Einer Freundin zugedacht (II)

Gerade im Gedicht ist es uns vergönnt, an einer Liebe zu bauen, deren Fundamente unumstößlich sind. Keine Banalität vermag an ihrem Antlitz zu kratzen, keine Verstimmung lehrt sie zweifeln. Sie ist wahrlich in Stein gemeißelt, eine ewige Skulptur des Geistes, gewappnet gegen die Bürden der Zeit. In jeder ihrer Gebärden liegt die Gewissheit: Sie überdauert. –

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Orpheus

Vom Sonnenlicht umwoben
schienen endlos dir die Tage;
Stunden, blütenblass, verflogen,
drangen weit und ohne Klage
in das stumme Weltental.

Rosen trugen deiner Lieder Pein;
gestaltlos, wie ein fremder Wille,
warst du auserkor’n für neues Sein,
darin sich fügten Leid und Stille
in verwandelnd leisem Klang.

Stundenbuch-Projekt #4

Jeden Tag denke ich an die bedeutungslose Stimme meiner Seele. Ich höre mich ihren Namen rufen, während das Nachmittagsdunkel sich zitternd über die Fläche meines Bürozimmers ergießt. Ich sehe, wie die letzten Lichtschleier vom Handgelenk des Lebens brechen. Karg tönen die Minuten auf dem Manuskriptstapel, wenngleich die Uhren seit dem Beginn meiner Existenz schweigen.

Bedeutungsloses Bürozimmer, das mir als Tempel dient! Immerzu trinke ich aus den Kelchen des Verdrusses. Schriften, Gesichter, Fragmente – verwahrt zwischen den krankheitsflimmernden Schaumkronen der Langeweile. – Wie zeitig mich ein vorbeiziehender Vogelschwarm aus dem Kokon des Traumes reißt!Mich, hier!, sitzend am bedeutungslosen Konvolut des Lebens.

In der Dämmerung meines Schreibens überlebe ich mich. Ich, hier!, im zeichenlosen Verwaltungsapparat einer Stadt. Im Erdgeschoss eines abschiedsversunkenen Daseins. Lebendig. Blickend auf die unerhörten Massen, mich spiegelnd im Fensterglas schimmernder Augen. – Doch kein Blick fällt auf mich zurück. Die Gesichter entließen mich aus ihrer Erinnerung.

Stundenbuch-Projekt #3

Denn so ist unser Leben: Wir verwalten den eigenen Verlust, als sei er uns das Wertvollste. Wir dokumentieren und führen Buch. Immer wieder dokumentieren wir den Verlust. Wir sind besessen von der Vorstellung, eines Tages in die schwarzen Zahlen zu kommen, sodass wir beinahe vergessen zu leben. Immerzu erleiden wir Verluste, vergessen das Hinzugewonnene, leben in den Akten der Vergänglichkeit.
Wir fristen eine doppelte Qual, derer wir uns zeitlebens kaum bewusst werden. Nicht einzig foltert uns der Verlust aller Dinge. Es steht hinter jedem Verlust auch eine Geschichte des Dokumentierens und des Aufzeichnens. Wir werden zu jeder Zeit mit der verzweifelten Arbeit unserer Aufzeichnungen konfrontiert. Wir verlieren uns selbst an die Schriften und Photographien, an die leeren, entsättigten Bürozimmer und Studierstuben. Wir haben am Ende unserer Tage nichts als Verlust zu verzeichnen. Und selbst diesen nimmt man uns unversehens aus den gealterten Händen. Aller Besitz, der uns formte, war nichts als Betrug. Nichts als ein kurzes Aufblitzen des Geistes über seinem Grab aus Verlust.

Zur Musikalität der Farben

Die Lyrik bestimmt sich als eine Kunst, in welcher Inhalt und Form in eine fruchtbare Wechselbeziehung eintreten. Die Verse leben demgemäß nicht einzig von ihrem expliziten Sinngehalt, sondern gleichermaßen von ihrer inneren Klangfarbe und Musikalität. Blau, Grün, Orange – dies sind mehr als nur visuelle Qualitäten. Jede dieser Farben verfügt über eine lautlich-materielle Ebene, also über einen spezifischen Klang, über eine einzigartige Musik, die sich von konventionellen optischen Assoziationen abgrenzt. – Im Gedicht sind die Farben zugleich Bilder und Klänge. In ihnen zeichnet sich damit ein genuin synästhetisches Gestaltungsprinzip ab.

Programmatisches III

Was bedeutet es, eine schlichte, doch zugleich kultivierte Poesie zu entwerfen? Eine Poesie, die sich nicht indifferent gegenüber den Sehnsüchten der Menschen nach Schönem zeigt?
Ich vertrete die Ansicht, dass die Poesie – vor allem in Zeiten, in denen es keine »Metaerzählungen« mehr gibt – eine ganz basale Aufgabe zu erfüllen hat. Sie muss einen ästhetischen Gegenpol zu den leblosen Mechanismen der Alltagswelt bilden und den Menschen zurückführen in eine emphatische Vorstellung des Mensch-Seins. In ihrem bescheidenen Dienst für die Menschheit liegt die Berechtigung der Poesie. – Als schlicht erweist sie sich aufgrund ihrer Forderung nach Einfachheit, Klarheit und Verständigung. Kultiviert erscheint sie im Hinblick auf den zu schaffenden Mehrwert für eine spezifische Gemeinschaft, worin gleichsam ihre identitätsstiftende Funktion begründet liegt. – In der Poesie steht demnach immer das Höchste auf dem Spiel: die causa finalis des menschlichen Lebens.

Die Aufgabe des Schaffens

Wir alle, die wir streben und rastlos sind, benötigen eine Aufgabe, ja eine Berufung, welcher wir uns bedingungslos zuwenden können. Erst wenn wir nicht mehr nach Sinn und Berechtigung jener Aufgabe fragen, beginnen wir, aus tiefster Herzenskraft zu schaffen. Werk und Künstler sind dann nicht mehr zu trennen, – denn sie sind eins geworden.

liebeslied

wenn diese verse
sich doch auf die
flüsternden wälder
deiner schönheit legten,
– die gesichter
hellbestirnt –,
sodass dein lachen
die vollendete röte
des morgens enthielte
wie ein krokus
den späten april

Stillleben des Schriftraums #6

Wie soll man diesen Sommer überstehen? Diesen großen, unwandelbaren Sommer einer Stadt, die man nicht kennt? Wie soll man die Zeichen sich legen, dass sie nicht umgehend zerbrechen?
Ich habe die Tage des Übergangs in der Einsamkeit verbracht. Ich habe geschwiegen unter den Sprechenden, leblos zusammengekauert in das Fragment meiner Sprache.
Ich habe die Dämmerung im Herzen der Vögel durchlitten, bis sich der Sand über mein silbernes Haar legte. Ich erinnerte mich der Vorsilben meines Daseins und stellte sie zusammen wie ein Gedicht. Ich wartete vergebens auf das gestaltlose Flimmern der Zikaden und auf die unsterbliche Sehnsucht des Mondes nach Finsternis. Für einen bedeutungslosen Moment war ich die ausgedehnte Melancholie des differenzlosen Universums. Ich, hier, ich-selbst-seiend…

Stundenbuch-Projekt #2

Die Monotonie einer stillen Straße berührt unsere Seele mehr als das überbordende Farbrauschen des Lebens, in welchem wir nur Zaungäste sind. Im Grunde unseres Geistes sind wir uns dessen gewahr, sind wir Asketen und Könige zugleich – wissend um die Fragilität der Einsicht. – Nie ist der Reichtum eines Menschen größer als in der Einöde des Nachmittags, wenn im Sonnenlicht letzte Blütenblätter hinfortwehen, und wir den Atem der Zeit wie ein wortloses Gedicht spüren. Wie schmerzlich hell leuchtet dann die Seele in ihrem Königreich der Askese!

– Könnte man doch zurück zu diesen stillen Straßen der Monotonie…!

Die ewige Frage…

Gibt es »Wahrheit« unabhängig von Sprachen und Begriffssystemen?

– Diese Frage erscheint mir wie ein Paradoxon, müssten wir uns doch, um ihrer habhaft zu werden, zunächst in ein solches Begriffssystem hineinbegeben, welches konkreten Regularien und Verständigungskonventionen unterliegt. Um demnach eine sprachunabhängige „Wahrheit“ zu postulieren bedürfte es wiederum einer begriffsgestützten Argumentation. – Die argumentativen Methoden stünden folglich mit der zu verifizierenden These in einem kontradiktorischen Widerspruch.

Programmatisches – II

Vielleicht liegt das romantische Moment meiner Kunst darin, dass sie sich stets nach dem Anfang sehnt – der numinosen Schau einer Ersten Poesie –, denn aller Fortschritt bedeutet Differenzierung, bedeutet Teilung und Abkehr…

Mein ganzes Leben ist Poesie – ein unabschließbares Streben nach Hervorbringung wahrhafter Dinge.

Kritik der Kunst

Sprechen wir überhaupt von derselben Sache, wenn wir über »Kunst« sprechen? –
Gibt es hierin keine Übereinstimmung, so erscheint jede Diskussion von vornherein unnütz. Gerade um über Kunst sprechen zu können bedarf es einer gemeinsamen Bezeichnungsgrundlage, die sowohl Prinzipien als auch Erscheinungsformen des Diskussionsgegenstandes umfasst. Die zu besprechende Sache muss also eingegrenzt werden, um allen Sprechern einen gleichgearteten Anknüpfpunkt zu liefern und eine allgemeine Vorstellung des jeweiligen Sujets zu offerieren.

»Kunst liegt im Auge des Betrachters.« – Dieser in unserer postmodernen Gesellschaft fest internalisierte Topos erweist sich als ein Zeugnis der Unfähigkeit. Die Rede ist hierbei von der Unfähigkeit, sich einer gemeinsamen Auffassung zu verpflichten. Darin steht klar und deutlich festgeschrieben, dass man außerstande ist, darüber zu urteilen, was genau nun als Kunst zu bezeichnen sei und was nicht. Kurzerhand erklärt man diese Frage daher zu einem Problem der »subjektiven Empfindung«. Das profunde Urteil des Verstandes wird durch ein banales Geschmacksurteil substituiert. Dieser Unsinn ist es, welcher der postmodernen Kakophonie Tür und Tor öffnet! – Um zu einem fruchtbaren Diskurs über die Kunst zu gelangen bedarf es konkreter, allgemeiner Kriterien, die als Maßstab der Kritik/Reflexion taugen. Das Moment der intuitiven Attraktion darf nicht als ultima ratio einer profunden Kunstkritik herhalten.

Stillleben des Schriftraums #5

Vielleicht schreibe ich nur für die Dauer eines silbenumwobenen Sommers. Vielleicht muss ich mich vergewissern über die Dinge, die ich erfahre. Das Schreiben ist nicht für die Ewigkeit gemacht; es bietet demjenigen, der sich mit vollem Eifer einer Aufzeichnung widmet, keine Sicherheit. Es mag sein, dass man im Schreiben zurecht die Fragilität allen Daseins vermutete – ein integrales Moment der Vergänglichkeit, welches durch seine unauffindbaren Zeichen einem jeden Buch die gewohnte Struktur verleiht.

Während ich in meinem Tagebuch jene Gedanken festhalte, denke ich an die Gegenwart. Ich erinnere mich ihrer, indem ich schreibe. Und ich schreibe und denke sie in ihrer unsagbaren Mannigfaltigkeit, durchlaufe im Geiste ihre Silben, habe teil an ihrem Gesang. – In der stimmlosen Gegenwart meines Schreibens verirre ich mich: Im Hafen meiner Worte liegt ein Schiff vor Anker, welches der Navigation unfähig ist. Einsames Schiff der Fabel und des Romans, gehalten nur von den Säumen des Papiers.

Dichtungen vom Lande – Heimat

Einsam ist die Heimat.
Sternlos und fremd
lächelt sie über die
Knospen des Augenblicks.

Seidene Heimat
ohne Körper und Duft:
schwerelos wie ein Sperling
im Luftbett der Träume.

Einem Freund gewidmet (III)

Caspar David Friedrich – Stadt bei Mondaufgang (um 1817)

Gedichte an die Nacht lösen in mir seit jeher ein unergründliches, schwermütiges Gefühl aus; sie tragen so viel Ursprüngliches in sich, – es scheint, als adressierten sie das rastlose Streben in uns, welches sich nach Erkenntnis der innersten Zusammenhänge sehnt. – Die Welt leitet uns bei Nacht hinaus aus den Automatismen der Zivilisation und hebt eine mystische Empfindung ins Herz. – Ganz bang stehen wir an den Säumen der Stadt und erkennen, aus einer stillen Intuition heraus, die tiefe Melancholie des Daseins – das große Mysterium der Existenz, das uns immer wieder zu erhebender Dichtung führt.