Stundenbuch #6

Manchmal ist dort ein dumpfer Goldglanz in den Cumuluswolken, die über die fahlen, verschmutzten Dächer der Vorstadt ziehen, während ich hier in meinem nichtssagenden Bürozimmer sitze und Buch führe. Ich denke dann an Menschen mit vielsilbigen Gesichtern, Menschen aus vergangener Zeit, deren Haut noch immer den Geruch hunderthäuptiger Jacarandabäume trägt.
Ich verliere mich in den sinnreichen Aufzeichnungen, die ich nie angefertigt habe. Ich begreife, dass mein Leben nichts als der Versuch ist, ein Leben zu entwerfen. Und plötzlich dürstet es mich nach dem Vergessen. Ich will das Bürozimmer im zweiten Stock einer menschenleeren Straße, dessen Wände keinen Horizont zu zeigen scheinen, verlassen.

Ich erhebe mich von meinem hölzernen Stuhl und fixiere mit beiden Augen langsam das dunkelblaue, mit Schatten angereicherte Nachmittagslicht, das durch die schmalen Fensterscheiben bricht. Die Zeit des Verdrusses schreitet mit ungeheuren Schritten auf mich zu.

Ich sehe davon ab, die Unabänderlichkeit meiner fremdverschuldeten Existenz auf die Probe zu stellen. Inmitten der Schweigsamkeit begebe ich mich zurück an den Tisch und schlage das Postbuch auf, das keine Adressierungen an meine Person verzeichnet.
Die immergleiche Monotonie des Seins wird unterbrochen von einem letzten Blick in Richtung der Vorstadt. Die Dächer tragen ihren fahlen, schmutzigen Ton, die Wolken verweigern ihren dumpfen Goldglanz. Im Nachbarhaus blickt ein Mädchen in ihren Spiegel. Die Existenz flieht uns in hundert Dingen…

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