Poetik der Fortbewegung

Die Entfernung zweier Bäume ist ein Flug.

Man brachte dir das Laufen bei, doch man vergaß, dich das
Fliegen zu lehren. – Aber was macht dein Geist, wenn er Schritte setzt?
Noch vor dem Vers fliegt er. Deine Füße erlernen das Schauen.
Ich sage nicht, dass sie das Laufen vergessen haben. Ich sage nicht,
dass sie von dem Flug wissen: die Entfernung zweier Bäume.
Sie wissen deinen Körper wie einen Vers: nur vage.

Über dem Gedächtnis liegt ein morsches Dach. Deine Augen sind
müde vom Tageslicht. Sie schauten den Wäldern zu lang hinterher.
Den winterlosen, schmalen Wäldern; ihren Bäumen… Und immerfort
riss man sie mit sich, auf untergehenden Sonnenpfaden. Immer riss man
sie fort von den gewohnten Bäumen, den Pfirsichen der Seele,
und den geschmückten Ufern und Gewässern.

Ich sage nicht, dass deine Füße nun fliegen. Ihre Federn genügen
nicht, um daraus ein Luftbett zu formen.
Und gesetzt, sie trügen dich doch: Nach wessen Luft
sehntest du dich dann? Ist deinem Mund nicht längst
Überdruss widerfahren, als er sich entschloss,
den Abstand zweier Bäume zu vermessen?

Letzte Beeren stehen im Gold der Atmosphäre. Das Raumschema
deiner Finger, die teils zeitlich begründet sind. Ich spreche
zu dir von den Stellen, die ich im Dunkel meiner Seele weiß. Und doch
bin ich müde, sie zu sprechen, denn sie sind nirgendwo.
Ich fand sie nicht, als ich das Laufen begann. Diese Orte sind Korpus
und Schwingung, sie sind Lauf und Flug. Du würdest sie mit Federn an den Füßen nicht erreichen. So wie du das herabfallende Blatt vergangener Herbste
nicht erreichst, denn es balanciert zwischen den Feldern, die kein Auge weiß.

Weiß deine Hand ihre Stelle denn? Weiß sie nach schweren Frühlingen
zu greifen wie nach Kinderhänden? Nach verschleierten blauen Vögeln?
Du spürst zwar das Beben der Lippen, das schweigende Erwachsen-Sein
der Finger, die sich zuweilen vergessen, doch ahnst du nicht, wie
viel Schwere in den Räumen liegt, die keine sind…
Du ahnst nicht, dass alles hier ein Flug ist, der zwischen zwei Bäumen
geschieht. Und nie hast du mit zitternden Wangen unter den krachenden
Ästen einer Kastanie gestanden. Nie haben deine Füße den Boden
gekannt oder die gläsernen Zitadellen meiner Fingerspitzen.
Nie hast du aufgehört, das Laufen zu beginnen…

A.M. Perezáno

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 Das dominierende Paradigma des "Baumes" konstituiert die hermeneutische Achse
 des Textes. Das Denotat "Baum" durchläuft im Laufe des Schreibprozesses eine Umwandlung.
 Plötzlich gilt ein Baum nicht mehr als pflanzliches Inventar des Waldes, sondern
 erfährt eine syntagmatische Erweiterung: der Baum als Maßeinheit des Fluges.
 Dieser zur Bewegungsmechanik gehörende "Flug" siedelt sich im dualistischen Bereich
 zwischen Illusion und Tatsächlichkeit an. Es gibt hierbei keinen physischen Flug, 
 ebenso wenig gibt es ein mentales Laufen. Diese Poetik der (dualisierten) Fortbewegung 
 problematisiert die Frage nach dem Wahrheitsgehalt des physischen sowie psychischen 
 Erlebnisses. Gleichwohl befasst sich vorliegender Text innerhalb seiner poetologischen
 Ressourcen mit der Betrachtung des topischen Ortes und dessen Abgrenzung gegenüber
 einer räumlich-dimensionalen Ortsdefinition.
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4 Gedanken zu “Poetik der Fortbewegung

  1. Flug

    Zwei Bäume,
    ein Intervall,
    ein Sprung.

    In Bewegung
    über den Abgrund hinweg,
    lebt und erschafft sich das Ich.

    Der Geist ein Nichts,
    wenn das Ich
    sich nicht berühren lässt.

    Das Nichts – Tor des Todes,
    der Tod – Tor zum Leben.

    Deine Entscheidung,
    Deine Freiheit!

    © Bernhard Albrecht, 22.11.2012

    • Das Ich als ein von Relationen konstituierter Akt! – Das Ich als prozessuale Größe, die zu wachsen weiß, – in ihrer Elastizität wahrlich grenzenlos. Wird einst zum Ich, was heute noch Baum und Luft und Nebel heißt?

      Vielen Dank, werter Bernhard, für deine Verse.

      • Singende Zweige

        Du Baum Du,
        umhüllt von Luft,
        sanft wattiert im Nebel –

        in ferner Zeit
        wird Dein Sein
        Teil meiner Kraft,
        werde ich
        voll bewusst stehen
        in der Schöpferkraft meines Ich,
        im Fliessen gewurzelt.

        Du Baum –
        noch stehst Du
        als ein Gegenüber,
        belebend die Erinnerung
        an die unendliche Kraft
        werdenden Seins in Bewegung,
        Du Baum, Wächter mir.

        Du Türsteher Baum
        zeigst mir in Deiner
        auf Intervallen gegründeten Zeitgestalt
        nondual in Bewegung den Weg zum Ich –

        2012 – Welt Ende – Zeiten Anfang.

        © Bernhard Albrecht, 26.11.2012

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