Das Esszimmer ragte stumm in die Nacht; genauso stumm die Worte, die man sprach. Und auch die Gesten und Gebärden, die sich Bahn brachen, waren von kristallklarer Stille umflossen. Die Mägen waren von Schwere übersättigt. Man griff zu den Lippen, zu den gefrorenen Mündern, um darin Leben zu fühlen. Man aß das Brot des Vortages, man schlang es hinunter wie eine veraltete Silbe: achtlos, gar beiläufig. Man schlang das Brot nicht sorgsam, man ließ den Wein über Leib und Seele rinnen. Man verschluckte das Rot einer Tomate ebenso gleichgültig wie das Blau einer gereiften Johannisbeere. Man verschluckte sich am Leben selbst. Es mischten sich Vögel in das Wasser der Schalen, aus denen man trank. Es mischten sich Verse in die Erzählungen, die man unter Krämpfen ausspie und mit der Zunge zerkleinerte. Die Lippen zweier Menschen portionierten den Überdruss eines halben Jahrhunderts.
Es schlang die Seele hinunter, was sie im Eifer des Festmahls zu greifen vermochte. Da waren plastifizierte Elefantenkörper, deren mildes Grau nicht recht zur Täfelung des Raumes passen mochte. Da waren zu Wachs erstarrte Schwanenflügel, die sich im Orkus der Nacht ein Bett bereitet hatten. Und man verspeiste das sämige Brot mit gierigen Mündern, man verschlang die vorbeifahrenden Bilder einer Großwildjagd vom Vorabend des letztens Jahrhunderts. Die Bäuche waren nun leerer als zuvor. Man entzündete das Wasser in porösen Kelchen, wie es einst die Besatzer taten. Am Boden der Schalen waren die Scherben verwelkt, als man sie fand und zwischen den dünnen Häuten der Finger umherwandern ließ. Man hielt Blüten über das Kirschholz des Tisches. Strahlende, vom Sonnenschein überwobene Orchideen glitten behutsam über die Hände aus Asche. Man ließ donnernde, entlegene Sommertage in die Poren der Haut eindringen. Man ließ Nadeln über die Körper hinweggleiten, während man immerzu schlang, und ließ die Stiche eines rostigen Messers passieren wie eine vorübergehende Dürre, und hielt das Wasser, das zerstäubte Gerinnsel der Sinne, fest und lag träumend dort – in diesen erwärmenden Melodien des Krieges, während man noch speiste und schlang und das Leben zwischen Zeigefinger und Kehle hielt.

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