Stundenbuch #7

Irgendein unverwandtes Knistern weckt die Sehnsucht nach Einsamkeit in mir. Einsam sein mit mir selbst, wie in den Tagen der Jugend, die aus sonnenübersäten Anflügen von Heiterkeit und Besinnung sich speisten. Flüsternd mit den Dingen umgehen, als ginge man durch sie hindurch in ein innigeres Ichsein.
Herbsttage wie diese, gelebt mit einem heimlichen Herz aus Unbekümmertheit, gelebt mit hungrigen Augen, in denen das gebrochene Licht der Pinienhaine strahlte. Tage, die meine Existenz mit behutsamer Sicherheit nährten.

Das Glück war keine Illusion.

Das Glück hatte seine Realität, es war bei mir gewesen, mir zugewandt, die rühmliche Erfindung der Verständigkeit.
Zwischen Skepsis und Zuversicht säte es eine vage, anhaltende Empfindung: Es hatte die Liebe gegeben, das gemeinsame Lachen, die Freundschaft und die Vollkommenheit. Die verschwenderische Hingabe meiner Gefühle war keine Naivität, sondern der Beginn allen Seins, das ich mir selbst zugestand.

In einer Erinnerung, die kein Tagebuch je verzeichnete, sind all diese Momente lebendig, aus denen mein Menschsein entstand. Ich sehe die Silhouetten vertrauter Menschen wie zahme Schatten vorüberziehen. In ihren Gesichtern, die mich gütig betrachten, dämmert mir die Stille allen Glücks entgegen.


Das Glück zeigt uns an jedem Tag die vage Empfindung unserer selbst.

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11 thoughts on “Stundenbuch #7

  1. wow… das finde ich abgrundtief ehrlich… wahr … innig irgendwie, und gut! was heißt: nachvollziehbar für mich. wie viel finde ich in deinem text, lieber dichterfreund.
    wundervoll in worte gefasst… wunderbar.
    herzlich,
    diana

      1. ja, natürlich fiktional, lieber ángel. und dennoch wirkt das geschriebene: wahr und ehrlich. und das ist es u. a., was gute texte ausmacht, für mich jedenfalls. vielleicht liegt es genau daran, dass auch fiktionale konstrukte, wie du es nennst, durchaus etwas mit der wirklichkeit zu tun haben.
        jedenfalls begeistert mich dieser text, nach wie vor, er ist wundervoll poetisch. 🙂
        mit sonnigem gruß
        deine diana

      2. Hab lieben Dank für deine Ergänzungen, deren Argumentation ich teile. Womöglich ist es die seltsame Dynamik, zwischen Wirklichkeit und Imagination zu vermitteln, die gewissen Texten ihre „Güte“ verleiht.

        Herzliche Grüße
        Ángel

  2. Wenn Erinnerungen zu zahmen Schatten werden… Das ist ein schöner Gedanke. Wir leben in den Schatten vergangener Tage. Unsere Herzen sind Dinge aus Glas…

    1. Ja, zuweilen leben wir wohl in den Schatten vergangener Tage. Doch ich bin der Überzeugung, dass die Literatur einen Weg bildet, diesen Zustand reflektierend aufzuweichen. Schreibend eignen wir uns die Wirklichkeit an und bringen dadurch womöglich ein höheres Maß an Klarheit in die Betrachtungen, die unseren Alltag ausmachen.

  3. Der Gedanke scheint mir vom Grundsatz her richtig zu sein. Auch ich verdichte und verarbeite damit Momente, Erlebtes und Gefühltes und Manches tritt klarer und deutlicher zutage dadurch. Was ich mit den Schatten vergangener Tage jedoch eigentlich meinte, ist der Einfluss, den in der Vergangenheit Erlebtes noch immer auf unser gegenwärtiges Handeln und Fühlen haben kann. Wir lieben mit größerer Vorsicht, agieren andererseits mit größerer Umsicht und egal wie gut wir unser gelebtes Leben auf- und verarbeitet haben, es wirft immer auch Schatten auf unser gegenwärtiges. Das kann negativ oder positiv sein. Wir sind die Summe unserer gelebten Tage.

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