Literatur als diskursive Praktik

Der literarische Text ist immer ein Konglomerat von Äußerungspraktiken, die fälscherlicherweise unter dem Signum eines individuellen Autors subsumiert werden.

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7 thoughts on “Literatur als diskursive Praktik

    1. Lieber Bloggerkollege, dieser Aphorismus fasst zig Befunde in äußerst komprimierter Form zusammen und unternimmt damit einen schwierigen Versuch der „Vereinfachung“. Meistens wirken derlei Sprüche fruchtbarer, wenn sie den Leser dazu bekommen, an die Quellen zu gehen und Primärtexte zu studieren.
      Sagen wir es so: Die Diskursanalyse bestreitet, dass das Individuum „die Sprache hat“. Der Begriff „Sammelsurium“ ist nicht unangebracht. Der Sprecher beugt sich immer einer kulturell-sprachlichen Norm und wiederholt damit „Universalreden“, die einem genauen Code folgen (die Grammatik beispielsweise setzt unserer Rede Verbote und Gebote).

      1. Da haben sich auch die alten Inder schon mit beschäftigt und Ihre Weisheiten Upanishaden „Gehörtes“ genannt.
        Ich bin auf die Thematik Konstruktivismus, Wirklichkeitskonstruktion und Wahrnehmung im Rahmen einer anstehenden Lehrtätigkeit gestoßen und streife das mehr, als es zu vertiefen.
        Mein Philosophieren ist eher Nietzsche geprägt. Der macht dann gerne stop, wenn es zu kant-ig wird.
        Aber der Gedanke von Universalreden und einem Code ist spannend. Aber so determiniert?

  1. sehr interessante these.
    … aber ob man es tatsächlich so einfach auf einen nenner bringen kann?
    klar, die ausdrucksweise eines individuums ist beschränkt, weil es nur mittel zur verfügung hat, die „es schon gibt“. (zb die sprache.)
    aber – fängt nicht genau da die kunst an, diese mittel in anderer weise zu verwenden, zu kombinieren, umzustellen, auf den kopf zu stellen …?
    oder ist das auch wieder nur dem kollektiv zuzuordnen…?
    spannend – und in viele richtungen weiterzudenken!

    1. Ja, die Kunst besteht wohl darin, die universale Rede mit neuen Mustern zu versehen. Doch im Grunde ist das Dilemma damit nur beiseite geschoben, denn die Sprache gehört niemandem. Vielmehr sollten wir unsere Aufmerksamkeit auf die Assoziationsräume legen, die durch die Rede entstehen. – Selbst wenn wir nicht anders können, als in dieser oder jener Hinsicht zu wiederholen, so bietet sich doch die Möglichkeit, durch Rekombination des Bekannten den Effekt des Neuen zu generieren.

      Grüße, Ángel

  2. So sehr ich die Wissenschaft schätze und die Philosophie liebe, die Poesie als etwas zutiefst Lebendiges betrachte, … bei diesem Text weht mich frostig eisige Kälte an.
    Um es in ein Bild zu bringen, ich sehe mich in eine riesige Lagerhalle versetzt, in der ein Gabelstapler auf und ab fährt und einmal da, dann wieder dort einige Zutaten, Träume hier, Vogelgezwitscher und Liebesgeflüster dort usw. von den Regalen holt und auf einem breiten Lagertisch ablegt, um sie durch die Greifarme anderer Roboter dann in synthetisierten Sprachhülsen verpacken zu lassen und über ein Förderband als „Poesie“ an die „Verbraucher“ zu expedieren.
    Abstraktion in tragischer Vollendung. Abgesang jeglicher Individualität durch eine fratzenhaft aufgeblasene Intellektualität, die den eigenen Ursprungsquell, wie ihn dereinst Aristoteles beschrieben hat, verloren hat.
    Wenn ich meine Aussage hier so dezidiert niederlege, dann gewiss nicht um Sie persönlich zu attackieren. Ich kenne diese Art von sprachwissenschaftlicher Analytik durchaus. Was hier geschieht, das ist mit Argusaugen zu betrachten, denn wer sich einer Idee nicht erlebend gegenüber zu stellen vermag, der gerät unter ihre Knechtschaft. Depression wäre dann noch der geringste Preis, der unterschwellig auf die Dauer dafür zu entrichten ist.
    Die Abstraktion hat nämlich ein Janus-Antlitz. Sie kann einerseits aus dem Leben heraus drängen oder über die innere Erweckung der Kraft der Stille, die lauschende Präsenz zwischen den Worten und Lauten eines Textes, ganz neue Lebenswelten eröffnen. …

    Bernhard Albrecht

    1. Lieber Bernhard,
      Sie haben den Kern der Sache analytisch und dennoch voller Sensibilität erfasst. Ihre bildliche Ausfertigung dieser These unterstreicht, dass die Poesie nicht von einer derartigen Sterilität her gedacht werden darf. – Selbstredend habe ich mich mit der Zeit von einer solchen Sichtweise distanziert und dem romantischen, freigeistigen Streben mehr Raum verschafft (siehe auch neuere Reflexionen). Leider aber erweist sich eine solche Denke in der zeitgenössischen Lyriklandschaft als alternativlos. Das Kalte, Lagerhallenhafte dominiert die Köpfe der Kunstschaffenden (jedenfalls jener, die sich in den öffentlichkeitswirksamen Kreisen bewegen).

      Haben Sie also herzlichen Dank, dass Sie mit Ihren kritischen Anmerkungen auch außenstehende Leser in eine differenzierte Perspektive führen.

      Herzliche Grüße,
      Ángel

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