Eintragung 3.11. – Pariser Zyklus

In den Fotoalben schlafen die Bilder meiner Kindheit. Porträts ungeleugneter Stunden. Ich sah mich aufwachsen mit gräsernen Augen, die das Lauschen verstanden. Ich habe dieses Ich nicht mehr. Mein Leben ist literarisiert. Ich erkenne mich bis zu jenem Punkt wieder, doch gegenwärtig bestehe ich aus Worten und den Geräuschen knisternder Töne auf den Flächen meiner Zunge.

Ich habe im schwachen Kerzenlicht ein Bild von dir, Liebes. Es ist nicht groß. Und vielleicht hätte ein anderer Mensch es achtlos überblättert. Doch ich könnte nicht mit dem Wissen leben, dass mein Herz sich nicht länger nach dir sehnte. Es fragt jeden Abend nach dir.
Du hast in meinem Leben Spuren hinterlassen, Liebes. Es ist ein schemenhafter Vogel, dessen Laute meine Poren umflimmern. Doch ich kam nie zu dir mit den Worten: … Vielleicht kam ich in der Nacht; doch du schliefst bereits. Vielleicht ist es zu lange her. Man vergisst mit der Zeit…

Mein Leben ist ein Brief. Ich sende ihn dir zuliebe nicht ab.
Meine heimliche Melancholie reicht nicht aus für ein weiteres Wort an dich. Für ein Wort an mich.
Ich kann das Verlangen der Sinne nicht einstellen, ohne mich zu lösen. Ohne das Kerzenlicht ruhen zu lassen wie ein schweres Gedicht. Wie ein angefangenes Fotoalbum.
Wer weiß, wann meine Augen ihr Licht zurückerlangen.
Nun schlaft, ihr Erinnerungen, schlaft an den Orten, an denen mein Herz euch nicht sucht.

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