A.M. Perezáno ∙ Leben und Poesie

»Niemals kann mein Vers größer sein als die Frage deines Mundes nach Liebe.«

Einem Freund gewidmet

by Lebensmelodie

In der Tat sind es die alten Tage, die uns dazu motivieren, immer wieder in den Diskurs einzusteigen, auch wenn er zuweilen beschwerlich vonstatten geht.
Du hast völlig recht, lieber Freund, wenn du das Kind im Dichter als Credo einer reüssierenden Laufbahn forderst. Nur das unvoreingenommene, unschuldige Sich-Umblicken in der Welt, welche uns mit so viel Pracht begegnet, garantiert eine Prävention dieses Unflexibel-Werdens. Der ästhetische Moment gebiert nicht aus einer starr kategorisierenden Wahrnehmung, sondern aus der Erkenntnis einer fundamentalen Mannigfaltigkeit, in die wir selbst eingebettet sind. – Wie sollten wir auch Kunst schaffen ohne die Bereitschaft, unseren beschneidenden Blick für einen Moment ruhen zu lassen? Wie sollten wir den Dingen gerecht werden, wenn wir ihnen durch ein invariantes System von Begriffen stets Gewalt antun? – Das künstlerische Gemüt nimmt Abstand von den Zwängen, die es sich traditionell selbst auferlegt und veranlasst somit eine stete Bestrebung des Transzendierens formaler Begrifflichkeit. – Unter diesem Aspekt wird die Tangente zwischen Ästhetik und Moral als Vorbedingung eines gelingenden Künstlertums lesbar.

Über Kunst und Poesie – I

by Lebensmelodie

Kunst beginnt weit vor der Schaffung eines konkreten Gegenstandes. Sie umfasst sowohl Prozesse der Wahrnehmung als auch der Darstellung und Reflexion von Bewusstseinsinhalten. Künstlerisch zu denken bedeutet, die konventionellen Kontexte zu überschreiten und vorgefertigte Begriffsmuster zurückzustellen. Der künstlerische Blick strebt nach permanenter Neuordnung sowie (Re-)Funktionalisierung des Erlebten.
Die Kunst modelliert all jenes, was uns in der mentalen Repräsentation versagt bleibt und sich in keinen singulären Denkbegriff fügen lässt. Ihre Leistung besteht in diesem Sinne darin – in Anlehnung an die Beobachtung der Natur -, eine unmittelbare Erfahrung von Mannigfaltigkeit zu verursachen. Indem uns das Kunstwerk an der Beschaffenheit seiner Darstellung teilhaben lässt, überschreitet es den Bereich der reinen Denkanschauung und bereitet zugleich die Ebene der Sensation.

nördlich des horizonts

by Lebensmelodie

man könnte den leib
beschließen mit einer rose
des abschieds

doch fühlte man nicht
jene melancholie
welche der juni bringt -

o wie er die schweren vögel
der sonne entnimmt
und sie ans ufer
schäumender küsten legt -

unbedacht geht er
über die farben der tiere
in denen die stille
sich verliert -

rose des abschieds -:
nicht stern oder silbe
daraus im geiste
die nacht gebiert

Einer Freundin zugedacht

by Lebensmelodie

Die Unbegreifbarkeit dessen, was uns zuweilen widerfährt, bleibt wohl auf ewig eine Triebfeder menschlicher Betätigung. Deshalb kann die Dichtkunst – als Mittel des Dialoges – im besten Falle dazu beitragen, diese großen Leerstellen auszufüllen. Sie ersetzt nicht, aber sie vermittelt. – Die Dichtkunst leistet eine Aussprache mit dem Unbegreifbaren.

o verão

by Lebensmelodie

er geht über das licht
in die goldenen früchte
des mundes

neben die blüten
des innern legt er
die geläuterten räume

verwandelt stehen
baum und fluren:
die erde kehrt
in das land zurück

Leerstellen der Artikulation

by Lebensmelodie

»Dann ruhte alles und war wie Meere, deren Wellen stillstehen…«

Über das Schreiben wurde seit Anbeginn der Kultur geschrieben – und sicherlich auch gesprochen. Wie der Entwurf sich artikuliert, wie er seine Zeichen anbringt: all dies ist uns bewusst. – Doch was ist mit der dialektischen Beziehung von Sprechen und Schweigen? Hat man darin nicht zu lang einen antagonistischen Widerspruch gesehen? – Vielleicht, so dünkt mich, wird das Sprechen erst dort fruchtbar, wo es sich mit dem Schweigen vermischt. Die Bedeutung des nicht eingetragenen Wortes in das große Relief des Lebens muss uns, im Sinne einer gründlichen Betrachtung, intensiver beschäftigen. Die Sprache kennt die Flut, aber sie kennt ebenso die Ebbe. Das Schweigen als solches findet in der Leerstelle nur eine mögliche Repräsentation. Denn die Sprache selbst ist es, welche kraft ihrer mannigfaltigen Darstellungsformen das Schweigen manifestiert. Ob synästhetisch, metaphorisch, allegorisch: Die Stille schreibt sich in den Kanon des Sagbaren ein und bildet somit einen ästhetischen Gegenpol zum Topos des Aussprechens.

Die Erfindung des Wortes #1

by Lebensmelodie

Vögel. Nichts als Stille. Formlose Körper,
von denen man glaubt, sie seien Luft.
Bedächtig trifft das Wort ihre Federn,
den Schnabel, das Wasser.
Man erntet das Fruchtfleisch der
Silben. Über den Häusern
blutet dein frischer Mund.

Zur Programmatik des Dichterberufs

by Lebensmelodie

»Daß ich Dir’s mit einem Worte sage: mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden, das war dunkel von Jugend auf mein Wunsch und meine Absicht.«

Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre, Stuttgart, 2012, S.301.

 

Über das Wesen der Dichter respektive ihrer poetischen Konzeptionen wurde mannigfach philosophiert. Und auch in Zeiten, in denen die autobiographische Lektüre ihren Zenit längst überschritten hat, ist man im Falle der Lyrik dennoch geneigt, nach dem Werdegang des Autors zu fragen, um diesen mit dem Werk in Korrelation zu bringen. – Wodurch also authentifiziert sich der Weg des Dichters? Goethes Darstellung ruft hierzu einen fruchtbaren Kontext auf: Der Dichter betreibt seine Berufung aus bildungsperspektivischer Sicht. Die Analogie zum Bildungsroman ergibt sich zwangsläufig. – Den Poeten beschäftigt nicht zuvörderst die Qualität seiner Arbeiten (welche sich ohnehin nicht an objektiven Kriterien ermessen lässt). Ihm ist vielmehr daran gelegen, die (Aus-)Bildung der eigenen Persönlichkeit im Erproben der schönen Künste zu vollziehen. – Gerade weil die Dichtkunst sich oftmals auf sich selbst bezieht, also ein Moment der Autoreflexivität impliziert, verweist sie auf die Bedingungen ihrer Entstehung und somit zugleich auf die Beschaffenheit der Autorfigur. – Offensichtlich ist die Entstehung solcherlei Texte eng mit der teleologischen Konzeption ihres Urhebers verflochten. Jeder singuläre Text markiert eine Etappe auf dem unermesslichen Pfad der Selbstgewahrwerdung. Jeder Vers wird als Dialog des Dichters mit sich selbst (und seinem Identitätsmythos) lesbar. – Somit wird erkenntlich, wie eng sich der Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsbildung und Kunstausübung darstellt. Unter dieser Prämisse darf die Konzeption Goethes, vertreten durch die Figur des Wilhelm Meister, als Plädoyer für eine klassische Bildungsprogrammatik angesehen werden, deren zeitlose Geltung sie über etwaige Zweifel erhaben macht.

by Lebensmelodie

Es ist die Zierde des Weisen, dass er sein Wissen stets als einen Schild führt und nicht als ein Schwert.

Kontraposition oder: Bestimmtheit der Anti-Poesie

by Lebensmelodie

»Das Gewebe dieser Welt ist aus Notwendigkeit und Zufall gebildet; die Vernunft des Menschen stellt sich zwischen beide und weiß sie zu beherrschen; sie behandelt das Notwendige als den Grund ihres Daseins; das Zufällige weiß sie zu lenken, zu leiten und zu nutzen, und nur, indem sie fest und unerschütterlich steht, verdient der Mensch, ein Gott der Erde genannt zu werden.«

Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre, Stuttgart, 2012, S.71.

Der hier zitierte Befund mutet wie ein Hoheitsemblem der Philosophiegeschichte an und scheut nicht davor zurück, eine strikte Distinktion zwischen der rationalen Wissenschaft und ihrem Widerpart, der oftmals manieristischen Kunst, zu treffen. Tatsächlich entstammen diese Worte keinem philosophischen Text, sondern sind integraler Bestandteil eines literarischen Machwerks der Klassik. Innerhalb jenes Textes bildet die hier aufgeführte Passage eine dialektische Struktur aus und macht somit die Divergenz zwischen den Paradigmen lesbar. Kunst und Wissenschaft – das Individuum zwischen Eros und Ratio -: All dies findet sich im diskursiven Gerüst des Wilhelm Meisters repräsentiert. In diesem Sinne verhandelt der Text die Programmatik und zugleich die Beschränkungen der Kunst, welche sich, gerade anhand der Figur des Wilhelm, als evident erweisen. Die Erhebung des Menschen zum Göttlichen erfolgt in der Logik des hierbei bemühten Diskurses gerade nicht durch die blinde Hingabe des Menschen an den Eros, welche stets einer fundamentalen Kontingenz ausgesetzt ist.

[...]

zwischenspiel

by Lebensmelodie

ein mädchen, erst vierzehn jahr,
beschreitet den weg des salzes

ihre füße kennen den regen,
das lachen, die mulden des
pfirsichbaums

sprachlos promeniert sie
den leib, der mit blüten umsäumt

ein mädchen, erst vierzehn jahr,
und haaren so blond wie das
gold des sommers

Stillleben des Schriftraums #4

by Lebensmelodie

Auf dem Dach des Winters halte ich inne. Die Lippen haben den Frost noch nicht abgeworfen. Leise zaudere ich, lasse das Licht für einen Moment durch meine Augen fallen, schlafe stumm im Tagwind des Geistes. Meine Gefühle tragen das Emblem der Zeit, schleifen atemlos über das Laub. Gerade ging ein Vogel über die Silben und begann seinen Tanz. Die Stadt ist indes zu einem Text geronnen. Ich lese die Stundenbücher meiner Epoche. Zuweilen fokussiert die Linse ein Flüstern; Düfte von Elend, Pest, Liebe. Neben dem brüchigen Schornstein liegen farblose Bilder. Den Sommer und das Licht haben sie wortlos veräußert.

by Lebensmelodie

Ohne den Mythos gibt es auch den Künstler nicht.

mein vers liebt …

by Lebensmelodie

ich habe die nacht
durch münder tauchen sehen
und wusste um das gedicht:

einsam
lauscht der silberne körper
des mandelbaums

an sterne gelehnt
kostet er gleichsam
von auge
und licht

Stillleben des Schriftraums #3

by Lebensmelodie

Mein Schweigen ist die Angst, einem Notwendigen Ausdruck zu verleihen. Es ist die letzte Möglichkeit des Ichs, einer Konfrontation mit sich selbst zu entgehen. Als Schweigender unternehme ich den Versuch, mir das Provisorium “Identität” zum ewigen Kokon zu machen; ich scheue davor zurück, mich eines Tages ein Wort sprechen zu hören, welches mir nicht gehört. Solange mir also die Dekonstruktion meiner begrifflichen Hülle erspart bleibt, möchte ich ruhen zwischen den Silben und Melodien meiner Tagträume.

Stillleben des Schriftraums #2

by Lebensmelodie

Die Wirklichkeit ringt nach Entfremdung. Du kannst es in jedem Winkel der Stadt sehen.
Manchmal durchbricht das Rauschen der Bahn die Stille für einen präzisen Moment, und es steigt aus deinem Geiste auf wie gereinigte Luft: Dasein. Die Bürde eines sich entstaltenden Lebens.

An diesen Tagen liegt die Stadt wie eine Hieroglyphe im Nebel. Ich steige hinüber in die Elektrische und passiere die Quartiers. Die Eisen durchspalten das Meer aus Häusern und Staub, vorbei an den Linden, Schluchten, Felsen. Vor meinen Augen liegt der Text des Lebens. Bis in die Nacht folge ich den Schriften des Raums, sehe Fenster und Straßen, trage Silben in das Tagebuch, wechsle die Linien von West nach Ost. Verströme wie in Trance über das rauschende Intermezzo.

[...]

Vorangestelltes Zitat

by Lebensmelodie

Der Text ist das Relief, auf dem ich mein Leben erprobe.

by Lebensmelodie

Wir steigen ins Auto. Die Zigarette liegt fest in der Hand, es kann uns jetzt nichts mehr passieren. Ich trage in meiner Stirn das Sichtbare und die Farben all meiner Bilder, wenn du bei mir bist. Seele verortet. Die Blicke folgen den Mauern des Raums. Nur du bist der Grund, warum ich nachts an den Lippen des Gleisbetts hafte und schmalere Schriften entwerfe. Ich habe den Raum geschaffen, in dem du eine Note bist. Aber keine Stadt – siehst du die Vögel?sag mir, siehst du sie? – Aber… keine Stadt schmeckt so süß wie der Rum des Abschieds, der unter den Nägeln brennt, ehe er die Leber küsst.

[...]

Stillleben des Schriftraums #1

by Lebensmelodie

An den Häusern las man ja immer schon die Bilder und Chiffren. Da bildet Paris keine Ausnahme. Es geht mir also um den Raum, den die Bilder zum Atmen brauchen. Man kann ihnen nicht das Licht nehmen, oder spätabends zu ihnen zurückkehren, im Tagebuch Rosen züchten ohne den Staub der Sonne. Viel diffuser ist dieser Ort, an dem man liest. Er liegt zwischen Auge und Silbe, stets ausgebreitet, doch unberührbar. Man hält ihn deswegen auch für weniger wahr. Man meint: das Ich und die Stadt – das seien verschiedene Größen. Man hat sich, wenn mir dies gestattet sei, schon immer ein wenig getäuscht mit den Urteilen und Reden.

[...]

Akzentuierungen des Lebens

by Lebensmelodie

Poesie ist primär eine Angelegenheit der Erfahrung. Sie bildet ihre Gesetze nicht nach Maßgaben des Verstandes, sondern nach der Beschaffenheit des Augenblicks, in der sie entsteht. Dieses selbsreflexive Moment erweist sich zugleich als subjektiv-historische Verortung des Dichters im Kontext dessen, was wir unter dem Begriff Leben subsumieren. Das Gedicht markiert die Beschaffenheit einer Erfahrungseinheit, deren Reflexion in ästhetischen Ausdrucksformen mündet. – Der Poet stellt nicht dar; er erbaut und leiht dem Blinden sein Augenlicht.

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