Die ewige Frage…

Gibt es »Wahrheit« unabhängig von Sprachen und Begriffssystemen?

– Diese Frage erscheint mir wie ein Paradoxon, müssten wir uns doch, um ihrer habhaft zu werden, zunächst in ein solches Begriffssystem hineinbegeben, welches konkreten Regularien und Verständigungskonventionen unterliegt. Um demnach eine sprachunabhängige „Wahrheit“ zu postulieren bedürfte es wiederum einer begriffsgestützten Argumentation. – Die argumentativen Methoden stünden folglich mit der zu verifizierenden These in einem kontradiktorischen Widerspruch.

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13 thoughts on “Die ewige Frage…

  1. In ihrem lesenswerten Buch „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“ beschreibt die Autorin Jean Liedloff eine Kindheitserinnerung, in der sie beim Betrachten der Natur ein unmittelbares Gefühl von Richtigkeit ergriff. Die Passage ist zu lange, das Buch zu vielschichtig, um das in Gänze hier wiederzugeben.
    Aber dies unmittelbare Gefühl der Richtigkeit, abseits der Begriff, daran denke ich, wenn ich an Wahrheit denke.

    1. Haben Sie vielen Dank für ihren Diskussionsbeitrag, welchen ich durchaus nachvollziehen kann. – Zweifelsfrei leben wir im Alltäglichen mit dem besagten intuitiven „Gefühl der Richtigkeit“ nicht verkehrt.

      1. In dem Buch geht es ein wenig tiefer.
        Also nicht ums profan Alltägliche, sondern um unsere existentielle Glücksfähigkeit. Und damit um die Fähigkeit Wahrheit, Richtigkeit und Sein zu verknüpfen.
        Es handelt sich bei der „Suche um das verlorene Glück“, um die populärwissenschaftliche Aufarbeitung einer ethnologischen Studie zur Glücksfähigkeit des Menschen.
        Auch jetzt bleibt es (von mir) zu knapp formuliert.

  2. ich fürchte, das ist eine frage, der wir uns nicht in der lage sind zu nähern, (wie du eigentlich auch oben schon erwähnst), da wir in begriffen/ worten denken.
    das fängt ja schon an dem punkt an, wo man sich fragt, was ist „wahrheit“ überhaupt?
    ein weites, weites feld …
    (und vielleicht, ja, vielleicht, gibt es eine intuitive „echtheit“, die wir empfinden, erahnen können.)
    eine GROSSE frage, die du hier stellst, auf die es wohl nie eine antwort (in worten) geben kann?
    🙂
    gerne drüber nachgedacht, lieber ángel,
    sei herzlich gegrüßt
    von diana

    1. Liebe Diana,

      habe vielen Dank für deine Antwort. Wenn dich die Frage ein wenig beschäftigt hat, dann ist ihr voll und ganz gedient. – Nicht immer können wir uns anmaßen, für jede Frage eine korrekte Erklärung zu finden. Gerade die diffizilen, paradoxen Konstellationen führen uns die Grenzen der Urteilskraft vor Augen.

      Viele Grüße,
      Ángel

  3. Ich reihe mich ein bei denen, die sagen, es gäbe eine Wahrheit außerhalb von Sprache. Auch eine Emotion ist eine Tatsache und beinhaltet demzufolge auch Wahrheit, oder? „Darüber sprechen“, lässt sich still beieinander sitzend, oder aber in Worten, die nur Annäherung sein können (an alle Wahrheit der Welt). Mir hat der Begriff der „Richtigkeit“ gut gefallen, der oben erwähnt wurde. Manchmal bedarf es keiner Worte und man „weiß doch Bescheid, was los ist,“ womit ich obige Frage zumindest ansatzweise beantwortet sehe. Es gibt m.E. eben nicht nur die Worte zur Kommunikation, es gibt weitaus mehr. Ob dies wissenschaftlichen Anforderungen genügt ist gewiss fraglich, da diese gern zum „Instrument Sprache“ greift. Vielen Dank für die anregende Überlegung. Ich wünsche ein angenehmes Wochenende. Liebe Grüße von Nebenan

    1. Herzlichen Dank für diesen profunden Abriss, welcher die Diskussion um einen weiteren Beitrag bereichert. Das intuitive Moment der Erkenntnis scheint tatsächlich etwas Unbegriffliches zu sein bzw. einer begrifflichen Festlegung vorauszugehen.

      Freundliche Grüße,
      Ángel

  4. ›Sprache‹ oder ›Begriffe‹ scheinen mir hier der Frage gegenüber zu eng. Durch diese Enge entsteht eigentlich erst das – (Schein-) Problem. Stellt man die Frage: ›Kann »Wahrheit« außerhalb von Zeichen- oder Interpretationsgebrauch gedacht werden?‹ – wird die Antwort nein lauten müssen. Denn auch Gefühle – was man so nennt – sind Formen von Zeichengebrauch und Interpretation. Dort, wo ›Intuition‹ oder ›Empfinden‹ – die beide in ihren jeweiligen einzelnen Vorkommensformen letztlich wohl, wie ›Mentalitäten‹, ›Kultur‹ u. Ä., immer schon historische Konstrukte sind – uns etwa einen scheinbar unmittelbaren Eindruck von ›Richtigkeit‹ signalisieren: erfahren wir wahrscheinlich nichts anderes, als dass in sehr fundamentalen Bereichen alle Unterschiede zwischen ›Ästhetik‹ und ›Erkennen‹ zusammenfallen/nie getrennt waren.

    Nebenbei: Der Gedanke, es gäbe etwas wie ›Wahrheit‹ außerhalb von Zeichen und Interpretationen impliziert zwangsläufig den Glauben an das Vorhandensein von ›Wahrheit(en)‹ IN der Welt – was in einem bestimmten Sinn dasselbe ist wie ›Wahrheit außerhalb der Welt‹. Das wäre ein letztlich theologischer Wahrheitsbegriff. Und dieser … hat schon vieles Unglück in die Welt getragen, beiläufig gesagt. Denn: Wenn es DIE Wahrheit gibt – dann gibt es … Propheten, Teufel, Gläubige und Ketzer; kurz, Menschen, die sich im Besitz ›der‹ Wahrheit wähnen. Dieser Glaube ist per se die Grundlage jeder Art Ideologie und all dessen, was damit verwandt ist …

    1. Haben Sie herzlichen Dank für Ihren erhellenden, die Sachlage differenzierenden Kommentar. Der Konnex zwischen Erkennen und ästhetischen Konstrukten erscheint mir äußerst plausibel. Sie haben berechtigterweise darauf hingewiesen, dass die Zeichennatur unserer Welt immer Konstruktionscharakter trägt. Der Wahrheitsbegriff kann in seiner allgemeinen Form nicht davon ausgenommen werden, insofern bin ich Ihrer Argumentation zugetan. – Den zweiten Sinnabschnitt Ihrer Darlegungen würde ich allerdings nicht unterschreiben. Ich bin nicht der Ansicht, dass man Problematiken des „Glaubens“ und der „Wahrheit“ / des „Wissens“ ohne Weiteres vermengen sollte. Eine Debatte über religiös-institutionelle Politik, die Sie mit Ihrem historischen Exkurs evozieren, würde an dieser Stelle zu weit führen.

      Mit freundlichen Grüßen,
      A.M. Perezáno

      1. Danke für die freundliche Aufnahme meines Kommentars!

        Der Begriff ›Konstruktionscharakter‹ lässt natürlich wiederum allein schon terminologisch Konzepte des Konstruktivismus aufscheinen. Diese allerdings würde ich meinerseits nun nicht unterschreiben wollen 🙂

        Grund: »Weil der (radikale) Konstruktivismus ›Wirklichkeit‹ als Konstrukt kognitiver Systeme auszeichnet, produziert er eine Welt nicht-kognitiver Qualitäten, für die ›Wirklichkeit‹ nicht gedacht werden kann, und die essentiell von jener ersten Welt verschieden ist. Dies ist, was der Konstruktivismus hinter sich lassen wollte, nämlich Metaphysik« [aus einem kurzen Aufsatz von mir über Ernst von Glasersfelds radikalen Konstruktivismus]. – Anders gesagt: Der Konstruktivismus impliziert immer schon eine Art konstruierendes Subjekt (selbst, wenn er das über Momente der Intersubjektivität zu umschiffen versucht). Dieses Subjekt wäre nun aber seinerseits dann das Analogon einer ›Wahrheit‹ in Existenz.

        Tiefer angesetzt hat da – und nun verlässt mich mein Gedächtnis: ich glaube es ist ein Fragment von –Empedokles (?). Das Fragment lautet sinngemäß übersetzt: »Auch Tote/Totes hat/haben Gedächtnis«. Darin scheint der Gedanke zu liegen, dass auch das Unbelebte über im weitesten Sinne ›kognitive‹ Eigenschaften verfügt.

        Ein Gedanke, der später bei Leibniz auftaucht, wenn er von Steinen als ›schlafenden Monaden‹ spricht: womit er ein Konzept von ›Natur‹ als Kontinuum formulierte, in dem keine Sprünge, keine kardinalen Unterschiede zwischen Bewusstsein (wir!) und anderem (Mineralien, Tiere …) gedacht werden. Kant ging noch etwas weiter … Und Nietzsche redete dann von ›Perspektivismus‹ (nicht: Relativismus) und Interpretation – als von etwas, das ebenso im menschlichen Zeichengebrauch statthat wie auch in Prozessen der ›Natur‹.

        Erst dieser Blickwinkel ermöglicht es, ›Wahrheit‹ nach-metaphysisch zu denken. Damit hängt dann – nicht in politisch-institutionellem Kontext – auch zusammen, dass die Idee, jemand könnte im Besitz ›der‹ Wahrheit sein, aufzugeben ist. Grund (detailliert auszuführen würde jetzt doch zu viel Platz beanspruchen): Metaphysische Konzepte lassen sich nicht widerspruchsfrei entfalten …

        Postscript: Den Aufsatz über Glasersfeld stelle ich demnächst dann mal in meinen Blog ein.

        Herzliche Grüße

        T. R. Brandt

      2. Die Aporie vom konstruierenden Subjekt (vom „seienden Dichter“ in einer Welt des Werdens) liegt, wie sie richtig andeuteten, bereits in Nietzsches Fragmenten vorgefertigt. – Nicht einzig der Perspektivismus dementiert das Erkennen einer subjektunabhängigen Wahrheit. Vielmehr geht Nietzsche davon aus, dass wir als Erkennende immer nur die Möglichkeiten dieses Aktes erkennen, nicht aber die Beschaffenheit des zugrunde gelegten Gegenstandes.
        Ich bin im Übrigen ganz bei Ihnen: Die Metaphysik verlor spätestens durch die Hinwendung zur Sprachanalyse ihre Daseinsberechtigung. – Auf die Lektüre Ihres besagten Aufsatzes freue ich mich.

        Herzliche Grüße,
        A.M. Perezáno

  5. Entschuldigung: Im obigen Kommentar von mir ist beim Kopieren etwas mit den Zeichen (!) geschehen …

    Hier der fehlendeText:

    Grund: »Weil der (radikale) Konstruktivismus ,Wirklichkeit‘ als Konstrukt kognitiver Systeme auszeichnet, produziert er eine Welt nicht-kognitiver Qualitäten, für die ,Wirklichkeit‘ nicht gedacht werden kann, und die essentiell von jener ersten Welt verschieden ist. Dies ist, was der Konstruktivismus hinter sich lassen wollte, nämlich Metaphysik« (aus einem kurzen Aufsatz von mir über Ernst von Glasersfelds radikalen Konstruktivismus).

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