Kontraposition oder: Bestimmtheit der Anti-Poesie

»Das Gewebe dieser Welt ist aus Notwendigkeit und Zufall gebildet; die Vernunft des Menschen stellt sich zwischen beide und weiß sie zu beherrschen; sie behandelt das Notwendige als den Grund ihres Daseins; das Zufällige weiß sie zu lenken, zu leiten und zu nutzen, und nur, indem sie fest und unerschütterlich steht, verdient der Mensch, ein Gott der Erde genannt zu werden.«

Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre, Stuttgart, 2012, S.71.

Der hier zitierte Befund mutet wie ein Hoheitsemblem der Philosophiegeschichte an und scheut nicht davor zurück, eine strikte Distinktion zwischen der rationalen Wissenschaft und ihrem Widerpart, der oftmals manieristischen Kunst, zu treffen. Tatsächlich entstammen diese Worte keinem philosophischen Text, sondern sind integraler Bestandteil eines literarischen Machwerks der Klassik. Innerhalb jenes Textes bildet die hier aufgeführte Passage eine dialektische Struktur aus und macht somit die Divergenz zwischen den Paradigmen lesbar. Kunst und Wissenschaft – das Individuum zwischen Eros und Ratio -: All dies findet sich im diskursiven Gerüst des Wilhelm Meisters repräsentiert. In diesem Sinne verhandelt der Text die Programmatik und zugleich die Beschränkungen der Kunst, welche sich, gerade anhand der Figur des Wilhelm, als evident erweisen. Die Erhebung des Menschen zum Göttlichen erfolgt in der Logik des hierbei bemühten Diskurses gerade nicht durch die blinde Hingabe des Menschen an den Eros, welche stets einer fundamentalen Kontingenz ausgesetzt ist.

[…]

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