Reflexionen über die Schönheit

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So ist dann auch die Schönheit zu verstehen: als eine Sehnsucht nach den innersten Begriffen, die alle Pein und allen Zweifel überleben. Es ist die Rückbesinnung auf die vermeintlichen Urbilder der Seele. Immer wieder zieht es uns zurück zu jenen Szenen, die als Ausgangspunkt unseres künstlerischen Strebens fungieren. Das Schöne trägt daher einen erkenntnisorientierten Aspekt bei sich: Es verweist uns auf diejenigen Dinge, die einen universalen, allgemeinmenschlichen Daseinshorizont abstecken. Nach der Schönheit zu fragen bedeutet, nach den archaischen Sehnsüchten und Bestrebungen des Menschen überhaupt zu fragen. Die Kunst erweist sich als ein probates Medium, um diesem Erkenntnispfad Gestalt zu verleihen, ihn gewissermaßen transparent zu machen.

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Programmatisches – I

Der Dichter ist nicht nur allein in der Welt, er ist auch allein in der Sprache. Er muss zu sich finden, und muss zu den Worten finden, um das Leid seines Daseins zu verringern. Der Dichter trägt die Bürde eines zweifachen Ausgesetzt-Seins.

Einem Freund gewidmet (II)

Dort, wo wir das Zeitlose ahnen, öffnet sich der Bereich des Poetischen. In manchen Augenblicken stellt sich dann eine Stille ein, die zugleich ein unsagbares, heimliches Gefühl an uns heranträgt. Ist es nicht so, dass uns die heimlichen Dinge nach der Schaffung eines Werkes plötzlich innig und vertraut erscheinen? Liegt darin vielleicht das Mysterium der Kunst begründet?

Reflexionen_9/8/14

Ist Lyrik nicht immer die Suche nach demjenigen, was noch außerhalb aller begrifflichen Mitteilbarkeit liegt? Vielleicht erweist sich die Poesie, wenn man sie als ein basales Gefühl beschreibt, als die Sehnsucht nach der Verbalisierung von Strukturen, Zusammenhängen, Eindrücken. Das Kunstwerk, welches unter dieser Prämisse entsteht, verfolgt einen ganzheitlich fokussierenden Ausdruck, einen umfassenden Begriff von Schärfe und Kontur. Die Umsetzung eines solchen Kunstwerkes wäre nichts Geringeres als die Erschaffung eines autonomen Sprachraumes, dessen Wirklichkeit sich über die rein empirische Betrachtung erhebt.

Eine gute Interpretation hat sich selbst in ähnlichem Maße zum Gegenstand wie den Text, auf den sie sich richtet. Sie muss sich ihrer eigenen Dispositionen bewusst sein und mit diesen verantwortungsvoll umgehen. Eine Interpretationsnorm, die sich explizit über das künstlerische Erzeugnis stellt, welches sie auslegt, darf daher bestenfalls “politisch” genannt werden.

Einem Freund gewidmet

In der Tat sind es die alten Tage, die uns dazu motivieren, immer wieder in den Diskurs einzusteigen, auch wenn er zuweilen beschwerlich vonstatten geht.
Du hast völlig recht, lieber Freund, wenn du das Kind im Dichter als Credo einer reüssierenden Laufbahn forderst. Nur das unvoreingenommene, unschuldige Sich-Umblicken in der Welt, welche uns mit so viel Pracht begegnet, garantiert eine Prävention dieses Unflexibel-Werdens. Der ästhetische Moment gebiert nicht aus einer starr kategorisierenden Wahrnehmung, sondern aus der Erkenntnis einer fundamentalen Mannigfaltigkeit, in die wir selbst eingebettet sind. – Wie sollten wir auch Kunst schaffen ohne die Bereitschaft, unseren beschneidenden Blick für einen Moment ruhen zu lassen? Wie sollten wir den Dingen gerecht werden, wenn wir ihnen durch ein invariantes System von Begriffen stets Gewalt antun? – Das künstlerische Gemüt nimmt Abstand von den Zwängen, die es sich traditionell selbst auferlegt und veranlasst somit eine stete Bestrebung des Transzendierens formaler Begrifflichkeit. – Unter diesem Aspekt wird die Tangente zwischen Ästhetik und Moral als Vorbedingung eines gelingenden Künstlertums lesbar.

Über Kunst und Poesie – I

Kunst beginnt weit vor der Schaffung eines konkreten Gegenstandes. Sie umfasst sowohl Prozesse der Wahrnehmung als auch der Darstellung und Reflexion von Bewusstseinsinhalten. Künstlerisch zu denken bedeutet, die konventionellen Kontexte zu überschreiten und vorgefertigte Begriffsmuster zurückzustellen. Der künstlerische Blick strebt nach permanenter Neuordnung sowie (Re-)Funktionalisierung des Erlebten.
Die Kunst modelliert all jenes, was uns in der mentalen Repräsentation versagt bleibt und sich in keinen singulären Denkbegriff fügen lässt. Ihre Leistung besteht in diesem Sinne darin – in Anlehnung an die Beobachtung der Natur -, eine unmittelbare Erfahrung von Mannigfaltigkeit zu verursachen. Indem uns das Kunstwerk an der Beschaffenheit seiner Darstellung teilhaben lässt, überschreitet es den Bereich der reinen Denkanschauung und bereitet zugleich die Ebene der Sensation.

nördlich des horizonts

man könnte den leib
beschließen mit einer rose
des abschieds

doch fühlte man nicht
jene melancholie
welche der juni bringt -

o wie er die schweren vögel
der sonne entnimmt
und sie ans ufer
schäumender küsten legt -

unbedacht geht er
über die farben der tiere
in denen die stille
sich verliert -

rose des abschieds -:
nicht stern oder silbe
daraus im geiste
die nacht gebiert

Einer Freundin zugedacht

Die Unbegreifbarkeit dessen, was uns zuweilen widerfährt, bleibt wohl auf ewig eine Triebfeder menschlicher Betätigung. Deshalb kann die Dichtkunst – als Mittel des Dialoges – im besten Falle dazu beitragen, diese großen Leerstellen auszufüllen. Sie ersetzt nicht, aber sie vermittelt. – Die Dichtkunst leistet eine Aussprache mit dem Unbegreifbaren.

Leerstellen der Artikulation

»Dann ruhte alles und war wie Meere, deren Wellen stillstehen…«

Über das Schreiben wurde seit Anbeginn der Kultur geschrieben – und sicherlich auch gesprochen. Wie der Entwurf sich artikuliert, wie er seine Zeichen anbringt: all dies ist uns bewusst. – Doch was ist mit der dialektischen Beziehung von Sprechen und Schweigen? Hat man darin nicht zu lang einen antagonistischen Widerspruch gesehen? – Vielleicht, so dünkt mich, wird das Sprechen erst dort fruchtbar, wo es sich mit dem Schweigen vermischt. Die Bedeutung des nicht eingetragenen Wortes in das große Relief des Lebens muss uns, im Sinne einer gründlichen Betrachtung, intensiver beschäftigen. Die Sprache kennt die Flut, aber sie kennt ebenso die Ebbe. Das Schweigen als solches findet in der Leerstelle nur eine mögliche Repräsentation. Denn die Sprache selbst ist es, welche kraft ihrer mannigfaltigen Darstellungsformen das Schweigen manifestiert. Ob synästhetisch, metaphorisch, allegorisch: Die Stille schreibt sich in den Kanon des Sagbaren ein und bildet somit einen ästhetischen Gegenpol zum Topos des Aussprechens.

Zur Programmatik des Dichterberufs

»Daß ich Dir’s mit einem Worte sage: mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden, das war dunkel von Jugend auf mein Wunsch und meine Absicht.«

Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre, Stuttgart, 2012, S.301.

 

Über das Wesen der Dichter respektive ihrer poetischen Konzeptionen wurde mannigfach philosophiert. Und auch in Zeiten, in denen die autobiographische Lektüre ihren Zenit längst überschritten hat, ist man im Falle der Lyrik dennoch geneigt, nach dem Werdegang des Autors zu fragen, um diesen mit dem Werk in Korrelation zu bringen. – Wodurch also authentifiziert sich der Weg des Dichters? Goethes Darstellung ruft hierzu einen fruchtbaren Kontext auf: Der Dichter betreibt seine Berufung aus bildungsperspektivischer Sicht. Die Analogie zum Bildungsroman ergibt sich zwangsläufig. – Den Poeten beschäftigt nicht zuvörderst die Qualität seiner Arbeiten (welche sich ohnehin nicht an objektiven Kriterien ermessen lässt). Ihm ist vielmehr daran gelegen, die (Aus-)Bildung der eigenen Persönlichkeit im Erproben der schönen Künste zu vollziehen. – Gerade weil die Dichtkunst sich oftmals auf sich selbst bezieht, also ein Moment der Autoreflexivität impliziert, verweist sie auf die Bedingungen ihrer Entstehung und somit zugleich auf die Beschaffenheit der Autorfigur. – Offensichtlich ist die Entstehung solcherlei Texte eng mit der teleologischen Konzeption ihres Urhebers verflochten. Jeder singuläre Text markiert eine Etappe auf dem unermesslichen Pfad der Selbstgewahrwerdung. Jeder Vers wird als Dialog des Dichters mit sich selbst (und seinem Identitätsmythos) lesbar. – Somit wird erkenntlich, wie eng sich der Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsbildung und Kunstausübung darstellt. Unter dieser Prämisse darf die Konzeption Goethes, vertreten durch die Figur des Wilhelm Meister, als Plädoyer für eine klassische Bildungsprogrammatik angesehen werden, deren zeitlose Geltung sie über etwaige Zweifel erhaben macht.

Kontraposition oder: Bestimmtheit der Anti-Poesie

»Das Gewebe dieser Welt ist aus Notwendigkeit und Zufall gebildet; die Vernunft des Menschen stellt sich zwischen beide und weiß sie zu beherrschen; sie behandelt das Notwendige als den Grund ihres Daseins; das Zufällige weiß sie zu lenken, zu leiten und zu nutzen, und nur, indem sie fest und unerschütterlich steht, verdient der Mensch, ein Gott der Erde genannt zu werden.«

Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre, Stuttgart, 2012, S.71.

Der hier zitierte Befund mutet wie ein Hoheitsemblem der Philosophiegeschichte an und scheut nicht davor zurück, eine strikte Distinktion zwischen der rationalen Wissenschaft und ihrem Widerpart, der oftmals manieristischen Kunst, zu treffen. Tatsächlich entstammen diese Worte keinem philosophischen Text, sondern sind integraler Bestandteil eines literarischen Machwerks der Klassik. Innerhalb jenes Textes bildet die hier aufgeführte Passage eine dialektische Struktur aus und macht somit die Divergenz zwischen den Paradigmen lesbar. Kunst und Wissenschaft – das Individuum zwischen Eros und Ratio -: All dies findet sich im diskursiven Gerüst des Wilhelm Meisters repräsentiert. In diesem Sinne verhandelt der Text die Programmatik und zugleich die Beschränkungen der Kunst, welche sich, gerade anhand der Figur des Wilhelm, als evident erweisen. Die Erhebung des Menschen zum Göttlichen erfolgt in der Logik des hierbei bemühten Diskurses gerade nicht durch die blinde Hingabe des Menschen an den Eros, welche stets einer fundamentalen Kontingenz ausgesetzt ist.

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zwischenspiel

ein mädchen, erst vierzehn jahr,
beschreitet den weg des salzes

ihre füße kennen den regen,
das lachen, die mulden des
pfirsichbaums

sprachlos promeniert sie
den leib, der mit blüten umsäumt

ein mädchen, erst vierzehn jahr,
und haaren so blond wie das
gold des sommers

Stillleben des Schriftraums #4

Auf dem Dach des Winters halte ich inne. Die Lippen haben den Frost noch nicht abgeworfen. Leise zaudere ich, lasse das Licht für einen Moment durch meine Augen fallen, schlafe stumm im Tagwind des Geistes. Meine Gefühle tragen das Emblem der Zeit, schleifen atemlos über das Laub. Gerade ging ein Vogel über die Silben und begann seinen Tanz. Die Stadt ist indes zu einem Text geronnen. Ich lese die Stundenbücher meiner Epoche. Zuweilen fokussiert die Linse ein Flüstern; Düfte von Elend, Pest, Liebe. Neben dem brüchigen Schornstein liegen farblose Bilder. Den Sommer und das Licht haben sie wortlos veräußert.

Stillleben des Schriftraums #3

Mein Schweigen ist die Angst, einem Notwendigen Ausdruck zu verleihen. Es ist die letzte Möglichkeit des Ichs, einer Konfrontation mit sich selbst zu entgehen. Als Schweigender unternehme ich den Versuch, mir das Provisorium “Identität” zum ewigen Kokon zu machen; ich scheue davor zurück, mich eines Tages ein Wort sprechen zu hören, welches mir nicht gehört. Solange mir also die Dekonstruktion meiner begrifflichen Hülle erspart bleibt, möchte ich ruhen zwischen den Silben und Melodien meiner Tagträume.