Porträt mit Inseln.

Seit meiner Wiedergeburt weiß ich den Wert eines Landschaftsbildes zu schätzen. Ich kenne die lautlosen Geräusche, die eine zerfahrene Straße macht, wenn man an ihren Säumen flaniert, fühle die Wellen des Windes, die meine Wangen streifen. Mir blieb es versagt, dich zu erfahren. Einen Menschen in meinen Sinnen zu formen.
Ich weiß nun jenen Moment zu erforschen, den ich damals achtlos hätte verrinnen lassen. Ich bin zur Linse meines eigenen Auges gereift und verlasse die stillen Wände dieses Studierzimmers. Ganz Paris durchfließt die schmale Mulde zwischen den Partitionen meiner Seele.
Ich gehe auf dem Boulevard einsamer Bosonen, lasse sie die Überreste unseres Nachlasses verdunkeln. Wir sind die Strömung träger Bäche und erhalten uns hinter den Höfen der Sonne.
Längst hat man aufgehört, die Jahre zu zählen, in denen wir die Grenzen fallender Wolken passierten.

Nun denkst du doch zurück, erfährst dich im Vergangenen wieder, obwohl dein Körper die Oberfläche des Lebens durchspaltet. Es ist ein Geheimnis ohne Flüstern, das du bewahrst.
Die Träume eines angesparten Daseins finden uns verwaist vor. Es ist ihnen ein Leichtes, durch Barrieren zu schreiten. Die Namen, die wir tragen, sind ihre postkartengroßen Fingerspitzen.
Ich sitze zurückgezogen auf den Pfeilern einer steinernen Brücke. Man sieht meine Konturen in den Spiegelbildern des Himmels. Ohne ein Wort zu sagen, habe ich die Welt gemacht. Kartografisch übermalen meine Finger das Papier eines Journals. Allmählich dringen die Umrisse eines Planeten hervor. Eine Darstellung, rückwirkend datiert auf das Jahr 1743.
Ich verwaise in den Strömen überwallender Ideen.
Ein Schreiben Pissarros füllt Dekaden auf. Frauen am Meer
sehen das Licht meiner Augen wie einen Leuchturm in der Schwebe. Ich meine, ihren flüsternden Worten zu lauschen. Gedankenschwer. Auf den Lebensadern eines Brückenpfeilers. Zu meinen Füßen das endlose Wasser.

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5 Gedanken zu “Porträt mit Inseln.

  1. … und dieses unglaubliche, ewige Rauschen des endlosen Wassers, das mein Flüstern zu dir trägt, geliebte Seele, erfüllt von Sehnsucht nach dem Licht, das mir zum Heil in Fernen schwebt…

    • Begebe ich mich in Deine gemalten Bilder? Will ich es oder nicht? Entstehen so Romane?

      Würde ich verwaisen in den Strömen überwallender Ideen?

      Mir gefällt der schmale Spalt, durch den ich in diese Realität schlüpfe.
      Sie lässt so vieles offen.

      Vom Wind nur sanft berührt entsteht mir Leben und vergeht – unendlich schön.
      Wer wollte es festhalten?

  2. Musste schmunzeln. Das Porträt könnte als Titel auch
    ’nach nachher‘
    heißen [s.http://www.zeno.org/Literatur/M/Tucholsky,+Kurt/Werke/Nachher+%281925-1928%29%5D wobei das hinzugekommene und wirklich künstlerisch gesteigerte Kryptische an Rilkes ‚Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge‘ erinnerte.

    Zum Trost:
    Künstlerlos

    Ruhm für den Künstler
    wird ihm oft versagt.
    So scheint es klug,
    wenn er es vertagt,
    ihn nicht zu Lebzeiten
    empfangen möchte.

    Es gilt auch hier
    wie überall
    unsterblich wirst du erst
    wenn du gestorben bist.

    mit freundlichen Gruß

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