Im späten August

für T.

Wahrscheinlich hast du mich dieses eine Mal erkannt. Denn du hattest plötzlich ein unaufgeregtes Lächeln in deinem sonnensatten Gesicht, als du dort liefst, an mir vorüberliefst, gezeichnet von Lebensglück.

Ich sah dein Gesicht nicht oft. Doch ich erkannte es wieder. Dein Gesicht war geformt aus den Tonscherben der Gegenwart, innig verwachsen mit dem Wunsch, eins mit sich selbst zu sein.

Dein Gesicht war ohne Vergangenheit. Ich weiß deshalb nicht, warum ich es erkannte. Vielleicht war es die verdichtete Gewissheit deiner Präsenz, die mich meiner Melancholie entriss. Das unhintergehbare Flüstern der Gedanken im späten August, mit denen man umherirrt in einem fragilen Vakuum aus Einsamkeit.

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Stundenbuch-Projekt #4

Jeden Tag denke ich an die bedeutungslose Stimme meiner Seele. Ich höre mich ihren Namen rufen, während das Nachmittagsdunkel sich zitternd über die Fläche meines Bürozimmers ergießt. Ich sehe, wie die letzten Lichtschleier vom Handgelenk des Lebens brechen. Karg tönen die Minuten auf dem Manuskriptstapel, wenngleich die Uhren seit dem Beginn meiner Existenz schweigen.

Bedeutungsloses Bürozimmer, das mir als Tempel dient! Immerzu trinke ich aus den Kelchen des Verdrusses. Schriften, Gesichter, Fragmente – verwahrt zwischen den krankheitsflimmernden Schaumkronen der Langeweile. – Wie zeitig mich ein vorbeiziehender Vogelschwarm aus dem Kokon des Traumes reißt!Mich, hier!, sitzend am bedeutungslosen Konvolut des Lebens.

In der Dämmerung meines Schreibens überlebe ich mich. Ich, hier!, im zeichenlosen Verwaltungsapparat einer Stadt. Im Erdgeschoss eines abschiedsversunkenen Daseins. Lebendig. Blickend auf die unerhörten Massen, mich spiegelnd im Fensterglas schimmernder Augen. – Doch kein Blick fällt auf mich zurück. Die Gesichter entließen mich aus ihrer Erinnerung.

Stundenbuch-Projekt #3

Denn so ist unser Leben: Wir verwalten den eigenen Verlust, als sei er uns das Wertvollste. Wir dokumentieren und führen Buch. Immer wieder dokumentieren wir den Verlust. Wir sind besessen von der Vorstellung, eines Tages in die schwarzen Zahlen zu kommen, sodass wir beinahe vergessen zu leben. Immerzu erleiden wir Verluste, vergessen das Hinzugewonnene, leben in den Akten der Vergänglichkeit.
Wir fristen eine doppelte Qual, derer wir uns zeitlebens kaum bewusst werden. Nicht einzig foltert uns der Verlust aller Dinge. Es steht hinter jedem Verlust auch eine Geschichte des Dokumentierens und des Aufzeichnens. Wir werden zu jeder Zeit mit der verzweifelten Arbeit unserer Aufzeichnungen konfrontiert. Wir verlieren uns selbst an die Schriften und Photographien, an die leeren, entsättigten Bürozimmer und Studierstuben. Wir haben am Ende unserer Tage nichts als Verlust zu verzeichnen. Und selbst diesen nimmt man uns unversehens aus den gealterten Händen. Aller Besitz, der uns formte, war nichts als Betrug. Nichts als ein kurzes Aufblitzen des Geistes über seinem Grab aus Verlust.

Stillleben des Schriftraums #7

Die Häuser und Meere stehen still in ihren beschleunigten Bewegungen.
Klirrend geht ein Vogel über die elektrischen Bahnen. Beinahe funkelnd sein
Torso. Ich bemerke die Inschrift seines Lebens: Die Stunden. Die Stunden.
Ich bemerke die silbernen Flügel. Schriften des Wartens und der Wiederkehr.
In dieser Stadt weiß ich die Namen von fernen Gezeiten. Über Staubsilhouetten
legt mein Blick ihre Klaviatur. Himmel und Wasser brauchen mich, brauchen
den Leib des gereinigten Lichts. Doch ich habe die Zeit, den Vogel des Innern, verloren.

Die Aufgabe des Schaffens

Wir alle, die wir streben und rastlos sind, benötigen eine Aufgabe, ja eine Berufung, welcher wir uns bedingungslos zuwenden können. Erst wenn wir nicht mehr nach Sinn und Berechtigung jener Aufgabe fragen, beginnen wir, aus tiefster Herzenskraft zu schaffen. Werk und Künstler sind dann nicht mehr zu trennen, – denn sie sind eins geworden.

Stillleben des Schriftraums #6

Wie soll man diesen Sommer überstehen? Diesen großen, unwandelbaren Sommer einer Stadt, die man nicht kennt? Wie soll man die Zeichen sich legen, dass sie nicht umgehend zerbrechen?
Ich habe die Tage des Übergangs in der Einsamkeit verbracht. Ich habe geschwiegen unter den Sprechenden, leblos zusammengekauert in das Fragment meiner Sprache.
Ich habe die Dämmerung im Herzen der Vögel durchlitten, bis sich der Sand über mein silbernes Haar legte. Ich erinnerte mich der Vorsilben meines Daseins und stellte sie zusammen wie ein Gedicht. Ich wartete vergebens auf das gestaltlose Flimmern der Zikaden und auf die unsterbliche Sehnsucht des Mondes nach Finsternis. Für einen bedeutungslosen Moment war ich die ausgedehnte Melancholie des differenzlosen Universums. Ich, hier, ich-selbst-seiend…

Stundenbuch-Projekt #2

Die Monotonie einer stillen Straße berührt unsere Seele mehr als das überbordende Farbrauschen des Lebens, in welchem wir nur Zaungäste sind. Im Grunde unseres Geistes sind wir uns dessen gewahr, sind wir Asketen und Könige zugleich – wissend um die Fragilität der Einsicht. – Nie ist der Reichtum eines Menschen größer als in der Einöde des Nachmittags, wenn im Sonnenlicht letzte Blütenblätter hinfortwehen, und wir den Atem der Zeit wie ein wortloses Gedicht spüren. Wie schmerzlich hell leuchtet dann die Seele in ihrem Königreich der Askese!

– Könnte man doch zurück zu diesen stillen Straßen der Monotonie…!

Programmatisches – II

Vielleicht liegt das romantische Moment meiner Kunst darin, dass sie sich stets nach dem Anfang sehnt – der numinosen Schau einer Ersten Poesie –, denn aller Fortschritt bedeutet Differenzierung, bedeutet Teilung und Abkehr…

Mein ganzes Leben ist Poesie – ein unabschließbares Streben nach Hervorbringung wahrhafter Dinge.

Prosafragment 4/12 – an Pessoa (Stundenbuch-Projekt #1)

Unser Leben beginnt und endet im Missverständnis. Jedes Wort, jeder Satz, der dem ungewissen Rauschen der Tage einen Namen nennt, ist Übertreibung, ist Missverständnis. Ein ungenaues, blassblaues Flimmern der Wirklichkeit, deren Gestalt sich den Worten entzieht. Ich passiere den endlosen Weg vom Studierzimmer zur Schwelle meines Büros und habe dabei die Welt bereist. Ich habe sie allesamt beobachtet – die Missverständnisse und Depressionen des Alltags, und wenn ich dann, im warmen Refugium der Betriebsamkeit, über mein Denken reflektiere – es zerdenke –, dann falle ich, einem Blatt im Herbste gleich, zurück in das erste Wort, das mich nicht meinte. Visionen von Schrift und Geburt durchzeichnen meine Seele. Ich lerne das Nicht-Sprechen und weiß plötzlich die Worte meiner Welt. Doch immerzu verwandelt sich der Traum in Überdruss, verwandelt sich die Welt in Sprache – und ich schrecke auf aus meiner Stille, die wie ein Fluss durch alle Dinge geht.

Stillleben des Schriftraums #5

Vielleicht schreibe ich nur für die Dauer eines silbenumwobenen Sommers. Vielleicht muss ich mich vergewissern über die Dinge, die ich erfahre. Das Schreiben ist nicht für die Ewigkeit gemacht; es bietet demjenigen, der sich mit vollem Eifer einer Aufzeichnung widmet, keine Sicherheit. Es mag sein, dass man im Schreiben zurecht die Fragilität allen Daseins vermutete – ein integrales Moment der Vergänglichkeit, welches durch seine unauffindbaren Zeichen einem jeden Buch die gewohnte Struktur verleiht.

Während ich in meinem Tagebuch jene Gedanken festhalte, denke ich an die Gegenwart. Ich erinnere mich ihrer, indem ich schreibe. Und ich schreibe und denke sie in ihrer unsagbaren Mannigfaltigkeit, durchlaufe im Geiste ihre Silben, habe teil an ihrem Gesang. – In der stimmlosen Gegenwart meines Schreibens verirre ich mich: Im Hafen meiner Worte liegt ein Schiff vor Anker, welches der Navigation unfähig ist. Einsames Schiff der Fabel und des Romans, gehalten nur von den Säumen des Papiers.

Über Schillers Ästhetik

Das Mannigfaltige der Sinneswelt muss Einzug in die Kunst halten. Des Künstlers Berufung liegt nicht darin, seine Eindrücke auf einen Begriff zu bringen, sondern diese in ihrer Rohheit in ein Gefüge von authentischen Beziehungen zu übertragen. Das Kunsterzeugnis soll den Schein eines natürlichen Phänomens tragen und somit als Verwirklichung des mannigfaltigen Erfahrungsmomentes dienen. Es muss uns so real erscheinen wie ein Vogel oder ein Fluss!

Bekenntnisse eines Melancholikers (I)

Diese Urszene – der Einblick in den unaufhaltsamen Fortschritt der Zeit, und damit zugleich die Tilgung einstiger Lebenswirklichkeiten – spielt sich permanent in meinem Geiste ab. Nicht einmal die Poesie fungiert im Angesicht dieser Schwere als passables Medium der Bewältigung. Die profane Wahrheit, wonach ein Mensch nichts mit ins Grab nimmt, erweist sich als unumstößliche Hürde im Ringen um Sinnhaftigkeit, um Substantialität.

Das Stillleben und sein Betrachter sind, wenn man es auf mein Prosagedicht beziehen will, nicht so verschieden, wie man gemeinhin glaubt. Der Betrachter passt sich in seiner Betrachtung dem Stillleben an: Er versetzt sich gedanklich in einen Zustand der Zeitlosigkeit, in dem die Bürde des Verlierens nicht existent ist. Das Stillleben simuliert einen Zustand der Verlustlosigkeit. Es zeigt einen Zustand der Dauerlosigkeit innerhalb eines Kosmos der Dauerhaftigkeit und bildet damit eine gleichsam dialektische Konstellation aus.

Reflexionen über die Schönheit

[…]

So ist dann auch die Schönheit zu verstehen: als eine Sehnsucht nach den innersten Begriffen, die alle Pein und allen Zweifel überleben. Es ist die Rückbesinnung auf die vermeintlichen Urbilder der Seele. Immer wieder zieht es uns zurück zu jenen Szenen, die als Ausgangspunkt unseres künstlerischen Strebens fungieren. Das Schöne trägt daher einen erkenntnisorientierten Aspekt bei sich: Es verweist uns auf diejenigen Dinge, die einen universalen, allgemeinmenschlichen Daseinshorizont abstecken. Nach der Schönheit zu fragen bedeutet, nach den archaischen Sehnsüchten und Bestrebungen des Menschen überhaupt zu fragen. Die Kunst erweist sich als ein probates Medium, um diesem Erkenntnispfad Gestalt zu verleihen, ihn gewissermaßen transparent zu machen.

[…]

Einem Freund gewidmet (II)

Dort, wo wir das Zeitlose ahnen, öffnet sich der Bereich des Poetischen. In manchen Augenblicken stellt sich dann eine Stille ein, die zugleich ein unsagbares, heimliches Gefühl an uns heranträgt. Ist es nicht so, dass uns die heimlichen Dinge nach der Schaffung eines Werkes plötzlich innig und vertraut erscheinen? Liegt darin vielleicht das Mysterium der Kunst begründet?

Reflexionen_9/8/14

Ist Lyrik nicht immer die Suche nach demjenigen, was noch außerhalb aller begrifflichen Mitteilbarkeit liegt? Vielleicht erweist sich die Poesie, wenn man sie als ein basales Gefühl beschreibt, als die Sehnsucht nach der Verbalisierung von Strukturen, Zusammenhängen, Eindrücken. Das Kunstwerk, welches unter dieser Prämisse entsteht, verfolgt einen ganzheitlich fokussierenden Ausdruck, einen umfassenden Begriff von Schärfe und Kontur. Die Umsetzung eines solchen Kunstwerkes wäre nichts Geringeres als die Erschaffung eines autonomen Sprachraumes, dessen Wirklichkeit sich über die rein empirische Betrachtung erhebt.

Einem Freund gewidmet

In der Tat sind es die alten Tage, die uns dazu motivieren, immer wieder in den Diskurs einzusteigen, auch wenn er zuweilen beschwerlich vonstatten geht.
Du hast völlig recht, lieber Freund, wenn du das Kind im Dichter als Credo einer reüssierenden Laufbahn forderst. Nur das unvoreingenommene, unschuldige Sich-Umblicken in der Welt, welche uns mit so viel Pracht begegnet, garantiert eine Prävention dieses Unflexibel-Werdens. Der ästhetische Moment gebiert nicht aus einer starr kategorisierenden Wahrnehmung, sondern aus der Erkenntnis einer fundamentalen Mannigfaltigkeit, in die wir selbst eingebettet sind. – Wie sollten wir auch Kunst schaffen ohne die Bereitschaft, unseren beschneidenden Blick für einen Moment ruhen zu lassen? Wie sollten wir den Dingen gerecht werden, wenn wir ihnen durch ein invariantes System von Begriffen stets Gewalt antun? – Das künstlerische Gemüt nimmt Abstand von den Zwängen, die es sich traditionell selbst auferlegt und veranlasst somit eine stete Bestrebung des Transzendierens formaler Begrifflichkeit. – Unter diesem Aspekt wird die Tangente zwischen Ästhetik und Moral als Vorbedingung eines gelingenden Künstlertums lesbar.

Über Kunst und Poesie – I

Kunst beginnt weit vor der Schaffung eines konkreten Gegenstandes. Sie umfasst sowohl Prozesse der Wahrnehmung als auch der Darstellung und Reflexion von Bewusstseinsinhalten. Künstlerisch zu denken bedeutet, die konventionellen Kontexte zu überschreiten und vorgefertigte Begriffsmuster zurückzustellen. Der künstlerische Blick strebt nach permanenter Neuordnung sowie (Re-)Funktionalisierung des Erlebten.
Die Kunst modelliert all jenes, was uns in der mentalen Repräsentation versagt bleibt und sich in keinen singulären Denkbegriff fügen lässt. Ihre Leistung besteht in diesem Sinne darin – in Anlehnung an die Beobachtung der Natur -, eine unmittelbare Erfahrung von Mannigfaltigkeit zu verursachen. Indem uns das Kunstwerk an der Beschaffenheit seiner Darstellung teilhaben lässt, überschreitet es den Bereich der reinen Denkanschauung und bereitet zugleich die Ebene der Sensation.

nördlich des horizonts

man könnte den leib
beschließen mit einer rose
des abschieds

doch fühlte man nicht
jene melancholie
welche der juni bringt –

o wie er die schweren vögel
der sonne entnimmt
und sie ans ufer
schäumender küsten legt –

unbedacht geht er
über die farben der tiere
in denen die stille
sich verliert –

rose des abschieds -:
nicht stern oder silbe
daraus im geiste
die nacht gebiert

Leerstellen der Artikulation

»Dann ruhte alles und war wie Meere, deren Wellen stillstehen…«

Über das Schreiben wurde seit Anbeginn der Kultur geschrieben – und sicherlich auch gesprochen. Wie der Entwurf sich artikuliert, wie er seine Zeichen anbringt: all dies ist uns bewusst. – Doch was ist mit der dialektischen Beziehung von Sprechen und Schweigen? Hat man darin nicht zu lang einen antagonistischen Widerspruch gesehen? – Vielleicht, so dünkt mich, wird das Sprechen erst dort fruchtbar, wo es sich mit dem Schweigen vermischt. Die Bedeutung des nicht eingetragenen Wortes in das große Relief des Lebens muss uns, im Sinne einer gründlichen Betrachtung, intensiver beschäftigen. Die Sprache kennt die Flut, aber sie kennt ebenso die Ebbe. Das Schweigen als solches findet in der Leerstelle nur eine mögliche Repräsentation. Denn die Sprache selbst ist es, welche kraft ihrer mannigfaltigen Darstellungsformen das Schweigen manifestiert. Ob synästhetisch, metaphorisch, allegorisch: Die Stille schreibt sich in den Kanon des Sagbaren ein und bildet somit einen ästhetischen Gegenpol zum Topos des Aussprechens.