A.M. Perezáno ∙ Leben und Poesie

»Niemals kann mein Vers größer sein als die Frage deines Mundes nach Liebe.«

Stillleben des Schriftraums #4

by Lebensmelodie

Auf dem Dach des Winters halte ich inne. Die Lippen haben den Frost noch nicht abgeworfen. Leise zaudere ich, lasse das Licht für einen Moment durch meine Augen fallen, schlafe stumm im Tagwind des Geistes. Meine Gefühle tragen das Emblem der Zeit, schleifen atemlos über das Laub. Gerade ging ein Vogel über die Silben und begann seinen Tanz. Die Stadt ist indes zu einem Text geronnen. Ich lese die Stundenbücher meiner Epoche. Zuweilen fokussiert die Linse ein Flüstern; Düfte von Elend, Pest, Liebe. Neben dem brüchigen Schornstein liegen farblose Bilder. Den Sommer und das Licht haben sie wortlos veräußert.

by Lebensmelodie

Ohne den Mythos gibt es auch den Künstler nicht.

mein vers liebt …

by Lebensmelodie

ich habe die nacht
durch münder tauchen sehen
und wusste um das gedicht:

einsam
lauscht der silberne körper
des mandelbaums

an sterne gelehnt
kostet er gleichsam
von auge
und licht

Stillleben des Schriftraums #3

by Lebensmelodie

Mein Schweigen ist die Angst, einem Notwendigen Ausdruck zu verleihen. Es ist die letzte Möglichkeit des Ichs, einer Konfrontation mit sich selbst zu entgehen. Als Schweigender unternehme ich den Versuch, mir das Provisorium “Identität” zum ewigen Kokon zu machen; ich scheue davor zurück, mich eines Tages ein Wort sprechen zu hören, welches mir nicht gehört. Solange mir also die Dekonstruktion meiner begrifflichen Hülle erspart bleibt, möchte ich ruhen zwischen den Silben und Melodien meiner Tagträume.

Stillleben des Schriftraums #2

by Lebensmelodie

Die Wirklichkeit ringt nach Entfremdung. Du kannst es in jedem Winkel der Stadt sehen.
Manchmal durchbricht das Rauschen der Bahn die Stille für einen präzisen Moment, und es steigt aus deinem Geiste auf wie gereinigte Luft: Dasein. Die Bürde eines sich entstaltenden Lebens.

An diesen Tagen liegt die Stadt wie eine Hieroglyphe im Nebel. Ich steige hinüber in die Elektrische und passiere die Quartiers. Die Eisen durchspalten das Meer aus Häusern und Staub, vorbei an den Linden, Schluchten, Felsen. Vor meinen Augen liegt der Text des Lebens. Bis in die Nacht folge ich den Schriften des Raums, sehe Fenster und Straßen, trage Silben in das Tagebuch, wechsle die Linien von West nach Ost. Verströme wie in Trance über das rauschende Intermezzo.

[...]

by Lebensmelodie

Der Text ist das Relief, auf dem ich mein Leben erprobe.

by Lebensmelodie

Wir steigen ins Auto. Die Zigarette liegt fest in der Hand, es kann uns jetzt nichts mehr passieren. Ich trage in meiner Stirn das Sichtbare und die Farben all meiner Bilder, wenn du bei mir bist. Seele verortet. Die Blicke folgen den Mauern des Raums. Nur du bist der Grund, warum ich nachts an den Lippen des Gleisbetts hafte und schmalere Schriften entwerfe. Ich habe den Raum geschaffen, in dem du eine Note bist. Aber keine Stadt – siehst du die Vögel?sag mir, siehst du sie? – Aber… keine Stadt schmeckt so süß wie der Rum des Abschieds, der unter den Nägeln brennt, ehe er die Leber küsst.

[...]

Stillleben des Schriftraums #1

by Lebensmelodie

An den Häusern las man ja immer schon die Bilder und Chiffren. Da bildet Paris keine Ausnahme. Es geht mir also um den Raum, den die Bilder zum Atmen brauchen. Man kann ihnen nicht das Licht nehmen, oder spätabends zu ihnen zurückkehren, im Tagebuch Rosen züchten ohne den Staub der Sonne. Viel diffuser ist dieser Ort, an dem man liest. Er liegt zwischen Auge und Silbe, stets ausgebreitet, doch unberührbar. Man hält ihn deswegen auch für weniger wahr. Man meint: das Ich und die Stadt – das seien verschiedene Größen. Man hat sich, wenn mir dies gestattet sei, schon immer ein wenig getäuscht mit den Urteilen und Reden.

[...]

Akzentuierungen des Lebens

by Lebensmelodie

Poesie ist primär eine Angelegenheit der Erfahrung. Sie bildet ihre Gesetze nicht nach Maßgaben des Verstandes, sondern nach der Beschaffenheit des Augenblicks, in der sie entsteht. Dieses selbsreflexive Moment erweist sich zugleich als subjektiv-historische Verortung des Dichters im Kontext dessen, was wir unter dem Begriff Leben subsumieren. Das Gedicht markiert die Beschaffenheit einer Erfahrungseinheit, deren Reflexion in ästhetischen Ausdrucksformen mündet. – Der Poet stellt nicht dar; er erbaut und leiht dem Blinden sein Augenlicht.

monaden

by Lebensmelodie

sternenstill
fließen wälder zur nacht
meiner seele

trunkene küsse
streifen nebelsacht
haut, lippen,
herz

Parodie

by Lebensmelodie

Dein Mund ist in den meinen
sanft gewoben:
sprachlose Bewegung,
Himmelsglanz der Glieder
und der Sinne
unter denen du nächtigst,
du – Welle aus Tönen
und Fleisch

du erfährst dich in mir,
bist Stern meiner Ursprache
und stete Wiedergeburt,
Antlitz des Unmöglichen,
Regen im Lenz,
dessen Tücher sich lüften.

Orpheus

by Lebensmelodie

Vom Sonnenlicht umwoben
schienen endlos dir die Tage;
Stunden, blütenblass, verflogen,
drangen weit und ohne Klage
in das stumme Weltental.

Rosen trugen deiner Lieder Pein;
gestaltlos, wie ein fremder Wille,
warst du auserkor’n für neues Sein,
darin sich fügten Leid und Stille
in verwandelnd leisem Klang.

by Lebensmelodie

Mit dem Prädikat schön ist man noch nie einem Kunstwerk auch nur annähernd gerecht geworden. Vielmehr artikuliert der Sprecher in jener Zuweisung seine Sehnsucht nach Bindung und Identität, trifft aber keinerlei Aussagen über die Beschaffenheit des Werkes als solches. Er tut nichts anderes, als das Kunstwerk in einem individuell-soziologischen Kontext anzusiedeln.

by Lebensmelodie

Die Signifikantmachung der Autorenfigur erweist sich als Versuch, die Stummheit des Textes in ihr Gegenteil zu verkehren.

Literatur als diskursive Praktik

by Lebensmelodie

Der literarische Text ist immer ein Konglomerat von Äußerungspraktiken, die fälscherlicherweise unter dem Signum eines individuellen Autors subsumiert werden.

Wahrheit in Diskursen?

by Lebensmelodie

Abstrakte Begriffe, deren Gültigkeit nicht innerhalb eines konsistenten Beweises geklärt werden kann, erweisen sich als ewig fortzuschreibende Diskurse. So verhält es sich mit der Moral und gleichermaßen mit der Freiheit. Postulieren wir nun als eine notwendige Bedingung des Wissens die Unwiderlegbarkeit, so verdeutlicht sich, dass jenen abstrakten Spracheinheiten kein objektiver Wahrheitswert zugewiesen werden kann. Sie verbleiben zumeist als Postulate der praktischen Vernunft.

by Lebensmelodie

Die Kunst ist der größtmögliche Ausdruck einer beständig voranschreitenden Selbstkultivierung.

Die Erfahrung vom Text

by Lebensmelodie

Der Leser macht jene Bereiche des Textes signifikant, die entweder seiner kulturellen Prägung entsprechen oder von ihm als Derivate eines übergeordneten semantischen Feldes aufgefasst werden.
Unsere Lektüre ist zumeist dahingehend motiviert, ein homogenes Gesamtbild zu konstruieren. Der Leser betreibt eine Subsumtion der zuträglichen Details unter seinen individuellen Interpretationsstrang und treibt jene Informationen, die seiner Lektüre nicht befruchtend zur Seite stehen, in die Insignifikanz. Somit lässt sich die Lektüre als eine primär selbstreflexive Tätigkeit klassifizieren.

by Lebensmelodie

Dein luftgeborener Mund
lässt von den Blüten ab,
wird allmählich Bild,
noch bevor er dem Meer
das Silber zurückgibt,
und den einsamen Tieren
die Stille.

Anmerkung

by Lebensmelodie

Nostalgisch motiviert zu sein bedeutet, dem Alten eine neue Gestalt zu verleihen. Es geht nicht darum, einem Erfahrungsstoff die “Würde des Unbekannten” zu geben, wie es Novalis formulierte, sondern um die Verwirklichung des Augenblicks im sprachlichen Medium. Das Gedicht stellt diesen als komplexe Erfahrung dar, beabsichtigt jedoch nicht, ihn unmittelbar zu kommunizieren. Die künstlerische Realisierung des Augenblicks ist keine Verortung des Individuums im Kanon der Weltgeschichte, sondern ein Inkraftsetzen individuell-geistiger Regularitäten.

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