Lebensmelodie

»Gesang ist Dasein«

Die Farben suchen mich.

Ich stehe hinter den engmaschigen Augenpartien eines Gemäldes. Ich, ein Stillleben mit Wildkirschen. Das Museum ist aus Stickstoff gemacht. An manchen Stellen verflüssigt. Die Kälte findet an den Nähten meines Mantels Widerhall.
Meine vertrockneten Augenlider werden stumm. Plötzlich ein römisches Wetter. Die durstige Mondnacht liegt an meinen Venen. Darunter ausgesetzte Sterne, deren Herzen von Tränen schwer sind.
Mein Atem, ein unkalkuliertes Verschieben der Wirklichkeit.
Ein gereifterer Blick nimmt mich gefangen. Ich bin bloß ein Quantum, vielleicht ein Vorgefühl im Gewand Marc Aurels.
Hier: eine Epoche, so unbestimmt wie die morgendlichen Farben der Seine.
Mit den Kähnen gehe ich auf wie die Morgensonne. Man hat meine Umrisse vergessen. Das Schwarz im Repertoir Monets.

Eine Hommage an Tomas Tranströmer.

Psalm.

Ich lehne meine Arme ans Unaussprechliche. Ein sonnenüberwobener März, der meinem Inneren verwandt ist. Herzklopfen. Schwere Sinne, dass man beinahe ruhen möchte.
Sie sprechen von Städten, von Feldern, die im Symbolischen münden. Jeder fallende Rumpf ist die Vorsilbe eines bronzenen Grashalms. Halbgeöffnete Sperlingsmünder formulieren die Ewigkeit. Du fühlst die gräsernen Spitzen vertrockneter Weizenhälse, die kurz innehalten, ehe sie dein Augenlicht berühren.
Gib das Wasser formulierbarer Rosenkelche hinzu. Sieh, wie sich das Tageslicht in jedem Atom weichzeichnet. Wie sich dein altes Gesicht erneuert…
Mach das Licht endlich schwerer. Lass den verschlafenen Lidern ihre Stille.
Du vergehst zu rasch, um jetzt zurückzuweichen.

Gold-Promenaden.

Im scherzhaften Tageslicht tauchten letzte Schwalben. Vor unseren Füßen der Waldweg. Du erkennst in großer Ferne den verwandten Staub, der merkwürdige Silhouetten formt. Meine Füße zögern noch, ehe sie die Erde spüren. Über morschem Geäst die sonnendurchleuchteten Pollenwinde. Es ist, als zöge die Oberfläche an unseren Händen. Die Oberfläche weitläufiger, offener Lüfte.
Vereinzelt suchen dämmernde Rufe nach Widerhall an unseren Fingerspitzen. Dann legen wir uns ins Grün der Sommerzeit; kennen Orte, in deren Schatten man Kirschen isst. Zuweilen lauschst du dem Brennen der Fruchtschalen. Verflüssigst den Geschmack regenumsäumter, zarter Wildbeeren, die sich im eigenen Tiefblau sonnen.

La couleur du ciel.

Wir spielten unter den Apfelbäumen. Im Himmel trieben die Wolken so sorglos. Und jeder Tag war uns lieb und wie der endlose Rausch eines unbekümmerten Lebens. Von den blühenden Sträuchern stieg ein herrlicher Duft an unsere Nasen. Mit dem Vogelzwitschern waren die kühlenden Lüfte aufgefüllt. Momente, in denen das Gestern sich erhält.
In deinem Garten waren die Früchte gereift. Von Kostbarkeiten überladen bogen sich die alten Bäume. Meinen Kopf legte ich gern in die Gräser, warf dir verstohlene Blicke zu, deren glänzendes Blau dir gefiel. In diesen Stunden schien uns die Welt offen und unvorherbestimmt.
Du lächeltest innig, wenn du mir Kirschen gabst, die im weiten Rund ihrer überlaufenden Farbe schimmerten. Das feurige Rot mancher Blüte spiegelte sich in deinen Augen. Von Zeit zu Zeit schlossen sich deine feinen Lider, lehnten sich an den streichelnden Sommerwind, als ginge deine Seele hinfort.
Dies ist nun, da ich heimkehre, anders. Manchmal führen mich farblose Tränen zurück an den Ort unserer Kindheit. Zurück zu den Feldern, über die wir so schwerelos liefen.
Ich schaue über die verwitterten Lauben, hinter denen kahle Stämme ruhen. Gelegentlich ein rufender Blick von dir. Dann treiben erfrorene Apfelblüten durch das versteinerte Gartentor zu mir.

La fille qui songe.

Ihre Träume stehen an stillen Ufern. Das Wasser, das zu Luft geworden ist, bewegt sich um ihre blassen Wangen. Manchmal regt sich das Blau ihrer Regenbogenhaut, als wäre dort ein Fenster im Nirgendwo. Man spürt es ausgebrandet.
Sie legt ihre schmalen Finger um das einfallende Licht, das größer wird.

Der Sand wird süßer. Letzte Schaumkronen vergilben im Trockenen. Irgendwo hat man Herzen verewigt. Finde sie in der sternenlosen Nacht.
Sei wie ein schlummerndes Meer ohne Grenzen. Sei wie das Rot an den Säumen verbrannter Früchte, die zu Boden fallen. Allein mit dir. An sterbenden Orten.

L’année Quarante.

Schmieg deinen Kopf an meine zerrissene Brust, bis der Wind uns entfacht. Spür deine Schultern zum Himmel steigen: Deine Stirn vergisst das Weiß.
Körperteile schlagen dumpf an entlegene Tore. Man bindet ihre entkleideten Sehnen an das Grabmal der Unendlichkeit: Silbern verzierte Kränze in der Stille. Brombeerranken, deren Tiefschwarz dir das Augenlicht nimmt. Abgemilderte Nuancen.
Im Rücken der Welt nur das matte Summen einer Lerche.
Meine stummen Finger an den Rändern deiner Schläfe: Pulsentleertes Rauschen einer Klinge. Der Stahl seelenimmanenter Fabriken.
Zuletzt Stickstoff werden, oder vertrocknetes Wasser, das an brüchigen Stellen durch alle Poren der Erde dringt.
Danach einzig der Schall berstender Sinne an bröckelnden Fassaden.

’40|PZ

Makroskopie.

Die Tränen gehen mir nicht mehr aus dem Sinn. Vermehrte Facetten, fortlaufend ins Unmittelbare. Verschlossen bleiben alle Dinge, die du erblickst. Es fühlt sich wie ein permanenter Winter an. Eisverhangene Bilder, die ins Leere münden. Keine Fenster ringsum, die dich schützen. Dein Bett: gehoben aus den Fäden der Nacht. Gehalten von aufströmender Luft. Ihre Kälte überdeckt die müden Augen.
Langsam steigen Halme in den Vorgarten. Du entziehst ihnen das Schwarz. Machst sie weicher, redlicher.
Zuweilen sinken wir. Dann sind Blätter wie unsere Brüder: warm, vertraut, als würden ihre Stimmen zu uns sprechen. Zuletzt aber schlafen sie, tun es lang und immerfort.

Von den Dächern löst sich frostbeladenes Orange. Man sieht vereinzelt Häuser; still, in ungeformter Struktur. Bisweilen trennen Konturen den Raum. Man flüstert in den Morgen. Atemlos. Niemand, der jetzt schliefe.
Gesondert flimmern Mollklänge durch tote Sträucher. Den Augen mehr Gelb hinzufügend. In den Vorhöfen klirren Menschen, Körper. Ich zähle sie nicht. Stattdessen fahren meine Finger über die Kanten der Nacht. Unverbranntes Blut: die abgefallenen Verse – dahinter der Horizont.
Du nahmst alles Blau aus den Gefäßen, die meine Seele enthielten. Nahmst ihnen das Weiß, nahmst ihnen das Grün. Heute nur das Morgenrot glimmender Wintertage. Aufgereiht an Schnuren der Wiederkehr.

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