Fragmente des Regens.

Fernab des Asphalts wallt Nebel. Für wortlose Sekunden mag er verfliegen. Dann wieder schließen sich die weißen Hände: Ergiebig strömt die Melancholie der Seine in den Köpfen.
Es beginnt sich neu, was niemals war. Am Ende des Nebels wohnt der, dessen Worte meine Finger durchlaufen. Und jede Silbe rinnt gestaltlos und allein. – Ihm ist’s, als fänden ihn die Dinge nicht, da sie blicken. Erhabenheit des Unvergänglichen.
Ich habe in meinem Zimmer ausgelöschte Kerzen, die von seinen Dingen flüstern. Winde, die nicht rauschen. Meere, deren Wasser keine Küsten umrahmen.
Auf dürren Blättern stehen meine Briefe an sie. Durchlichtet vom Frühling. Ausgeblichen. Jahre, die Flecken in düsteren Tönen an den Rändern hinterließen. Ich streife mit einem Satintuch über die matten Seiten, die nicht voller werden. Bisweilen regen sich Silben, die wie Rauch im Freien verwehen. Rauch an Flaggen gehangen. Wir alle…

Auch mein Journal ist wie das ihre. Gefüllt mit Unteilbarem: die Finger, die einst schrieben. Ein hingehauchtes »toujours« meiner Augenlider, deren Atem schwer durch den Raum wallt, ehe er sinkt. Ein »apprendre« in kalligraphischer Note beigefügt. Mich hat es nie getragen; das aussichtslose Streben nie tangiert. Wie Frost über immerwachen Blütenblättern.
Zwischen zerrissenen Einlagen: Zitronengras.
(Die Jahreszahl … doch überliest meine Erinnerung sie.)
Birkenblätter, Rindenstücke, Farne treiben hinunter auf meinen Tisch. Mir fällt ein Himmel ein. Und doch endet er.
Gläser stellen das Sprechen ein. In der Raumesstille überwinden Gedankenströme das Nichts. Vom Aufleben der Unendlichkeit sind meine Adern verstummt, die wie Träume waren und meine Herzenssehnsucht in jedem Fensterspiegel suchten. Doch wissen sie: Der Verweilende reift, da er um sein Schicksal ahnt und es trägt.
So auch die herausgelöste Abschlussnotiz:
»Mit sich selbst zu wandeln, – dies ist Zweck aller Absichten.«

– Fragmente des Regens. Paris.

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One thought on “Fragmente des Regens.

  1. Ja, wir sind immer im Fluss der uns eingeschriebenen Eindrücke und auftauchenden Erinnerungen, welche in immer neuen Rinnsalen an uns herabgleiten in die Unendlichkeit des Seins. Wie dicht beschriebene Manuskriptseiten ist dieses Leben auch, das uns zuweilen schwer in Händen liegt. Darin einstmals liebevoll eingebunden die Gaben der Natur, die uns bei genauerer Ansicht nur noch bedeutungslos, verdorrt aus dem Rahmen fallen. Und wir erkennen: so vieles müsste neu geschrieben oder getilgt werden, aber hierfür fehlt es schlichtweg an Seiten. Und vielleicht bleibt uns letzten Endes dann auch wirklich nur die eine Erkenntnis, die uns wahrlich weiterzutragen vermag im Strom dieses Lebens, nämlich ausschließlich ‚mit sich selbst zu wandeln‘.

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