der soeben
das Herz anzündet.
Noch einmal den Anblick
deines Körpers
vorm eisbehagelten Fenster
in den Bernstein
des Erinnerns schließen.
Die Rauhnacht zwischen
deinen Lippen
besänftigen
mit dem Hunger der Sehnsucht.

Lyrischer Dezember #26

Schatten deiner Stimme

Diese weißen Spuren
unterm verlassenen Firmament
führen zu dir.
Mit jedem Vogellaut
wächst deine Nähe.
Bald ist die Sehnsucht
nicht mehr
als diese schmale Hand,
die mich festhält.
Bald ist unser Leben
nicht mehr
als dieses Wort,
das du nicht aussprichst.
Du verdankst deinen Namen
einer Melodie,
auch wenn du nicht singst.
Einstimmen will ich in dein Schweigen,
dich lieben bis unter den Schatten
deiner Stimme.

Lyrischer Dezember #24

Dein Gesicht

In diesem Winter
von Rosen schreiben,
auf dieser langen Straße
unter dem Himmel stehend.
Erinnerst du dich?
Unter den windigen Sternen
ein Herz aussäen,
das den Dezember übersteht.
Nur diesen einen Wunsch
daran binden,
der langsam aufsteigt,
bis man ihn vergisst.
Es zählt gleich viel:
Wunsch und Vergessen.
Im Zentrum der Nacht leuchtet
noch immer dein Gesicht,
es wird meine Erinnerung
an mich selbst sein.

***

Allen Leserinnen und Lesern sei an dieser Stelle ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest gewünscht! Taucht ein in die Stille dieser harmonischen, intensiven Zeit. Und habt meinen herzlichen Dank für die gute Resonanz während dieses so lyrikreichen Dezembers!

Lyrischer Dezember #23

Alte Birke unterm Nachthimmel

Was du lehrst,
ist nicht die Liebe
oder das Verlangen,
sondern die Einfachheit.
Die ungetrübte Klarheit
aller Dinge,
ihr Gewesen-Sein,
das so würdevoll ist,
dass man sie sich behält.
Ihr Aufleuchten
inmitten der Schlaflosigkeit,
selbst nach Jahren,
auch wenn wir meinen,
sie zu vergessen.

Lyrischer Dezember #22

Namen, den niemand ruft

Mit dir schritt ich
durch die Stille,
mein Freund,
schritt durch Innigkeit,
Tiefe.
Wir verließen diese
Stille irgendwann
und verließen sie doch nicht.
Die Straßen verlaufen
noch immer durch
die Einsamkeit,
wenn sie zur Sonne fließen.
Noch immer kennt
die Freundschaft nur
diesen Namen,
den niemand ruft.

Lyrischer Dezember #21

Zwischen Sonne und Stein

Ich lasse dich frei,
Herz,
hörst du?

Ich setze dich aus
zwischen Sonne
und Stein,

lasse das Wasser
deinen Namen
reinwaschen –
Herz,
hörst du?

Fließ zurück,
Herz,
fließ nur zurück
in dein Einsamsein.

Siedle
im Schatten
des Kolibri,
steig auf
im Gesang der Amsel.

Wenn zwischen Sonne
und Stein
der Sommer wächst,

bist
du selbst
der Gesang,

singe nur fort,
Herz,

ich höre dich.

Lyrischer Dezember #20

Hinter den Sonnenblumen

Der Tag schließt seine gefiederten Augen.
Schwer wie Mühlsteine
mahlen die Abschiedsstunden.
Im Gezweig fließt ihre
honiggelbe Musik,
streckt die geduldigen Hände aus
(du ergreifst sie mit meiner Hand).
Gemeinsam schleichen wir
um die mondhellen Akkorde.
Werd nur nicht still,
sondern sprich mir deinen Vers
ins Haar
dicht hinter den Sonnenblumen.

Lyrischer Dezember #19

Herbstmeer

Tagein, tagaus das Meer
mit seinen hungrigen Schiffen,
beladen mit Horizont.
An den Felsen leuchtet
dem Heimkehrer die Flut.
Gerade kehrte man noch das Laub
von den Fluren.
Südwestwinde färbten die
salzige Haut.
Nun regnet das Jahr seine
Seele aus, schleicht
noch einmal um das Herz der See.
Tief im Geknister der Brandung
wohnt die Sehnsucht.
Tagein, tagaus das stillgelegte
Herbstmeer,
seine ungezähmte Ferne: dieser letzte
Leuchtturm im Nebel.

Lyrischer Dezember #18

Zwischen der Herzhaut

Deine ausgestreckten Hände,
die mir Träume ausbreiten
in Sommermondnächten.
Unter dem Mund das karge Restlicht,
wundersam, verwinkelt.
Beladen mit Erde und Frucht
(sodass du kaum sprichst).
Dein Schwalbenkörper
ist wie der Gesang der Zikaden
inmitten des Orangenhains.
Lass deine Liebe herabregnen,
schlag deine Musik auf
wie das mondgebrannte Fenster.
In deinen Händen lande ich an
mit meinen Lippen,
bevölkere deinen Schlaf.
Noch einmal den Himmel auskämmen
mit deiner klaren Musik,
und zwischen der Herzhaut
einen lebendigen Stern pflanzen.

Lyrischer Dezember #17

Dämmerungsanbruch

Vor meinen Augen
bist du mit deiner
berührbaren Ruhe,
die an meinen Schultern brandet.
Ein letztes Leuchten:
wenn deine Hand mein Gesicht hält
(es fällt dir fast zu);
wenn du das Licht ausbürstet aus
dem Wintertag.
Geh nur, sage ich,
und du bleibst,
eine Woche, vielleicht,
einen Monat. Du weißt es nicht.
Vor meinen Augen
bist du,
in deinem Rücken das Licht,
das sich kräuselt.
Noch hast du nicht gesprochen.
Deine Lippen sind unsicher,
das vergeht, sagst du.
Und ich sehe noch,
wie die Worte ihr Schweigen verschlingen.

Lyrischer Dezember #16

Morgenaufgang

Ich schlief mit dir
bis hinter die Stunde des Löwenzahns.
Im Morgengrauen, auf zahmen Pfoten,
die Gerüche von Oleander und Moos,
die schweren Tragflächen
der Morgensonne,
wie in einem auswendig
gewussten Gedicht.
Das Leuchtfeuer der Augen,
das meine Worte
aufzehrte unter dem Geknister
aufspringender Hyazinthen.
Das Leinwandhafte der Haut
im ersten Licht,
das Photonegativ der Erinnerungen
inmitten wasserweißer Sommerstille.

Lyrischer Dezember #15

Clementinen

Sorgsam klopfst du die Musik
aus dem Fruchtfleisch
der Clementinen.
Mit ihr die Sonne, den Wind,
das kalkweiße Wasser.
Dein Mund sät seinen
frischen Gesang
unter der Haut des Sommers.
Du beginnst zu lächeln.
Der Geschmack reifer Clementinen,
der seine Augen aufschlägt –
halb Erde, halb Licht.

Lyrischer Dezember #13

Abschied
Für I.

Ich hoffe, du hast nicht vergessen, wie wir
entlanggingen unter den Kiefern,
vertraut wie nur selten, irgendwie glücklich,
versunken im Augenblick.
Der gemeinsame Heimweg, die Dunkelheit.
Ich habe das nicht vergessen.
Wie der Abschied, kilometerlang,
in die Seele kroch, vermischt mit
dem windgesäten Schmerz.
Du gingst allmählich,
und deine Silhouette hinterließ
einen geraden Schatten zwischen dem
Laub und dem ersten Schnee.
Du blicktest mich an, fast schon fremd,
aber noch nicht ganz abgewandt.
Ich hoffe, du hast nicht vergessen,
wie wir die ausfasernde Sprache
– leuchtend vor Innigkeit –
mit den Händen verbanden.

Dieses Knistern in der Stille,
beredt und zahm.
Die letzte Ahnung der Augen,
in denen ich geschlafen hatte,
pantherschwarz, ozeanblau.
Einen ganzen Winter lang
bewohnte ich
diesen Abschied.

Lyrischer Dezember #12

Ich trage dich bei mir
                                             Für J.

Dieses Tagebuch
– mein Leben –
ist ein Tagebuch für dich.
Ich führe es, damit du weißt:
ich liebe dich.
Wohin ich auch gehe,
ich trage es bei mir.
Ich trage dich bei mir,
deine Bilder, deine Nachrichten,
deine Sommer- und Winterworte.
Wo immer ich bin,
bist auch du.
Ich trage dich bei mir,
in der Nacht, am Morgen.
Niemals bin ich ohne dich.
Selbst wenn die Gedanken ruhen,
bist du bei mir
wie Sonnenstrahl und Erde.
Du bist die Erinnerung
an mich selbst,
mein Herzgestirn.
Ich trage dich bei mir,
in der Nacht und am Morgen.