Einer Freundin zugedacht (IV)

Ich möchte deinen Satz „Kunst kann immer nur im Jetzt ansetzen“ herausgreifen, um ihm einige Überlegungen beizustellen, von denen ich mir selbst mehr Klarheit im Bezug auf das Schreiben verspreche.

In den letzten Monaten war die Arbeit am sogenannten „Jetzt“ gewiss die kräftezehrendste und schmerzlichste Aufgabe für mich, führte sie doch zielsicher in die Aporie. Wir meinen häufig, das Jetzt sei das einzig Greifbare, Vorhandene, Reale, doch gleichzeitig sehen wir, dass es keine Möglichkeit gibt, diesem Zeit-Punkt unmittelbar habhaft zu werden, weder durch die Kunst noch durch die Wissenschaft.

Und noch während wir im vermeintlichen Jetzt schreiben, verflüssigt sich dieser hypothetische Ausgangspunkt, den wir quasi schreibend – von einer Spur ausgehend – konstituieren. Das Jetzt ist gewissermaßen der elastische, halbtransparente Rahmen, welchen wir unserer Arbeit an der Zeit aufzwängen.

Vielleicht ist also das Jetzt lediglich die notwendige (lindernde) Fiktion, um überhaupt irgendetwas beginnen zu können, – die notwendige Voraussetzung einer eigentlich nicht vorauszusetzenden Gegenwart?

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One thought on “Einer Freundin zugedacht (IV)

  1. lieber ángel,

    ist denn nicht jedes gedicht, (jedes kunstwerk): jetzt? und zwar zu jedem zeitpunkt, zu dem man es schreibt, und zudem man es liest/ betrachtet. deshalb ist aus meiner sicht jeder text in der gegenwart angesiedelt. und gleichzeitig ist jedes geschriebene wort auch schon wieder vergangenheit sowie jedes kommende wort zukunft – und zwar immer dann, wenn jemand das geschriebene liest! immer wieder neu. vielleicht ist es unter anderem das, was das schreiben ausmacht oder zumindest auch reizvoll macht?
    vielleicht ist das sinnieren über das „jetzt“ auch so faszinierend, weil es nie wirklich fassbar ist?

    jedes „jetzt“ ist einzigartig. und für jeden ist es anders. (zeit ist also subjektiv?) manchmal verschiebt es (das jetzt) sich sogar innerhalb der zeit. im gedicht entsteht es immer wieder neu:

    jetzt

    jetzt
    liest du
    dieses gedicht

    diese zeitbetrachtungen, dieses beleuchten der gegenwart faszinieren mich schon lange. es können immer nur gedankenfragmente sein, weil es ein sehr weit denkbares thema ist, finde ich.

    danke für diese wunderbaren reflexionen!

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