Anregung zu einer zielführenden Lektüre

Eine zielorientierte Lektüre hat sich selbst zum Gegenstand; sie hält Gericht über sich und ihre Methodik. Trachtet sie nach dem Erwerb profunder Erkenntnis, so muss ihr Primäranliegen darin bestehen, die Nominalstrukturen eines Textes zu übersteigen. – In einem poetischen Text offenbaren sich mannigfaltige Variationen von Sinnstiftung, wobei die Sprache in unüberschaubare Funktionen tritt und ihr Veto gegen die ihr – im Alltagskontext – zugeschriebene kommunikative Festlegung geltend macht. Die Worte straucheln.
Auf der Suche nach Bedeutung interessiert uns die relationale Struktur der sprachlichen Materie – kurzum: Inwieweit korrelieren die hier erwogenen Worte miteinander – und inwiefern bedingen sie unseren Verstehensprozess? Das Extrahieren von Rohinformationen mag die gesamtheitliche Lesearbeit partiell konstituieren, dennoch plädiere ich für eine differenzierte Betrachtungsweise des von uns vorgenommenen Aktes. Nicht zuletzt weist das Verb „lesen“ eine etymologische Äquivalenz zur Tätigkeit des Suchens, Folgens oder Sammelns auf. Es ist de facto unerlässlich, die Begriffsgrundlage unserer Arbeit in ihrem umfassenden Kontext zu betrachten. Die Lektüre dient nicht ausschließlich dem Verstehen, sie befasst sich zu großen Teilen mit Dekodierungen, um den Ausgangstext in systematischer Hinsicht transparent zu machen. – Exemplarische Fragen -: „Wie verfährt der Text mit seinen Zeichen?“ – und: „Wie schreibt der Text unsere Realität um?“ – bedingen in meinem Dafürhalten eine weitsichtige, zielführende Lektüre. Es gilt folglich, Parameter der Untersuchung zu entwickeln, welche sich nicht auf einen Text beschränken, sondern bestenfalls Texte einer gesamten Gattung abzudecken vermögen. Der zielorientierte Leser profitiert also durch die Analyse eines konkreten Beispiels in der Form, dass ihm jede nachstehende Lektüre luzider erscheint und sein Blick sich nicht im stupiden Ergreifen des Sinnes verliert (welcher zudem nicht als gegeben angesehen werden sollte). Der Begriff „Sinn“ referiert auf den Drang, das aufgesammelte Inventar auf einen Nenner zu bringen, es in einen Gesamtzusammenhang zu stellen. Der poetische Text erhält seine Qualität nicht dadurch, dass er Informationen kommuniziert. Vielmehr liegt es ihm daran, die Art seiner Verfasstheit zu reflektieren. – Darum verhält sich ein qualitativer Text ähnlich wie eine zielorientierte Lektüre: Er hat sich selbst zum Gegenstand und referiert spielerisch auf seine Machart. Unterschwellig gibt er Aufschluss über die Prozesse von Zeichenbildung, Semantisierung und Diskursivität.

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