Die Aufgabe der Poesie. Eine Kritik

Zuweilen ist es notwendig, sich der tatsächlichen Aufgabe der Poesie rückzuversichern; dies geschieht im öffentlichen Diskurs, der immer stärker auf die Leserperspektive zugeschnitten ist, leider viel zu selten. Obendrein scheinen sich die Parameter für die Beurteilung dieser so wichtigen Sprachkunst in den letzten Jahrzehnten verschoben zu haben. Diese Verschiebung hat zu einem Prozess der Entsubjektivierung in der Poesie geführt, einer Übergewichtung der Technik zu Lasten des Spektrums persönlicher Empfindungswelten.
Wenn wir jedoch die Frage aufwerfen, was es mit dem Wesen des Poetischen auf sich hat, gelangen wir zu einer konträren Erkenntnis: Die Poesie ist keine belanglose Spielerei mit Worten und kein reines Erkenntnisinstrument; die Poesie ist das ganze Leben! Sie ist eine Gesamtheit von Ausdrücken, Äußerungen, Gedanken und Wahrheiten.

Die Poesie setzt ihrem Wesen nach beim Individuum an, das immer eine Geschichte und eine Stimme besitzt. Ohne diese Stufe der persönlichen Rückbindung greift das Gedicht, greift das lyrische Werk zu kurz.
Das Subjekt aus der Poesie herauszubrechen bedeutet, ihren zentralen Ausgangspunkt zu unterminieren. Die vollständige Marginalisierung des Subjektes, die seit Jahrzehnten auf Kosten der tatsächlichen Kunst betrieben wird, mag dabei ein Resultat postmodernen Denkens sein. Ein Denken, das nach und nach alles ausgemerzt hat, was an Persönlichem in der Kunst vorhanden war.

Und doch wissen wir, dass Worte, die wir aus uns herausstellen und in eine lyrische Form überführen, immer etwas Bedeutendes zu sagen und aufzuzeigen haben. Es handelt sich um mehr als nur eine politische Bemerkung oder eine Kritik an der Gesellschaft, die den Koventionen des Zeitgeistes entspricht; es geht um nicht weniger als das Leben, um einen emphatischen Begriff des Er-lebens. Wenn wir aufrichtige Poesie schaffen, werfen wir mit unseren Versen Schlaglichter auf die Wirklichkeit und versuchen sie dadurch transparent zu machen. In jeder Silbe liegt der Wunsch, die Verfasstheit unseres Lebens mit Vernunft, Emotion und Instinkt zu durchleuchten. All dies ist mehr als sprachliches Handwerk; es ist die authentische Äußerung eines Individuums über sich selbst, die durch nichts zu ersetzen ist. Es ist das Porträt eines Menschen, der sich im Spiegel seiner Worte erkennt.

Advertisements

14 thoughts on “Die Aufgabe der Poesie. Eine Kritik

  1. Ja. Diese Art der Poesie, die du hier beleuchtest, beschreibst und befürwortest, ist die Poesie, die uns anzurühren und zu berühren vermag
    und die uns bewegt – und zwar in jeglicher Hinsicht:
    Sie bewegt uns emotional und sie bewegt uns (die wir sie lesen) auch ein Stück weit weg von unserem vorherigen Standpunkt:
    sie verändert uns. Wir lesen, und wir sind nicht mehr die gleichen, die wir vorher waren. Wir haben etwas neues gesehen, und nun sehen wir klarer: uns selbst, den anderen, einen Ausschnitt der Welt.
    Wenn dies geschieht, dann geht die Poesie weit über jegliche Belanglosigkeit hinaus, und dies, da stimmt ich mit dir überein, ist ihre Aufgabe!

  2. Ach, ich weiß nicht. Das ist so das Lyrikverständnis seit der Goethezeit, das Subjekt und authentische Empfindung in den Mittelpunkt setzt. Natürlich rührt uns das an. Aber ich lese auch wunderbare Lyrik z.B. im Barock oder durchaus auch im 18. Jh., die es nicht verdient, dass sie immer nur als Negativfolie des Genannten betrachtet wird.

    1. Auch für diesen kritischen Kommentar danke ich vielmals. – Mein Anliegen war es allerdings nicht, die Poetik der Goethezeit stark zu machen, sondern die Fehlentwicklung der postmodernen Lyrik/Kunst unter Bezugnahme auf die Aufgabe der Poesie für den Dichter zu thematisieren. Dass die Meinungen hierüber auseinandergehen, bin ich bereit in Kauf zu nehmen.

      Mit besten Grüßen,
      Ángel

      1. Danke für deine schnelle Antwort. Wie ich dich verstehe, versuchst du Poesie als individuelles Sprechen stark zu machen. Das ist für dich „tatsächliche Kunst“, wenn es einem Subjekt gelingt (oder vielleicht auch zufliegt), seine Wirklichkeitsbetrachtung in Worte (oder andere Medien) zu überführen. Richtig? Ich denke, ich verstehe, wovon du dich mit dieser Bestimmung absetzt und möglicherweise war mein Kommentar auch zu knapp – den Dreh- und Angelpunkt „Subjekt“ kann ich trotzdem in beiden Diskursen, d.h. sowohl dem der Frühen Neuzeit als auch dem postmodernen heute, wiedererkennen. Aber widersprich mir gerne! Herzliche Grüße, Mathilda.

      2. Meine Stoßrichtung war eine etwas andere, liebe Mathilda. Glücklicherweise hat eine andere Leserin mit ihrem klugen Kommentar auf die tatsächliche Absicht meines Textes hingewiesen und sie somit verdeutlicht (siehe „purpurtraum“). Meine Intention bestand nämlich zu Teilen darin, mit der Stärkung der Subjektposition auch eine Kritik gegen die Versachlichungs- und Objektivierungstendenzen ins Feld zu führen. Wenn sich die Poesie von einem „individuellen Sprechen“ (das freilich auch universelle Topoi adressiert) gänzlich lossagt, entstellt dies den Grundgedanken und ihr Wesensmerkmal.

        Beste Grüße,
        Ángel

  3. wunderbar gesagt und ich stimme sehr mit dir überein, mein lieber dichterfreund!
    ich denke einfach auch, lyrik, poesie ohne jeglichen bezug zu einem „ich“, zu einem individuum, vermag den leser nicht zu berühren, nicht zu erreichen – es bleibt eine reine kopfgeburt, die höchstens auf der kopfebene wirkt. poesie vermag aber noch so viel mehr! oder vielmehr ist es vielleicht sogar ihre bestimmung, und ihr anliegen, eben durch ein „ich“ zu sprechen, das unerhörtes hörbar macht, das altbekanntes neu fühlbar macht oder das vielleicht den raum zu ganz neuen perspektiven öffnet. und hier ist doch auch der kernpunkt, der ausgangspunkt für alles weitere – von hier aus kann sich die thematik erstrecken, wohin sie will, so weit sie will, auf flügeln, jedoch immer mit bezug zu den wurzeln.
    herzlich,
    diana

    1. Ich stimme gänzlich mit dir überein, liebe Diana. Die reine Ratio verhilft dem Gedicht nicht zur Entfaltung, ebensowenig wie die reine Sprache uns dazu befähigt, Sätze zu bilden. Es bedarf wohl stets eines tieferen Verständnisses, einer persönlichen Bezugnahme, die es ermöglicht, Individuum und Sprache in ein harmonisches, fruchtbares Verhältnis zu stellen.

  4. Danke für deinen Text. Ich teile deine Vorbehalte gegen diese Tendenz zur Objektivierung und Versachlichung in der Kunst. In letzter Konsequenz führt dies zu einer abstrakten Sprachakrobatik, die nichts mehr anspricht, die eben keine Äußerung individuellen Empfindens mehr ist und nicht mehr sein will. Wenn Dichtung die Bindung zum Subjekt verliert dann wird sie belanglos.
    Bei Lyrik kommt aber noch etwas hinzu. Etwas Ungreifbares, das was eigentlich die ästhetische Erfahrung hervorbringt, das Mysterium, dass aus Worten eine ästhetische Erfahrung wird. Rilke nennt es das „Klingen“. „Nicht meine Stimme singt allein – es klingt“ so drückt er es aus. Dieses „Klingen“ ist vielleicht ein Zusammenklang zwischen dem Subjekt (psychologische Disposition) des Dichters, der Welt der äußeren Dinge und der Sprache. Der Reiz an Dichtung ist für mich, dass ich es nicht beschreiben kann, dass es aber dennoch eine Grunderfahrung des Lebens auszudrücken vermag, ja irgendwie „das ganze Leben“, wie du schreibst. Liebe Grüße!

    1. Sei vielmals bedankt für deinen klugen Text, der sich als eine wertvolle Ergänzung zu meinen Gedanken erweist. – In der Tat scheint in der objektivierenden Kunst der Sinn für das „Klingen“ der Worte verloren gegangen zu sein. Ein Rilke wird heutzutage nur noch belächelt, als Mystiker verspottet und abgetan. Dabei haben seine Verse der deutschen Sprache eine neue Dimension geöffnet, eine wahrhafte Leuchtkraft verliehen.

      Herzliche Grüße,
      Ángel

  5. Was also könnte uns daran hindern, unser subjektives Empfinden möglichst klar und ungeschminkt in unsere Lyrik mit einfließen zu lassen? Oder andersherum gefragt: könnte die Vermeidung der Subjektivität (oder in anderen Worten: die Vermeidung der authentischen Äußerung eines Individuums, eines lyrischen ichs über sich selbst) uns vor einer potentiell vereinnahmenden Lektüre unserer Leser schützen?
    Ich würde sagen: nein. Wenn jemand unsere Texte einer vereinnahmenden Lektüre unterziehen möchte, so wird er dies so oder so tun – und das kann man dann ja getrost ignorieren.

    Sollte dir dieser Kommentar an dieser Stelle nicht passend zu sein scheinen, dann kannst du ihn gerne löschen, lieber Ángel. Aber vielleicht passen diese Überlegungen aber auch ganz gut hierher.

    Herzliche Grüße, Hannah

  6. … das war wohl ein „aber“ zu viel in meinem vorigen Kommentar… ! ; )

    Aber nun noch eine letzte Anmerkung bzw. eine letzte Frage zum Thema: Die Aufgabe der Poesie:

    Wenn wir also davon ausgehen, daß die Aufgabe oder jedenfalls eine wesentliche Aufgabe der Poesie darin besteht, eine authentische Äußerdung eines Individuums über sich selbst zu sein bzw. zu treffen,
    kann man es dann seinen Lesern verübeln, wenn sie in unseren Gedichten (nach) solcherlei Aussagen suchen? Klopft nicht jeder Leser jedem Text zunächst einmal – willkürlich oder auch unwillkürlich – auf seinen Sinn hin ab? Sucht nicht jeder Leser in jedem Text – auch – eben solch eine Aussage eines Individuums über sich selbst?

    Und ist solch eine Suche bereits gleichzusetzen mit dem Versuch einer Vereinnahmung des Textes?

    Ich würde sagen: nein, das ist sie nicht.

    Herzliche Grüße, Hannah

  7. Ich selbst schätze es jedenfalls und betrachte und bewerte es auch nicht als Aneignungsversuch, wenn jemand einen Sinn in meine Texte hineindeutet und hineininterpretiert – auch und gerade dann, wenn ich selbst diesen Sinn oder diese hineininterpretierte Botschaft des Lesers beim Schreiben meines Textes nicht selbst im Sinn hatte.
    Auch dies macht ja einen guten Text aus: daß er sich auf geradezu unzählige Arten und Weisen interpretieren läßt.

    Herzliche Grüße.

Magst du deine Gedanken äußern?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s