Theater.
Über Darstellbarkeit auf der Bühne.
(Wolfart)

Die scheinbar antagonistischen Begriffe »Fantasie« und »Wirklichkeit« avancieren zu den tragenden Säulen einer darstellenden Kunst. Durch die maßvolle Gewichtung beider Elemente gebiert ein fruchtbares Spannungsverhältnis: Die Realität erfährt eine Andeutung, die der Fantasie des Auditoriums große Freiheiten zugesteht, sie in den Prozess der Konstruktion von »dargestellter Wirklichkeit« aktiv einbezieht. Die (historische) Wirklichkeit reflektiert sich im tangentialen Verhältnis von Andeutung und Abstraktion. Konkret wird dies, sobald Kleist vom »Schlachtgetümmel« spricht, welches die Kapazitäten der Bühne überstiege und daher alternativer Wege der Darstellung bedürfe.
Der (imaginäre) Dialog zwischen Theaterbühne und Auditorium fungiert Sinn stiftend; beide Parteien komplementieren einander. Der Zuschauer tritt in die Rolle des Fährten-Lesers; er wird sich der Andeutungen gewahr und beginnt, die Zeichen zu deuten und Spuren zu sammeln. Andeutungen stellen sich in diesem Kontext als Bruchstücke der (historischen) Wirklichkeit heraus, welche sich die essenziellen Eigenschaften ihrer faktualen Vorbilder bewahren.
Um das »Theater in sein poetisches Element zurückzuführen« sei es vonnöten, Wirklichkeit in Zeichen zu verwandeln, eine Bezeichnung des Wirklichen vorzunehmen -:

»Man lasse nur hinter den Heerführern, sowie sie von beiden Seiten auftreten, einige Krieger folgen, welche so stehen bleiben, als drängten sie in Masse hinter den Koulissen heraus, indem Spieße über ihren Häuptern hervorragen und die ihnen nachdringenden Krieger bezeichnen – so wird dies ein ergreifender Anblick sein, man wird sich wirklich beide Heere dahinter denken, deren Anfang man sieht.«

Dieses substitutive Prinzip bewirkt ein Überschreiten bloßer Nachahmung – hinein in eine weitaus differenziertere Darstellungswelt, die ihre eigene Kodierung aufweist und die Regularien der Außenwelt beliebig umschreibt beziehungsweise einem Prozess der Neubewertung unterzieht.

 

Primärtext: Heinrich von Kleist, Berliner Abendblätter. 18tes Blatt., in Sämtliche Werke, Hrsg. Roland Reuß und Peter Staengle, Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt, 2010

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