Zur Programmatik des Dichterberufs

»Daß ich Dir’s mit einem Worte sage: mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden, das war dunkel von Jugend auf mein Wunsch und meine Absicht.«

Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre, Stuttgart, 2012, S.301.

 

Über das Wesen der Dichter respektive ihrer poetischen Konzeptionen wurde mannigfach philosophiert. Und auch in Zeiten, in denen die autobiographische Lektüre ihren Zenit längst überschritten hat, ist man im Falle der Lyrik dennoch geneigt, nach dem Werdegang des Autors zu fragen, um diesen mit dem Werk in Korrelation zu bringen. – Wodurch also authentifiziert sich der Weg des Dichters? Goethes Darstellung ruft hierzu einen fruchtbaren Kontext auf: Der Dichter betreibt seine Berufung aus bildungsperspektivischer Sicht. Die Analogie zum Bildungsroman ergibt sich zwangsläufig. – Den Poeten beschäftigt nicht zuvörderst die Qualität seiner Arbeiten (welche sich ohnehin nicht an objektiven Kriterien ermessen lässt). Ihm ist vielmehr daran gelegen, die (Aus-)Bildung der eigenen Persönlichkeit im Erproben der schönen Künste zu vollziehen. – Gerade weil die Dichtkunst sich oftmals auf sich selbst bezieht, also ein Moment der Autoreflexivität impliziert, verweist sie auf die Bedingungen ihrer Entstehung und somit zugleich auf die Beschaffenheit der Autorfigur. – Offensichtlich ist die Entstehung solcherlei Texte eng mit der teleologischen Konzeption ihres Urhebers verflochten. Jeder singuläre Text markiert eine Etappe auf dem unermesslichen Pfad der Selbstgewahrwerdung. Jeder Vers wird als Dialog des Dichters mit sich selbst (und seinem Identitätsmythos) lesbar. – Somit wird erkenntlich, wie eng sich der Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsbildung und Kunstausübung darstellt. Unter dieser Prämisse darf die Konzeption Goethes, vertreten durch die Figur des Wilhelm Meister, als Plädoyer für eine klassische Bildungsprogrammatik angesehen werden, deren zeitlose Geltung sie über etwaige Zweifel erhaben macht.

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