Lyrischer Dezember #26

Schatten deiner Stimme

Diese weißen Spuren
unterm verlassenen Firmament
führen zu dir.
Mit jedem Vogellaut
wächst deine Nähe.
Bald ist die Sehnsucht
nicht mehr
als diese schmale Hand,
die mich festhält.
Bald ist unser Leben
nicht mehr
als dieses Wort,
das du nicht aussprichst.
Du verdankst deinen Namen
einer Melodie,
auch wenn du nicht singst.
Einstimmen will ich in dein Schweigen,
dich lieben bis unter den Schatten
deiner Stimme.

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Lyrischer Dezember #24

Dein Gesicht

In diesem Winter
von Rosen schreiben,
auf dieser langen Straße
unter dem Himmel stehend.
Erinnerst du dich?
Unter den windigen Sternen
ein Herz aussäen,
das den Dezember übersteht.
Nur diesen einen Wunsch
daran binden,
der langsam aufsteigt,
bis man ihn vergisst.
Es zählt gleich viel:
Wunsch und Vergessen.
Im Zentrum der Nacht leuchtet
noch immer dein Gesicht,
es wird meine Erinnerung
an mich selbst sein.

***

Allen Leserinnen und Lesern sei an dieser Stelle ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest gewünscht! Taucht ein in die Stille dieser harmonischen, intensiven Zeit. Und habt meinen herzlichen Dank für die gute Resonanz während dieses so lyrikreichen Dezembers!

Lyrischer Dezember #18

Zwischen der Herzhaut

Deine ausgestreckten Hände,
die mir Träume ausbreiten
in Sommermondnächten.
Unter dem Mund das karge Restlicht,
wundersam, verwinkelt.
Beladen mit Erde und Frucht
(sodass du kaum sprichst).
Dein Schwalbenkörper
ist wie der Gesang der Zikaden
inmitten des Orangenhains.
Lass deine Liebe herabregnen,
schlag deine Musik auf
wie das mondgebrannte Fenster.
In deinen Händen lande ich an
mit meinen Lippen,
bevölkere deinen Schlaf.
Noch einmal den Himmel auskämmen
mit deiner klaren Musik,
und zwischen der Herzhaut
einen lebendigen Stern pflanzen.

Lyrischer Dezember #12

Ich trage dich bei mir
                                             Für J.

Dieses Tagebuch
– mein Leben –
ist ein Tagebuch für dich.
Ich führe es, damit du weißt:
ich liebe dich.
Wohin ich auch gehe,
ich trage es bei mir.
Ich trage dich bei mir,
deine Bilder, deine Nachrichten,
deine Sommer- und Winterworte.
Wo immer ich bin,
bist auch du.
Ich trage dich bei mir,
in der Nacht, am Morgen.
Niemals bin ich ohne dich.
Selbst wenn die Gedanken ruhen,
bist du bei mir
wie Sonnenstrahl und Erde.
Du bist die Erinnerung
an mich selbst,
mein Herzgestirn.
Ich trage dich bei mir,
in der Nacht und am Morgen.

Lyrischer Dezember #11

Diese wenigen Momente

Die Dunkelheit lichten
und darin
deine Hände,
dein Gesicht,
deine Augen
vorfinden.
Diese wenigen Momente
mit dir
wie den Beginn
einer Ewigkeit
zelebrieren.
Deinen Mund
– die größtmögliche
Vertrautheit –
noch ein letztes Mal
berühren
mit meinem hungrigen
Mund,
ehe die Körper
zu schweigen anheben.

Lyrischer Dezember #8

Mit allen Gedanken

Immer dichter hin
zur Wurzel der Gedanken,
die taufrischen Silben
verwahren
unter den Fingerspitzen.
Noch einmal deinen Mund
an meinen Mund führen
und diese
wenigen Worte aussprechen.
Noch einmal deine Hand
an meine Haut führen
und diese
wilde Innigkeit spüren.
Deine Schönheit
– luzide und einsam –
bewahren
mit allen Gedanken.

Lyrischer Dezember #5

Eines dieser warmen Worte

Die Fingerspitzen tasten noch zaghaft,
als schliefen sie.
Ich öffne das eingeschneite Fenster.
Draußen flüstert der Wind.
Flüstert von Morgensonne,
Hortensienblüten.
Warmweiße Winterdämmerung.
Nichts als Innigkeit
zwischen Wurzelwerk
und Kieferndach.
Sorgsam gesetzte Silben,
Schneespuren,
dein Mund (eines dieser
warmen Worte)
und
dieses Gedicht.

Lyrischer Dezember #3

Winternacht

Frischer Schneefall am Abend
und dieses unverhoffte, Schneisen schlagende
Gefühl der Vertrautheit,
wie in Kindheitstagen.

Deine weichen Fingerspitzen
auf meinem Gesicht,
die den Frost schmelzen.
Küsse, fast unwirklich,
eingebrannt in die Eiseskälte.
Immer wieder Küsse,
so zaghaft wie der erste Schnee.
Bald schon das Kerzenlicht,
der stille Kamin ohne Flamme.
Die Schwere der Laken
in einer endlosen Winternacht.

die nacht, die worte

liebes du weißt
dass ich nichts mag
als deinen kuss
– das späte geflüster der lerchen
auf feuchter haut –
und dieses sternwerden
zweier körper
entlang fremder innigkeit!

Einer Freundin zugedacht (II)

Gerade im Gedicht ist es uns vergönnt, an einer Liebe zu bauen, deren Fundamente unumstößlich sind. Keine Banalität vermag an ihrem Antlitz zu kratzen, keine Verstimmung lehrt sie zweifeln. Sie ist wahrlich in Stein gemeißelt, eine ewige Skulptur des Geistes, gewappnet gegen die Bürden der Zeit. In jeder ihrer Gebärden liegt die Gewissheit: Sie überdauert. –

Orpheus

Vom Sonnenlicht umwoben
schienen endlos dir die Tage;
Stunden, blütenblass, verflogen,
drangen weit und ohne Klage
in das stumme Weltental.

Rosen trugen deiner Lieder Pein;
gestaltlos, wie ein fremder Wille,
warst du auserkor’n für neues Sein,
darin sich fügten Leid und Stille
in verwandelnd leisem Klang.

hinter der stunde

mein leib entwächst
dem garten
deiner schlafenden augen

er kennt diesen
frühling nicht, liebes,

er weiß nicht von dir
oder dem klang der lippen
wenn sie den morgen berühren

mein leib, kehre
zurück in dein sinnlich-sein!
gib der stille
ihre lebendige musik!

mein leib!
wilde rose der einsamkeit
– blatt um blatt
                  himmel –.

liebeslied

wenn diese verse
sich doch auf die
flüsternden wälder
deiner schönheit legten,
– die gesichter
hellbestirnt –,
sodass dein lachen
die vollendete röte
des morgens enthielte
wie ein krokus
den späten april

Elegie [Fragment, 16.03.2011]

Kein volles Licht kann je
Den saumlos Blick durchdringen –:
All die sanften Farben singen nur
Geweiht im stillen Herzen!
Ach, wer nahm vom Rosenstrauch
Die erste Blüte sich, zu kosten
Süßigkeit und frommes Glück?

[…]

Programmatisches – I

Der Dichter ist nicht nur allein in der Welt, er ist auch allein in der Sprache. Er muss zu sich finden, und muss zu den Worten finden, um das Leid seines Daseins zu verringern. Der Dichter trägt die Bürde eines zweifachen Ausgesetzt-Seins.