Prosafragment 4/12 – an Pessoa (Stundenbuch-Projekt #1)

Unser Leben beginnt und endet im Missverständnis. Jedes Wort, jeder Satz, der dem ungewissen Rauschen der Tage einen Namen nennt, ist Übertreibung, ist Missverständnis. Ein ungenaues, blassblaues Flimmern der Wirklichkeit, deren Gestalt sich den Worten entzieht. Ich passiere den endlosen Weg vom Studierzimmer zur Schwelle meines Büros und habe dabei die Welt bereist. Ich habe sie allesamt beobachtet – die Missverständnisse und Depressionen des Alltags, und wenn ich dann, im warmen Refugium der Betriebsamkeit, über mein Denken reflektiere – es zerdenke –, dann falle ich, einem Blatt im Herbste gleich, zurück in das erste Wort, das mich nicht meinte. Visionen von Schrift und Geburt durchzeichnen meine Seele. Ich lerne das Nicht-Sprechen und weiß plötzlich die Worte meiner Welt. Doch immerzu verwandelt sich der Traum in Überdruss, verwandelt sich die Welt in Sprache – und ich schrecke auf aus meiner Stille, die wie ein Fluss durch alle Dinge geht.

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4 Gedanken zu “Prosafragment 4/12 – an Pessoa (Stundenbuch-Projekt #1)

  1. ein bemerkenswerter text, in dem so viel steckt, was ich nachvollziehen kann.
    das wort – es kann so viel, es vermag so viel – und ist gleichzeitig doch so unzulänglich.
    chapeau, dieses fragment gefällt mir sehr, sehr.

    • In der Tat: Das Schreiben stellt uns jedes Mal vor ein Wagnis. Aber täte es dies nicht, so läge darin auch kein Anreiz. Das Scheitern muss als integrales Moment vorhanden sein, ansonsten gibt es auch kein Gelingen.

      Viele Grüße,
      Ángel

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