Wie man ein gutes Gedicht schreibt.

Wann ist ein Gedicht gut? – Ich habe diese Frage lange verdrängt,
habe mich nicht festlegen wollen auf ein stupides Muster.
Es ist wohl so, dass ein gutes Gedicht Charisma braucht. Eine Ausstrahlung,
die aus innerer Harmonie resultiert. Es muss uns einen natürlichen Respekt abverlangen.
Ein gutes Gedicht muss souverän sein, integer – in dem Sinne, dass es durch seine
innere Abgeschlossenheit zu einer Maxime werde, – sowohl in Botschaft als auch Form.
Ein gutes Gedicht wird selten geschrieben. Es wird empfangen. Meist nur geträumt.
Die Geburt eines Gedichts ist wie die Geburt eines Sommers: Die erste Schwere weicht bald dem Wissen um die bevorstehende Reifung. Jeder Vers ist der Anfang eines Sommers.
Gedichte wollen nicht literarisch sein, sondern lebendig.
Sie wollen Seele verkörpern.
Es reicht oftmals nicht, von den Worten zu wissen. Die Worte müssen in dir eine Heimat
finden. Sie müssen sich dir anvertrauen.
Es genügt nicht, den Normen zu entsprechen. Ein souveränes Gedicht etabliert seine eigenen Normen und Maßstäbe.
Bevor du Poesie rezipierst, lasse ihr Zeit, sich von deinem Wesen zu lösen. Nur auf diesem Wege entwickelt sich ein gesundes Verhältnis zwischen Dichter und Schaffen.
Wenn du das Denken nicht hinter das Fühlen stellst, wird deine Poesie ein Spiegel deiner Selbstzweifel sein. Ein gelungenes Gedicht ist pure Ursprünglichkeit: Es ist Natur, Empfindung und Wahrnehmung zugleich – eine Chimäre aus Worten.
Die Bedeutung eines lyrischen Textes ergibt sich nicht aus der Semantik seiner einzelnen Worte. Lyrik ist oftmals der Versuch, über das sprachlich Mitteilbare hinauszugehen. Dabei sind Worte wie die Atome von Stoffen – man meint sie zu überblicken, doch formen sie stets neue, in ihrer Erscheinung unvorhersehbare Verbindungen.
Glaube nicht daran, ein Gedicht zu durchschauen. Sei gewiss, dass es dich durchschaut und deine Unwissenheit kennt. Glaube nicht daran, einem souveränen Gedicht gewachsen zu sein. Sei wie der Schüler, dessen Gehör ganz dem Lehrer zugewandt ist.
Dann wirst du irgendwann verstehen, dass ein gutes Gedicht deinen Verstand überragt…

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4 Gedanken zu “Wie man ein gutes Gedicht schreibt.

  1. mit großem Interesse gelesen … da ich leider diese Ursprünglichkeit verloren habe, pausiere ich, ich wollte WORT werden und WORT sein … ich wurde > Wörter, die weder in, noch außer mir l e b e n d i g waren . DANKE für diese Gedanken hier …Ursa

  2. Lebendig ist das Wort

    in allem singt es
    leise schwingt es
    alles durchdringt es
    und klingt in uns

    ©NL

    Dein Artikel zeigt die Bedeutung des Wortes in einer Tiefe, wie ich sie selten niedergeschrieben gefunden habe.

  3. Habt vielen Dank für das Verständnis und die nötige Offenheit, schließlich fiel mein Vokabular recht streng aus. – Ich bitte dies nur als demütige Geste der Kunst gegenüber zu verstehen.

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