In Auseinandersetzung mit Pessoa

Wir sterben bereits lange bevor wir den letzten Atemzug nehmen. Ich sterbe in euch, ihr Verbrecher und Lügner. Jeden Tag sterbe ich in euch. Einen ganzen Winter lang. Wenn es Sommer ist, sterbe ich. Und ich spüre, wie die Lieder meines Herzens leiser werden. Ihr mordet sie mir. Die Blumen der Kraniche: meine Kinder, meine Schwestern. Ihr nehmt mir all die Dinge, die meinem Leben Halt gaben.
Was ich schreibe, ist ein letztes Stück Selbsterhaltung. Keine Literatur. Ich bin dazu nicht in der Lage. Du weißt nicht, wie es ist, als Phantom unter Lebenden zu wandeln. Ich bin für die Einsamkeit gemacht, für die Trauer, für die Stiche im Herzen, für die Nacht. Man schließt mich weg. Eine Fundsache ohne Wert. Man sieht Pessoa hinter den Flüssen stehen. Hinter den Flüssen mit mir.
Eine Weggabelung aus Stroh. Mein silberfarbenes Telegramm. Du führst Buch über die Wellenlängen des Septembers. Durch das Arbeitszimmer bricht die schäumende Ozeanfront, tiefblau wie die Tropfen eines verflüssigten Essays.

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5 thoughts on “In Auseinandersetzung mit Pessoa

  1. „Du weisst nicht, wie es ist, als Phantom unter Lebenden zu wandeln.“
    Weisst Du wie es für Pessoa war, im Bilde gesprochen, ein wenig wie ein Christopherus dieses Phantom durch sein Leben zu tragen und dabei immer wieder
    an sich und seiner Umwelt mit diesen Erfahrungen zu scheitern? Einfach, weil das Erfahren dieses Phantoms ,unfassbar für sein Denken, ihm immer wieder wie über seinen Kopf hinaus wuchs und ihn selber zu Boden gehend lassend mit dem Kopf in einer Pfütze auf schlammiger Lebensstrasse benebelt zurück liess?
    Vielleicht ist Pessoa deshalb so gross, weil er in seinem Scheitern immer wieder den Mut fand seinen Kopf aus dem Dreck zu erheben und wieder auf zu stehen. Auch wenn er das träumende Erfahren dieses Phantoms für sich nie wirklich aufzulösen vermochte.
    Wie sollte er auch? War doch das Denken seiner Zeit und ist es dies auch heute noch im Erfahren der meisten Menschen ein blosser Gebrauchsgegenstand, der in seiner wesenhaften Essenz dem eigenen Erfahren mit sieben Siegeln verschlossen blieb.

    Bernhard Albrecht

    1. Dein Einfühlungsvermögen in die Literatur ist imponierend, werter Bernhard. Deinem Verstand entgeht keine Nuance eines Textes, so scheint es.
      Faszinierend, wie es dir gelingt, dich von einem Leitsatz zu einer freien Betrachtung zu bewegen. Dies zeugt von äußerster Kompetenz und Zielstrebigkeit.
      Habe herzlichen Dank.

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